Zuerst sieht man nur einzelne bunte Mützen, hört da und dort ein Kinderlachen. Je näher man dem Gleis 12 im Bahnhof Chur kommt, desto mehr verdichten sich die Farben und das Lachen zu einer fröhlichen Kinderschar. Mützen, blaue Rucksäcke und pinke Ohrwärmer tummeln sich dicht an dicht. Alles schwatzt aufgeregt: «Wo ist der Zug?» – «Müssen wir hier einsteigen?» Dann plötzlich: «Lueg! Da ist Linard Bardill.»

Tatsächlich. Fast so bunt wie die Kinder steht der bekannte Liedermacher da. Nur etwa doppelt so gross. Er legt seine Gitarre an und singt ein Begrüssungslied. «Clà Ferrovia, Clà Ferrovia, sind mer scho z spat?»

Und als hätte eine altertümliche Eisenbahn nur darauf gewartet, schiebt sie sich nun imposant neben das Perron. Als sie endlich steht, winkt aus dem Fenster ein Kondukteur. Auch er scheint aus einer anderen Zeit zu kommen: Nostalgisch seine Uniform mit den glänzenden Knöpfen, adrett die Epauletten – nur das Lächeln ist so breit, wie sich das früher kein Kondukteur erlaubt hätte.

Bilderbuch-Kondukteur
Es ist der vorhin besungene Clà Ferrovia, der mit Herz und Seele für die Rhätische Bahn arbeitet, sagenhafte 182 Jahre auf dem Buckel hat, die man ihm natürlich nicht ansieht, weil er eine waschechte Märchenfigur ist. Ausgedacht hat ihn vor nicht allzu langer Zeit der Liedermacher und Geschichtenerzähler Linard Bardill. Warum, erzählt er gegenüber der «Schweiz am Sonntag»: «Mein Vater hat bei der Rhätischen Bahn gearbeitet, genauso wie mein Grossvater, der 1936 für den Schah von Persien eigenhändig einen roten Teppich ausrollte.»

Traumberuf Kondukteur
Und er kommt ins Schwärmen: «Als Bub war für mich Kondukteur der absolute Traumberuf.» Keine Frage, dass er auch Kinder von heute in die Abenteuer und Geheimnisse der Zugfahrt einweihen will. Tatkräftig unterstützt wird er dabei von der Bilderbuchfigur Clà Ferrovia (alias Schauspieler Marius Tschirky). Soeben nimmt dieser Linard Bardills Melodie auf und antwortet: «Nei ihr sind nöd z spat, solang s Krokodil no staht. Stiged y, Gross und Chli! S Krokodil fahrt los!»

Das Krokodil ist übrigens eine Schweizer Lokomotive aus den 1920er-Jahren, die bis nach Indien exportiert wurde und deren Silhouette tatsächlich aussieht wie das Reptil. Im Moment allerdings zieht das Krokodil vor allem bei den Kindern den Kürzeren. Irgendwie logisch. Es kommt ja auch nicht alle Tage vor, dass ein Märchenkondukteur aus seinem Buch heraussteigt und leibhaftig vor einem steht.

Und wer Linard Bardill kennt, weiss, dass auch die folgenden sechseinhalb Stunden Reise auf direktem Weg in die Welt der Märchen führen werden. Diesmal gehts ins Farbenland. Zu den Gnomen. Die hätten wieder mal zu viel Tannenschössli-Wein gesoffen und prompt beim Felsblock-Fussball die Steinohreule getroffen, raunt Clà Ferrovia den Kindern zu. Doch wenn die Eule wütend sei, sehe es schwarz aus für sämtliche Menschen von Chur bis Rotterdam. Sie alle können dann nicht mehr lachen – wieso, das erzählt der Kondukteur den rund 40 Kindern auf der Fahrt.

Während also die nostalgische Eisenbahn die Strecke über Landquart nach Davos und via Filisur und Thusis zurück nach Chur tuckert und Eltern wie Grosseltern im Panoramawagen die grossartige Landschaft geniessen, haben die mitfahrenden Kinder beide Hände voll zu tun. Immerhin gilt es, das Lachen der Menschen zu retten. Darum nimmt Clà Ferrovia die «Kurzen» mit in seinen Privat-Waggon, wo sie auf einem Teppich sitzend Ahorn-Propeller basteln, um die Saaser Windfrauen zu wecken, bunte Papierflugzeuge für die Steinohreule falten, den geheimen Kondukteurengruss lernen und der Geschichte rund um die beleidigte Eule und das verschwundene Lachen von A bis Zet lauschen dürfen.

Dass das Lachen der Menschheit zu retten ordentlich hungrig macht, wird keiner bestreiten. Also gibts nach anderthalb Stunden einen Zwischenhalt mit Birnenweggen, Sauser und Singen mit Linard Bardill und Clà Ferrovia – diesmal für Gross und Klein zusammen. Mancher Vater tut sich schwer beim Mitmachen, was Clà Ferrovia trocken kommentiert: «Wenn ich über euren Augen solche Falten sehe, weiss ich schon: Mit euch haben wir noch etwas Mühe.» Aber Kneifen gilt nicht. Und so singen schliesslich Erwachsene beiderlei Geschlechts die Lieder von der Kuh «Mia flotta Lisalotta» bis hin zum Esel. Bald darauf heisst es wieder «Alles Einsteigen!», was die Kinder mit dem frisch gelernten Kondukteuren-Gruss quittieren.

Ab dann geht die Fahrt für Gross und Klein gemeinsam weiter. Entweder im offenen Panoramawagen oder in nostalgischen Drittklasswagen mit Holzbänken samt Sitzheizung. Und nicht zuletzt die antike Toilette, unter deren Klomuschel man die Gleise vorbeischiessen sieht, fasziniert Kinder aller Altersstufen. Nur draufsitzen mögen die Allerkleinsten nicht. Sie werden bei der kurzen Wanderung im Wissner Tobel die Gnomentoilette aufsuchen – sprich: hinter einem Gebüsch verschwinden.

Unter kundiger Leitung fluchen
Denn etepetete ist auf dieser Reise niemand: Dächlikappen werden hier kurzerhand zu Tellern umfunktioniert, die Kleinen dürfen einmal unter kundiger Leitung von Clà Ferrovia wie Gnome fluchen, und als eine Familie mittags ohne Proviant dasteht, macht Linard Bardill kurz entschlossen die Runde und kehrt mit Brot, Wurst und Äpfeln zurück. So wird der Tagesausflug zu einer rundum wunderbaren Erlebnisfahrt für Gross und Klein. Und zu einer, die das Lachen garantiert hervorzaubert – zumindest bei den Mitreisenden.

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