Von Sandra Ardizzone

Langsam tuckert das blau-gelbe Boot auf das Ende des Stegs zu. Gekonnt manövriert es der Fischer um die unzähligen geankerten Segelboote und legt mit einer geübten Drehung am Fuss einer metallenen Treppe an. Im glasklaren Wasser wirft das Boot in der Mittagssonne seinen Schatten auf den Meeresgrund. Während der Fischer das Tau auswirft, bieten die Menschen auf dem Steg bereits tüchtig ihre Ware an. Jeden Tag um die Mittagszeit verwandelt sich der Pier in Santa Maria auf der kapverdischen Insel Sal in einen Hexenkessel. Wenn die Fischer gegen Mittag ihren Fang an Land bringen, feilschen Restaurantbesitzer und Private um die besten Stücke, nehmen die Fische direkt vor Ort aus oder transportieren sie in farbigen Kesseln auf dem Kopf nach Hause. Zwischen den Beinen

der Einheimischen sitzen lachende Kinder und schlürfen genüsslich selbst gemachtes Wasserglace aus Plastiksäckchen, während der sanfte Wind das Stimmengewirr in das Städtchen hineinträgt. Trotz dem regen Betrieb wirkt die Szene gemütlich und locker, jeder hier hat Zeit für einen Schwatz. Kein Wunder, lautet doch das inoffizielle Motto der Kapverden schlicht und einfach «No stress».

Noch kein Massentourismus
Dem Spektakel auf dem Pier wohnen auch immer mehr Touristen bei. In den vergangenen Jahren haben sich die Kapverden von der kaum bekannten Destination zu einem Geheimtipp unter Sonnenhungrigen gemausert. Insbesondere die beiden touristisch er- schlossenen Inseln Boa Vista und Sal investieren stark in den hiesigen Tourismus. Das zeigt sich auf Sal teilweise erschreckend: An jeder Ecke begegnet man Baustellen, die sich innert kürzester Zeit in Luxusresorts verwandeln sollen.

Ganze Resort-Städte entstanden dort, wo einst nur Sand war. Trotzdem sind die Kapverden vom Massentourismus noch verschont. Eigentlich schwer zu glauben, die Inseln bieten das ganze Jahr über milde, angenehme Temperaturen und Sonnensicherheit bei einer Durchschnittstemperatur von 24 Grad Celsius. Den besten Beweis für die Wetterbeständigkeit der Kapverden erbringt uns unser Guide David, der uns die Regentage auf Sal während einer Inselrundfahrt präzis aufzählt. Zwei Tage im Jahr 2014, drei vereinzelte im Jahr 2015 und dann der vergangene Sommer: «Im September hat es vier Tage nacheinander geregnet», erzählt der knapp 30-jährige Kapverdier, «das habe ich in meinem Leben noch nie erlebt.»

Der wenige Niederschlag ist für Sal dennoch wichtig: Im Norden der äusserst kargen und trockenen Insel erreichen wir überraschend einen grünen Fleck. Hier, erklärt David, sei das landwirtschaftliche Zentrum der Insel; Bauern bauen inmitten der wüstenähnlichen Landschaft Mais, Bohnen und Melonen an, die dann monatelang vom spärlichen Niederschlag zehren. Es sind die einzigen Erzeugnisse, die die Insel hergibt, und sie reichen längst nicht zur Selbstversorgung der Einwohner aus. Deshalb ist fast ausschliesslich jedes Produkt auf Sal importiert. Wer hier Landwirtschaft betreibt, tut dies nur der Tradition wegen. Doch gerade diese Trockenheit ist es, die das winzige Eiland für Badeferien so interessant macht: Die schier endlosen Sandstrände landen zu ausgiebigen Spaziergängen ein. Dank dem hellen Sand erstrahlt das Meer in den unglaublichsten Blautönen und wer im Urlaub auch Action sucht, kann bei der Auswahl an Wassersportarten aus dem Vollen schöpfen.

Wind und Wellen
Denn während Pauschaltouristen die Kapverden erst langsam für sich entdecken, ist die Inselgruppe im Atlantik bei Wassersportlern bereits seit langem eine Traumdestination. Wind- und Kitesurfer reihen sich am bekannten «Kite-Beach» eng an eng und die Sportarten haben auf der Insel bereits eine solche Tradition, dass in Santa Maria neben Souvenirläden und Bars auch immer mehr Surf-Shops eröffnen. Besonders stolz sind die Kapverdier auf Mitu Monteiro, «ihren» Weltmeister, der den Kapverden und dem Kitesport Aufschwung gebracht hat. Auch Mitu, wie ihn hier alle nennen, hat in einer Seitenstrasse seinen eigenen Shop eröffnet und vermarktet sich dort geschickt selbst.

Der Ausgangspunkt unserer Reise, Santa Maria, ist die heimliche Hauptstadt Sals. Sie zeigt den Tourismus-Boom auf der Insel exemplarisch auf: Der ehemalige Dorfplatz mit historischen landwirtschaftlichen Geräten wurde kürzlich modernisiert und bietet mit einem farbig beleuchteten Springbrunnen eine weitere Attraktion für das immer stärkere Aufkommen von Touristen. Gleich daneben gellen Rufe durch die Strassen. Bauarbeiter transportieren schwere Balken und schieben Karretten vor sich her. Hier wird nächstes Jahr das erste Shoppingcenter der Insel eröffnet. Wer die Kapverden in ihrer ursprünglichen Form besuchen möchte, sollte sich also sputen.

Strahlendes «Ojo Azul»
Uns zieht es auf der Rundfahrt weiter Richtung Norden der Insel. Farbig gesprenkelt ragen die Häuschen aus der ockerfarbenen Landschaft, als uns der Jeep über holprige Sandpisten führt. Nächstes Ziel: Buracona. Hier haben kräftige Wellen über Jahre Löcher in die schroffe Felsküste gefressen. Ein neu gezimmerter Holzsteg führt uns an den Rand der Klippe. Immer wieder schlagen Wellen stürmisch gegen den Fels, katapultieren die Gischt meterweit in die Luft, nur um sich zurückzuziehen und einige Minuten später tosend von vorn zu beginnen. Das faszinierende Schauspiel der Natur ist allerdings nicht der Grund, weshalb Buracona als eines der Hauptziele auf der Insel gilt. Das eigentliche Highlight ist nur zur Mittagszeit zu beobachten: Wenn die Sonne genau richtig steht, dringen ihre Strahlen durch ein ovales Loch im Boden auf das darunterliegende Wasser, das plötzlich in einem solch surrealen türkisblau erstrahlt, dass ihm die Einheimischen den Namen «Ojo Azul» – Blaues Auge – gegeben haben.

Vom Ojo Azul geht es weiter zu einer Landschaft, die sich perfekt als Kulisse für einen Western eignen würde. In Pedra Lume führt uns ein Fussweg durch einen Tunnel zu einem mit Wasser gefüllten, 500 Millionen Jahre alten Vulkankrater. Hier wird auch klar, wo die Insel Sal ihren Namen her hat: Die Senke liegt sieben Meter unter der Meeresoberfläche, und das hier gesammelte Salzwasser diente vom 18. Jahrhundert bis ins Jahr 1984 der Salzgewinnung. Heute laden die natürlichen Salinen zum Solebad ein und sind als Unesco-Weltkulturerbestätte nominiert. Als wir Pedra Lume verlassen, steht unser Jeep einsam auf dem Parkplatz. Während der Rückfahrt hängen wir den Gedanken nach und schwelgen in den Eindrücken, die diese unbekannte Insel bei uns hinterlassen hat. Pünktlich zum Sonnenuntergang sind wir zurück in Santa Maria. Der Steg verlassen, nur in der Ferne schaukeln vier Fischerboote sanft in den Wogen. Bereit für den Trubel, der im Morgengrauen wieder losgehen wird.

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