Seit Ihrem Amtsantritt im März hat sich beim Flyer-Hersteller Biketec im beschaulichen Huttwil viel getan. Wie reagierten die Mitarbeiter auf die Veränderungen?
Simon Lehmann: Ich hatte das Glück auf Mitarbeiter zu treffen, die gegenüber dem Unternehmen loyal sind und viel Veränderungsbereitschaft zeigen. Der Wille mit anzupacken ist förmlich greifbar. Veränderungen sind für jeden schwierig, ich finde aber, dass wir die Beschnupperungsphase erfolgreich abgeschlossen haben. Wir hoffen jetzt, dass sich der positive Wind diese Woche an der Eurobike-Messe auch auf die Händler und später auf die Kunden überträgt.

Biketec-Patron Kurt Schär hat sich früher aus dem Geschäft zurückgezogen, als ursprünglich geplant war. Gab es Unstimmigkeiten?
Im Interesse der Firma und der Arbeitsplätze mussten gewisse Korrekturen rasch eingeleitet und umgesetzt werden. Grundsätzlich kann man sagen, dass das Unternehmen in den letzten Jahren einfach zu schnell gewachsen und dabei viel auf der Strecke geblieben ist.
Es ist selbstverständlich, dass es während den nun laufenden Veränderungsprozessen Diskussionen und Konflikte gibt. Ich werte die Zeit vorher aber überhaupt nicht negativ und Kurt Schär wird uns auch künftig noch als Berater zur Verfügung stehen.

Dem Unternehmen fehlt nun plötzlich das Aushängeschild. Werden Sie jetzt der neue «Mr. Flyer»?
Kurt Schär war Mr. Flyer und er wird es noch lange bleiben. Er und seine Mitstreiter haben einen sensationellen Job gemacht und die Marke zu dem gemacht, was sie heute ist. Mittlerweile hat sich das Marktumfeld aber geändert. Wir stellen nun unsere Produkte und das Team in den Vordergrund.

Sie wollen die Marke Flyer vom «Grosi»-Image befreien und suchen Möglichkeiten, um den Absatz anzukurbeln. Sie denken sogar darüber nach, eigene Shops zu eröffnen. Damit dürften Sie bei den Händlern keine Freudenstürme auslösen…
Langfristig gesehen muss das Unternehmen alle Vertriebskanäle anschauen um zu sehen, wo sich Geld verdienen lässt. Der Handel ist nur einer dieser Kanäle. Ich habe auch nicht vor, die «heilige Kuh» Handel zu schlachten, aber ich will die Händler etwas herausfordern. Wir wollen partnerschaftliche Händler, mit denen wir gemeinsam wachsen können. Der Handel kann nicht einfach nur mehr Marge verlangen. Im Verkaufsprozess möchte ich zudem unser Portfolio verbreitern und beispielsweise ins Servicegeschäft einsteigen. Man weiss ja, wie wichtig es ist, dass die Kunden einmal im Jahr in die Werkstatt gehen und das E-Bike prüfen lassen.

Wegen des kurzen Winters hatten Sie kurz nach Ihrem Amtsantritt mit einem Luxusproblem zu kämpfen. Die Nachfrage nach Flyern war immens, Biketec konnte aber nicht liefern. Haben mittlerweile alle ihr bestelltes E-Bike erhalten?
Es ist in der Tat so, dass es zu Lieferengpässen gekommen ist. Biketec hat das Produktportfolio für die Saison 2014 in wesentlichen Teilen erneuert, was mit einem erheblichen Mehraufwand verbunden war. Gleichzeitig erfolgte der Saisonstart wetterbedingt wesentlich früher als erwartet. Dies hat bei einzelnen Modellen bedauerlicherweise zu erheblichen Lieferverzögerungen geführt. Mittlerweile haben mit einzelnen Ausnahmen aber alle ihr bestelltes E-Bike erhalten…

Wie wollen Sie künftig verhindern, dass die Kunden nicht mehr so lange auf ihr E-Bike warten müssen?
Grundsätzlich muss man sagen, dass die ganze Branche dieses Jahr Lieferengpässe hatte. Wir sind sehr stark vom Wetter abhängig, fast wie ein Eisverkäufer. Künftig werden wir aber die Produktion drei Monate nach vorne ziehen, damit die E-Bikes fertig sind, wenn sie die Händler und Kunden haben wollen. Zudem haben wir auch das Produktportfolio verkleinert. Die ganzen Prozesse nach zwölf Jahren plötzlich zu durchbrechen, ist natürlich eine grosse Herausforderung. Wir müssen nicht nur die Produkte früher entwickeln und rechtzeitig Verhandlungen mit den Zulieferern führen, sondern auch die Ware drei Monate früher bezahlen.

Ab Mittwoch präsentiert Biketec an der Messe Eurobike in Friedrichshafen die Modelle der nächsten Saison. Kann man schon Ihre Handschrift erkennen?
Als ich in meinem Freundeskreis erzählte, dass ich zu Flyer gehe, sagten alle: «…aber die stellen doch nur Grosi-Velos her». Im nächsten Modelljahr lancieren wir eine neue E-Mountainbike-Linie die neue technische Standards setzt in der Branche. Zudem haben wir auch zwei neue stylische Stadt-Velos im Angebot. Die C- und T-Modelle mit tiefem Einstieg werden auch künftig unser Kerngeschäft bleiben. Wir sind aber daran, die Marke breiter anzulegen und unser Image zu verjüngen. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass jeder ein toll designtes E-Bike haben soll – egal wie alt er ist.

Der Preis für das neue E-Mountainbike-Vorzeigemodell «Uproc6» ist mit fast 7000 Franken gelinde gesagt stolz. Wie können Sie den Preis rechtfertigen? Gerade die ausländische Konkurrenz bietet weit günstigere Produkte an…
Wir haben seit jeher ein gutes Image, weil wir qualitativ hochwertige E-Bikes herstellen. Gesamtstrategisch haben wir uns entschieden, dass wir im Elektrovelo-Premium-Bereich ein Vollsortimenter sein wollen. Bei uns bekommt künftig jeder ein qualitativ und technisch hochstehendes E-Bike, das seinen Bedürfnissen entspricht – ohne dass wir dabei Abstriche beim Design machen wollen. Wir werden daher auch nie ins Massengeschäft gehen und plötzlich ein Billig-E-Bike für 1000 Franken auf den Markt bringen.

E-Bikes prägen mittlerweile auch das Stadtbild? Worauf ist der Boom Ihrer Meinung nach zurückzuführen?
Urbane Mobilität ist ein wichtiges Thema und wird künftiger noch wichtiger werden. Gerade in Städten ist man mit dem Fahrrad oft schneller am Ziel als mit dem Auto. Städte sind auch an anderen Mobilitätslösungen interessiert und setzen stark auf das Fahrrad. Zudem sind E-Bikes auch bei jungen Leuten salonfähig geworden.

Bei ihrem früheren Arbeitgeber, dem Ferienhaus-Vermittler Interhome, haben Sie sich den Ruf als Online-Experte erarbeitet. Welche Pläne haben Sie in diesem Bereich mit der Marke Flyer?
Wir müssen die Online-Kanäle viel mehr für uns nutzen. Die Internetpräsenz des Unternehmens ist zurzeit noch eine Katastrophe, da gibt es nichts zu beschönigen. Wir haben zwar schon eine neue Website aber unsere Social-Media-Aktivitäten sind noch nirgends. In einem ersten Schritt wollen wir das Internet als Informations- und Kommunikationsmittel gezielter nutzen. Anschliessend werden wir uns vertiefte Gedanken zum Thema Online-Shopping machen. Mir ist bewusst, dass E-Bikes sehr beratungsintensiv sind. Trotzdem bin ich überzeugt, dass die Branche noch massiv unterschätzt, wie stark sich das Markt-Umfeld durch die Online-Möglichkeiten verändern kann.

Wie sieht es mit der Erschliessung von neuen Märkten aus? Wann sieht man New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio auf einem Flyer durch Manhattan kurven?
Wir sehen im Ausland starke und schnelle Veränderungen, die wir natürlich nicht verpassen wollen. Bevor wir einen Schritt weiter gehen, wollen wir aber in unseren heutigen Märkten wieder rechtzeitig liefern können und optimal positioniert sein. Die Internationalisierung kommt erst in einem späteren Schritt. Dann könnte natürlich auch Nordamerika ein Thema werden. Verlockend ist das natürlich schon.