Reisen in Rumänien geht gemächlich. Das Strassennetz ist spärlich ausgebaut und stauanfällig. So gibt es genügend Zeit, aus dem Busfenster zu schauen, während wir vom Flughafen Bukarest durch die Walachei Richtung Norden fahren. Viel Mais steht da, der bald als Polenta mit Schafskäse auf die Tische kommen wird. Dann Sonnenblumen, schon ohne Gelb und mit hängenden Köpfen. Am Horizont erheben sich zuerst runde Hügel, später eckige Berge, die Südkarpaten. Die müssen wir queren, um nach Siebenbürgen zu kommen.

Nicht nur die Kurven der Passstrasse und die plötzlich aus dem Dunst auftauchenden Felswände sind es, die uns Schweizer anheimeln. Auf dem Predeal-Pass, auf rund 1000 Metern über Meer, überqueren wir, was bis zum Ersten Weltkrieg die Landesgrenze war. Jetzt kommen wir in eine Region, die während acht Jahrhunderten von einer deutschsprachigen Kultur geprägt wurde.

Und da ist auch schon «Kronstadt» angeschrieben. Gemeinsam mit Hermannstadt, 150 Kilometer weiter westlich, ist Kronstadt das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Siebenbürgens. Beide Städte haben einen mittelalterlichen Stadtkern mit grosszügigen Plätzen, restaurierten prächtigen Bürgerhäusern und gewaltigen gotischen Kirchen.

Die Schwarze Kirche in Kronstadt ist aussergewöhnlich gross und kunstvoll gebaut. Einst als Fanal der katholischen Kirche im Grenzgebiet zur orthodoxen Kirche errichtet, war sie Anfang des 16. Jahrhunderts der Ausgangspunkt der Siebenbürgischen Reformation. Johannes Honterus, der von Luther inspirierte Kronstädter Stadtpfarrer, gelang es, die Siebenbürger Sachsen vollständig – und konfliktfrei – zu reformieren.

Seither bildet die evangelische Landeskirche die wichtigste Institution der Siebenbürger Sachsen. Nach Südosteuropa kam die Bevölkerungsgruppe ab dem 12. Jahrhundert auf Einladung des ungarischen Königshauses, zunächst zur Sicherung des Gebiets gegen Feinde. Die Siedler, die nicht etwa aus Sachsen, sondern aus dem Mittelrheinischen und Moselfränkischen stammen, erwiesen sich als gute Steuerzahler und konnten sich weitreichende Privilegien ausbedingen. Bis ins 19. Jahrhundert besassen sie exklusive Landbesitzrechte und ihre eigenen Richter, und sie pflegten ihre Sprache und Tradition.

Von dieser langen, schönen Geschichte zeugt das siebenbürgisch-sächsische Kulturerbe. Doch von seinen Erbauern ist es heute weitgehend verlassen. Das hat mit der kurzen, hässlichen Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Rumänien kämpfte bis 1944 auf der Seite der Nazis. Die Sowjetunion beorderte als Siegermacht die deutschsprachige Bevölkerung zur Reparationsleistung in ihre Arbeitslager. Wer dort überlebte, ging danach nach Deutschland. Ab den 1970er-Jahren verkaufte das kommunistische Regime Rumäniens die Sachsen an die Bundesrepublik.

Als nach Ceausescus Tod Anfang 1990 die Grenzen offen waren, verliessen innert zweier Jahre gegen 100 000 Sachsen das heruntergewirtschaftete Land. Seither ist es von den Sachsen weitgehend entvölkert. Rund 15 000 sind heute noch da, doch die Gruppe ist überaltert und schrumpft. Aus einigen Dörfern sind sie ganz verschwunden. Nun wohnen Rumänen und Roma in den Sachsenhäusern.

Während Kronstadt, Hermannstadt und Schässburg, dessen mittelalterlicher Kern zum Unesco-Welterbe gehört, fachmännisch restauriert und herausgeputzt sind und es dort von Touristen wimmelt, bietet sich auf dem Land ein anderes Bild. Bereits wenige Fahrminuten ausserhalb der Städte sieht man die Strom- und Telefon-Kabel kreuz und quer über den Strassen hängen. Die Strassengräben sind offen und teilweise mit Müll gefüllt, die Sachsenhäuser dem Verfall überlassen oder unfachmännisch geflickt.

Doch die mächtigen Bauwerke inmitten kleinster Dörfer sind noch da: die Kirchenburgen der Siebenbürger Sachsen. In der Mitte, als Zentrum des sozialen Lebens, steht immer die Kirche. In der Ringmauer sind Speicher und Stuben, in denen im Fall einer Belagerung die gesamte Dorfgemeinschaft Monate ausharren konnte.

Obwohl sie heute meist nur noch punktuell genutzt werden und wenige Mittel für ihre Instandhaltung da sind, sind viele der insgesamt über 160 Kirchenburgen gut erhalten. So etwa im kleinen Birthälm, wo die Kirchenburg mit tief herabgezogenem Dach inmitten einer winzigen Altstadt auf einem Fels thront – von Wehrtürmen mit Schiessscharten bewacht. Im Innern gibt sie ein prachtvolles Beispiel für eine siebenbürgisch-sächsische Kirche, die sich an das lutherische «Augsburger Bekenntnis» hält. Im Chor steht ein spätgotischer Flügelaltar mit 28 Bildtafeln. Dank der zurückhaltenden siebenbürgischen Reformation blieben neben Altären viele Fresken und Statuen intakt. Die Kanzeln sind als nachreformatorische Zufügungen häufig im barocken Stil und stehen im Kirchenschiff.

Auf unserer Route durch die sächsischen Dörfer sticht Deutsch-Weisskirch heraus. Kaum ein Haus ist zerfallen. Die typischen Fassaden mit den Toren für Pferd und Wagen sind sorgfältig restauriert. Hier haben engagierte Siebenbürger Sachsen die Pflege des baulichen Erbes in die Hand genommen. Und hier nächtigen und speisen wir. Auf den Tisch kommen schmackhafte lokale Produkte: Frischkäse, Fleisch, Tomaten, Paprika, Polenta. Zu trinken gibt es immer reichlich Pálinka, den hausgemachten Doppelbrand aus Pflaumen, an den man sich in diesem Land besser hält als an Wein und Bier. Derart gestärkt ergreift die Schweizer Gruppe die Gelegenheit, über die Felder zu wandern. Zunächst trifft man Touristen, bald nur noch Schafhirten, schliesslich ist man mit den frei weidenden Kühen, den Schwärmen von Kolkraben, Staren und Schwalben allein in der Hügellandschaft.

Zum Schluss unserer Reise erreichen wir das Dörfchen Stolzenburg, unweit von Hermannstadt. Wir wohnen den Festlichkeiten rund um die Wiedereinweihung der Kirchenorgel bei (siehe Text rechts). Die gewaltige Burg auf dem Hügel bleibt eine Ruine. Doch dank der restaurierten Orgel ist die Kirche, das Zentrum der sächsischen Gemeinde, wieder ganz einsatzfähig. Das zweitägige Fest mit Essen, Gottesdienst, Konzerten und Volkstänzen erlaubt uns einen intimen Blick ins Leben der Siebenbürger Sachsen.

Viele sind aus Deutschland und der Schweiz angereist, manche waren seit Jahrzehnten nicht mehr hier. Sie geniessen die Zusammenkunft ihrer einst kompakten Gemeinschaft. Sie ziehen die Trachten an, sprechen Sächsisch und tanken ihre Seelen mit Heimat auf. Es wird den meisten für eine Weile reichen müssen.


Anreise: Swiss fliegt täglich von Zürich nach Bukarest. Mit Car oder Mietauto kommt man in 3 bis 6 Stunden nach Südsiebenbürgen (Kronstadt oder Hermannstadt). Mit Austrian Airlines kann man von Basel über Wien nach Hermannstadt fliegen.

Rundreise: Siebenbürgen erstreckt sich über ein Gebiet von rund 60 000 km². Die Kirchenburgen, Altstädte und Dörfer können individuell mit dem Mietauto erkundet werden. Der Siebenbürger Tourismus boomt, vor allem seit Hermannstadt 2007 Europäische Kulturhauptstadt war. Zahlreiche Reisebüros bieten Pauschalreisen an. Gaea Tours plant massgeschneiderte Reisen je nach Interessen der Teilnehmer und legt den Fokus auf Kulturerbe, Begegnungen und soziales Engagement. www.gaea.ch

Übernachten: Zahlreiche kleine und grosse Hotels gibt es in den Städten. In den Dörfern haben viele Siebenbürger Sachsen ihre Bauernhäuser restauriert und für Gäste hergerichtet. Buchen zum Beispiel über www.experiencetransylvania.ro.

Kirchenburgen: Einen Überblick über das kirchliche Kulturerbe und die Projekte zu dessen Erhalt und Wiederaufbau gibt die Seite der evangelischen Landeskirche. www.evang.ro

Orgeln: Mehr über die Arbeit an den Orgeln in der Region erfährt man von der Schweizerischen Stiftung für Orgeln in Rumänien (www.ssor.ch) und dem Verein «Siebenbürger Sachsen in der Schweiz – Kirchenburgen in Siebenbürgen». www.verein-siebenbuergen-schweiz.ch

Diese Reise wurde ermöglicht durch Gaea Tours