Die acht Gänge benötigen mindestens einen halben Tag, um sie zu bewältigen. Was die Freiburger im September bei der Bénichon auftischen, glaubt man nicht, ohne selber einmal zugelangt zu haben. Das ursprüngliche Erntedankfest, das im Familienkreis oder als Dorffest gefeiert wurde, avanciert heute immer mehr zur Touristenattraktion – und Besucher sind willkommen.

Bedingung: einen guten Appetit. Denn wer sich auf das Menü einlässt, wird diese kulinarische Erfahrung, welche die ganze Bandbreite des Freiburgerlandes illustriert, nicht so schnell vergessen. Zuerst geht es los mit einer Cuchaule. Das ist ein Safranbrot bestrichen mit einer Art Erdbeermarmelade sowie Zimt und Weisswein. Dann folgt Le Bouilli, ein Siedfleisch mit Gemüse. Drittens steht ein Lammragout mit karamellisierten Birnen auf dem Programm. Viertens folgt Le Fumé, ein Beinschinken – und eine erste Pause mit einem Birnenschnaps.

Der zweite Teil des Bénichon-Menüs beginnt mit dem Gigot d’agneau, Lammkeule mit knusprig gebratenem Knoblauch und Kartoffelstock. Beim sechsten Gang wird eine Käseplatte serviert mit rassigem Gruyère und Vacherin, gefolgt von – siebtens – einer Meringues mit Früchten. Und wer immer noch nicht genug hat, für den wartet am Schluss La Pâtisserie – Chräbeli und Gebäck. So, das ist ein Bénichon-Menü und zeigt: Im Kanton Freiburg ist ein Festessen noch ein Festessen.

Touristen dürfen sich aber auch mit weniger begnügen, schliesslich gibt es für sie im ganzen Kanton viel zu entdecken, Bewegung ist angesagt. Nun im Spätsommer locken insbesondere tolle Wanderungen, etwa von Broc den Jaunbach entlang, rund um Charmey zu den vielen Aussichtspunkten oder auf dem Greyerzer Sagenweg über Weiden und durch Wälder. Viel zu entdecken und geniessen gibt es auch auf dem Käselehrpfad in Moléson.

Und vielleicht die schönste Wanderung ist die fünfstündige Umrundung der Gastlosen, dieser eindrücklichen Gebirgskette der Fribourger Voralpen mit ihren schroffen, fast weissen Kalkfelsen. Hinter dem Dörfchen Jaun führt die Sesselbahn aufs Musersbergli (1570 Meter) mit dem Bärghus. Die ersten 600 Meter führen über den für alle machbaren Pa-noramaweg zum Aussichtspunkt mit Blick auf die Gastlosen. Bald rückt auch das «Grossmutterloch» ins Visier, Stoff für Legenden und den neuen Detektivweg. Durch einen verzaubert wirkenden Tannen-Farn-Moos-Wald hindurch erreicht man nach 1,5 Stunden das Berghaus Chalet du Soldat (1752 Meter). Welche Aussicht auf Felsen, Alpen und in die Weiten des Greyerzerlandes! Nach kurzem, etwas ruppigem Aufstieg ist mit dem «Wolfsort» (1921 Meter) der höchste Punkt und der Übergang geschafft. Nun schweift der Blick in die Berner Alpen, während es weiter durch steile Wiesenflanken geht. Linkerhand hoch über einem ragen die rot und grün schimmernden Felszacken himmelwärts. Nächste Einkehr ist im Chalet Grat (1642 Meter), wo Claude und Gertrud Buchs den Familien-Alpbetrieb und ein sehr gemütliches Beizli betreiben. Nach einer weiteren Wegstunde wartet für die Talfahrt wieder der Gastlosen-Express (bis 17 Uhr).

Und wer am Älplerleben interessiert ist, darf in Charmey den Alpabzug auf keinen Fall verpassen. Jedes Jahr strömen über 10 000 Besucher hin. Und der Alpabzug von Schwarzsee findet in diesem Jahr mit der kantonalen Chilbi im Fruburgerland in Plaffeien zusammen statt, einem der wichtigsten Besucheranlässe im 2015 – vom 25. bis 27. September. Erst im nächsten Jahr werden noch mehr Besucher in den Kanton Fribourg strömen, dann findet am 29. August das Eidgenössische Schwingfest in Estavayer-le-Lac statt.

Nach zahlreichen Hotelneueröffnungen und Renovationen konnte der Kanton Fribourg im letzten Jahr eine Rekordbesucherzahl verzeichnen, während die meisten anderen Schweizer Regionen Minuszahlen ausweisen mussten. Doch wie sieht es in diesem Jahr aus? Sabrina Rappo, bei Fribourg Région für Sales und Promotion zuständig, sagt: «Im ersten Quartal mussten wir einen leichten Rückgang von 0,7 Prozent registrieren. Die Latte liegt aber hoch mit dem Rekord im Vorjahr. Aus Frankreich und Deutschland registrieren wir je ein Minus von 10 Prozent, Sekundärmärkte und einheimische Gäste wiegen das wieder auf.»

Zum Thema Gastronomie, dem sich Fribourg Région in diesem Jahr speziell widmet, sagt Sabrina Rappo: «Unsere Besucher erleben bei uns eine grosse kulinarische Vielfalt. Das hat mit unserer Topografie zu tun. Wir verfügen über eine See- und Alpenregion sowie über eine urbane Region, dadurch unterscheiden sich die Produkte stark – vom fangfrischen Egli über traditionelle Speisen wie ‹Cuchaule›, ‹Tarte au vin cuit› oder ‹Soupe de chalet› bis zu mit 10 ‹Gault Millau›- klassierten Restaurants im Zentrum.» Und sie fügt an: ««Wir haben viele währschafte Produkte. Aber auch die Sternenköche in Fribourg, schaffen es, diese in anderer, leichterer Form auf den Teller zu bringen – etwa, wenn der 18-Punkte-Koch Pierrot Ayer Menüs mit Vacherin fribourgeois kreiert. Der Umgang mit lokalen Produkten ist unseren Spitzenköchen sehr wichtig.»

Nicht vergessen werden darf: Im Freiburgerland ist das ganze Jahr Fondue-Saison. Im Sommer die Gabel mit Brot im heissen Käse zu tunken, ist bei uns nur schwer vorstellbar – im Kanton Freiburg ist es nichts Ungewöhnliches. Viele Ausflugs- und Wanderrestaurants warten mit einem Moitié-moitié oder einem Fribourger Vacherin-Fondue auf. Schliesslich schmeckt es nirgends so gut wie vor einer Alpkäserei oder direkt am Neuenburgersee.

Eine gewisse Zurückhaltung beim Fachsimpeln über Käse ist angesagt, denn in Sachen Käse sind die Fribourger alle Experten. Insider schwärmen von einer Mischung von je einem reifen und einem milden Käse. Und übrigens werden hier oft Kartoffeln zum Fondue gereicht. Einen Höchstgenuss verspricht das Panorama-Fondue im Gipfelrestaurant des Moléson auf 2002 Metern. Für Romantiker gibt es den Fondue-Genuss auch zum Sonnenuntergang, jeweils am Freitag und Samstag.

Noch wichtiger im Freiburgerland sind nur noch die traditionellen Bénichons oder Kilbis. Seit einiger Zeit wird der ursprüngliche Dorf-Anlass in grossem Stil zelebriert, um Einheimischen und Besuchern ein unvergessliches gemeinsames Erlebnis zu bieten. Die «Kilbi im Freiburgerland» wurde vor zwei Jahren zum ersten Mal in Fribourg durchgeführt, letztes Jahr in Bulle und dieses Jahr in Plaffeien, kombiniert mit dem Alpabzug von Schwarzsee. Der Anlass ist eine Hommage an die lokalen Produkte des Kantons Freiburg.

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