von Monika Neidhart

Still liegt der Inlesee da, so ruhig, dass sich die Spiegelung der Bergkette, die den See begrenzt, klar im Wasser abzeichnet. Da und dort ein Vogelgezwitscher. Die Sonne schiebt sich über die Bergkuppe. Der Fischer steht auf einem Bein am Ende seines langen, schlanken Holzbootes, umschlingt das Ruder mit dem anderen Bein, grätscht und macht eine kräftige runde Ruderbewegung. Gleichzeitig führt er mit beiden Händen das Fischernetz. Sein Boot gleitet in den Goldkegel.

Für die Betrachter ein fast mystischer Moment. Für die Einbeinfischer ist es jedoch der harte Alltag im östlichen Teil Myanmars. Der Fang ist klein, wie auf dem Wochenmarkt sichtbar wird. Zum Markt geht es per Boot, das flach im Wasser liegt, vorbei an schwimmenden Gärten und an Dörfern, deren Holzhäuser auf riesigen Stelzen stehen, durchs offene Wasser des gut 13 Kilometer langen Sees und durch enge Kanäle. Auch an sterilen Ferienresorts vorbei.

In der Bucht am Marktort liegen die schlanken Boote wie Fischgräten aneinandergereiht, zu Hunderten. Natürlich haben die Einheimischen das Geschäft mit den Touristen entdeckt. Doch hat man die Souvenirstände erst einmal hinter sich, taucht man ein in die Welt des Dorfmarktes, wie er an vielen Orten im Land abgehalten wird. Ein buntes, friedliches Treiben. Eine Auslage knapp über Boden folgt der anderen. Gemüse in allen Arten, Früchte in unzähligen Farben, offene Auslagen von Fleisch, ein Messerschmied hämmert ein Schneideblatt.

Frauen der verschiedenen Untergruppen des Shan-Volkes sitzen am Boden und präsentieren ihre Ware. Die Paoh-Frauen tragen orange Tücher, die sie wie Turbane um den Kopf wickeln, und dunkle Kleider. Eine ältere Frau pafft kräftig an ihrer Cheroot-Zigarre, Lungenzüge inklusive. Kaum jemand hat keine ockerfarbene Thanakapaste auf den Wangen. Sie soll der Hautalterung vorbeugen. Entsprechend der Fülle an frischen Nahrungsmitteln ist auch das Essen bunt und vielfältig. Reis, der mindestens zweimal pro Tag dazugehört, wird mit einer scharfen Chilisaue, mit gekochtem Gemüse, Curries, oft auch mit Erdnüssen gemischt und von Hand gegessen – der Knoblauchgeruch bleibt lange im Mund haften. Dagegen hilft selbst der beliebte Grüntee nicht, der in den Hausgärten wächst.

Bei der Grösse des Landes und wegen einzelner für Touristen gesperrter Gebiete sind in Myanmar Inlandflüge auf einer Rundreise kaum zu vermeiden. Der Shan-Staat, in dem der Inlesee liegt, ist vom Flughafen Heho per Auto erreichbar und führt durch eine extrem farbige, hügelige Landschaft. Rote Erde, fahlgrüne Felder und Teeplantagen sind durch Naturhecken abgegrenzt und wirken wie ein riesiger «Blätzliteppich».

«Geld ist Bildung»
Eine lohnenswerte Abwechslung ist eine Zugsfahrt. Ein schaukelndes Erlebnis zudem. Allerdings sind die Fahrpläne für Ausländer kaum lesbar. Sie zeigen Kreise, Kringel – ein schönes Schriftbild. Die einheimische Bevölkerung ist zwar sehr hilfsbereit, doch Englischkenntnisse sind kaum vorhanden. «Geld ist Bildung», meint der 42-jährige Saw, Wanderleiter in den umliegenden Bergen. Nach den fünf obligatorischen Grundjahren hat er seine Tochter in eine weiterführende Schule geschickt. Das letzte Jahr allein kostete 2000 US-Dollar (zum Vergleich: eine Weberin in der Lotusweberei verdient 6 bis 7 Dollar pro Tag).

Später begegnen wir auf einer zweitägigen Flussfahrt auf dem Ayeyarwady, dem über 2000 Kilometer langen Fluss, der zufrieden aussehenden 42-jährigen, ledigen Yin. Sie lebt bei ihrem Vater und ihrem Bruder und töpfert wie alle hier im Dorf. Die Töpferscheibe, an der sie sitzt, treibt ihre Schwester mit dem Fuss an. Über ihr ein grosses Foto, das sie mit ihrem Uniabschluss in Geografie zeigt. Allein in der Stadt zu leben wäre mit einem kleinen Gehalt zu teuer.

Wahrsager entscheiden mit Mandalay ist mit rund 1,5 Millionen Einwohnern die zweitgrösste Stadt Myanmars und rund eine halbe Flugstunde von Heho entfernt. Hier pulsiert das Leben. Auf der Strasse ein dichter Verkehr; neben grossen Autos und vielen Taxis unzählige Mopeds. Als Erbe aus der englischen Kolonialzeit sind viele Autos immer noch rechtsgesteuert. Doch weil ein Astrologe einem ranghohen Militär 1970 prophezeite, dass er auf der linken Strassenhälfte umkäme, wurde kurzerhand der Rechtsverkehr eingeführt.

Neben Wahrsagern und der Verehrung von Nats (gute und böse Geister) prägt der Buddhismus den Alltag. Mandalay ist das geistige Zentrum. Wie auf dem Land sind Pagoden und Tempel allgegenwertig. Lautstark werden die Novizen-Zeremonien gefeiert. In einem Autokorso und mit Musik werden die jungen Knaben, die stark geschminkt und in neonfarbige Kleider gehüllt wie kleine Prinzen aussehen, zum Tempel gefahren. In der Mamuni-Pagode, dem zweitwichtigsten Heiligtum in Myanmar, kleben Vater und Sohn dann ein Goldplättchen auf den Körper der vier Meter grossen Buddhastatue aus dem 2. Jahrhundert. Die rituelle Handlung ist hier, wie an manch anderen Orten, den Männern vorbehalten.

Ochsenkarren und Handy
Bagan, 200 Kilometer von Mandalay entfernt, liegt in einem der trockensten Gebiete Myanmars. Hier, in einer der grössten archäologischen Stätten Asiens, ist man zurück in der Beschaulichkeit. Entsprechend den bis zu 1000-jährigen Pagoden kutschieren Einheimische die Touristen stilgerecht in Ochsenkarren durch die ausgetrocknete Steppenlandschaft. Die grossen Holzräder drehen sich mühelos im ausgefahrenen Sandweg. Leise holpernd geht es an unzähligen ziegelroten Pagoden vorbei, 5000 Ruinen sollen es sein.

Besonders schön zeigt sich die Landschaft auf den Zinnen der Pagoden früh morgens, wenn der Dunst die Konturen verschleiert, oder im Abendlicht, wenn die Hitze erträglicher wird. Im nahen Dorf werden um diese Zeit die Kühe nach Hause getrieben. Ein Ochsengespann zieht eine Staubwolke hinter sich her. Männer und Frauen holen mit einem Holzjoch und zwei Plastikbehältern Wasser für Mensch und Vieh am Dorfbrunnen. Hier tragen alle den Longyi, einen knöchellangen Wickeljupe, in dem ihre Bewegungen elegant aussehen. Wären Fernsehgeräte und Handys nicht allgegenwärtig, man wähnte sich in einem anderen Jahrhundert.

Hoffnung in die Zukunft
Das Hellblau und Rosarot des Abendhimmels mischen sich mit dem Gold der Shwedagonpagode in Yangun, der grössten Stadt Myanmars. Die Keramikplatten vor den Tempeln sind so heiss, dass man sich die nackten Füsse fast verbrennt. Schuhe und Socken sind wie in allen Tempeln und im Haus nicht erlaubt. Das Shw (=Gold) der 90 Meter hohen Pagode, die Haarreliquien von Buddha enthält, glänzt.

Viele reich verzierte Pagoden stehen um sie darum, Gold überall. Murmelnde Betende bei den Geburtstagsnischen. Eine thailändische Mönchs-Pilgergruppe umrundet die Pagode, lachende Kinder – all diese Sinneseindrücke sind enorm stark. Auch wenn sich die Touristen nach der Reise durchs Land «overpagoded» fühlen – diese Pagode ist der Glanzpunkt. Eine ganze Lichterkette von Kerzen wird angezündet – wohl auch in der Hoffnung, dass nach der Militärdiktatur die Zukunft für Myanmar mit Aung San Suu Kyi, der Friedensnobelpreisträgerin, die letztes Jahr zur Staatspräsidentin gewählt wurde, besser wird.

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