Bin zwar mal weg, aber nur fünf Tage. Ich gehe auf eine Wanderung, die nicht nur der Fitness guttut, sondern auch spirituell sein soll. «Wandern zwischen Natur und Spiritualität» heisst der Führer, der den alpinen Weg von Domodossola nach Saas-Fee beschreibt. Ein Pilgerweg. Für eine Person also, die aus religiösen Gründen reist. Ich bin kein Pelegrinus. Aber ich will die Wanderung als Auszeit und allein gehen.

Der Weg verbindet Italien mit der Schweiz, beginnt auf 271 m ü. M. in Domodossola und führt hinauf bis auf 2883 m ü. M. über den Grenz-Pass, der zwischen dem italienischen Antronatal und dem Schweizer Saastal liegt. Antronapass nennen ihn die Schweizer – Passo di Saas wiederum die Italiener. Ein Teil des Weges verläuft auf der historischen «Strada Antronesca», die bereits in frühen Jahren als Verbindung zwischen Villadossola in Italien und dem Saastal im Wallis von Kaufleuten benutzt wurde, um Waren mit Lasttieren zu transportieren.

Start mit einem Cappuccino
Domodossola. Mir gefallen die verwinkelten Gassen, und der Marktplatz mit den vielen Cafés. Zweidreiviertel Stunden Zugfahrt von Zürich entfernt gibt es hier Cappuccino mit Gipfel für nur 2.50 Euro.

Der Pilgerweg beginnt auf dem «Sacro Monte Calvario», einem Berg mit einer Wallfahrtskirche, der mit den anderen acht «Sacri Monti» (heiligen Bergen) in die Liste des Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen wurde. Prächtige Kapellen säumen den Kreuzweg und sind Zeugen tiefer Religiosität. Der historische Weg führt weiter entlang dem Hang durch Weinterrassen, Wald und Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben scheint. Ich bremse meinen Schritt und nehme mir Zeit. Gewöhnlich bin ich viel schneller unterwegs als die Wegweiser zur Marschdauer angeben. Doch jetzt ist Zeit für Musse. Zeit für ein Bad im Naturteich am Wegesrand, obwohl ich kein Badezeug dabei habe. Niemand stört. Wasser ist überall in den beiden Tälern: Als Quelle für die Landwirtschaft und als Energie durch die Wasserkraft.

Die erste Nacht verbringe ich in Boschetto in der einzigen Unterkunft im Dorf. Ich finde die Herberge nicht – die Herberge beziehungsweise deren Besitzerin findet mich. Gessica ruft mir nach, als ich durchs Dorf gehe. Sie hat die Fremde sofort erspäht. Andere Touristen sind nicht unterwegs.

Das Ostello ist auch die einzige Bar im Dorf. Gegen 19 Uhr sind die Herren des Feierabendbiers verschwunden. Jetzt bin ich der einzige Gast und werde von einer Nonna mit Käse, Salami und Penne sowie Dessert und regionalem Rotwein verwöhnt. Ich fühle mich in eine andere Welt zurückversetzt. Natelempfang oder ein WLAN gibt es nicht. Die Nacht im Schlafsaal mit wunderbarem Frühstück kostet bloss 15 Euro.

Wie in einem historischen Film
Am nächsten Tag wandere ich nach Antronapiana. Die Dörfer am Weg sind ursprünglich und gepflegt. Gleich nach Boschetto höre ich in Camblione von Weitem ein Geschnatter. Es sind zwei alte Frauen, die sich beim Wäschezusammenlegen über die Strasse von Balkon zu Balkon unterhalten. Sonst sind die Dörfer oft menschenleer.
Der Weg verläuft meistens abseits der Strasse und windet sich durch Wald, an Brombeergebüsch, Walnussbäumen und Trinkwasserbrunnen vorbei. Viele Schautafeln erzählen vom Leben im Tal. Dann erreiche ich Viganella, das bis in die Schweiz berühmt geworden ist wegen des Spiegels am Berg gegenüber: Er lenkt im Winter, wenn das Dorf im ewigen Schatten liegt, ein paar Sonnenstrahlen auf den Dorfplatz. Auf ihm gibt es auch WLAN. Ich habe noch nicht einmal den Rucksack abgestellt, eilt schon jemand herbei, um mir das Passwort zu geben. Wieder hat mich ein Einheimischer sofort als Fremde erkannt. Pilgern und Surfen passt irgendwie nicht zusammen. Ich kann es dennoch nicht lassen und checke meine Nachrichten.

Ich entscheide mich für den Abstecher hoch nach Bordo und eine Stunde Umweg. Über den Weg sind tibetische Fahnen gespannt. Der steile, steinige und wunderschöne Weg regt zum Nachdenken über das frühere einfache Leben mit all den Entbehrungen an. Ohne WLAN.

Das Dorf wurde von den Italienern aufgegeben, aber seit 1983 befindet sich ein buddhistisches Zentrum dort. Richtung Tal thront eine buddhistische Stupa. Die Anlage ist gerade von einer Gruppe Deutscher belagert, die «Qi Gong» praktiziert.

Es ist heiss, sogar sehr heiss. Das Thermometer in Antronapiana zeigt auf 908 m ü. M. 35 Grad an. Auch hier gibt es einen Kreuzweg. Die vierzehn Kapellen sind mit Fresken verschiedener Maler verziert und werden gerade renoviert. Meine zweite Unterkunft liegt ausserhalb von Antronapiana oben am Lago Antrona. Sie heisst Albergo Lago Pineta. Ich gönne mir als Erstes ein «piccolo Birra» und ein Bad im See. Es ist erst 20 Uhr, als ich mich müde, aber entspannt zurücklehne. Ich bin satt von den bestimmt weltbesten Gorgonzola-Gnocchi. Mein Italienisch könnte besser sein – aber das lassen sich die Gastgeber nicht anmerken, es herrscht eine Herzlichkeit, die ansteckend ist. Der Tourismus hat das Antronatal erst in Ansätzen entdeckt, das ist mein Glück.

Übernachtung ist gratis
Beim Frühstück plaudere ich mit einem welschen Paar um die 60, die den Pilgerweg von Saas-Fee aus gehen. Sie schwärmen vom Weg, der mir noch bevorsteht, und meinen, alles sei bestens. Sogar das einfache Biwak im Abstieg vom Antronapass fanden sie gut. Für mich ist es der Aufstieg. Ich spüre meine Muskeln, aber das Gehen gibt mir ein gutes Gefühl. Der Weg ist abwechslungsreich, und ein Pilzsammler zeigt mir Steinpilze. Das Biwak Cingino ist unbewartet und die Übernachtung gratis. Es bietet Platz für 18 Leute, Matratzen und Decken sind vorhanden. Reservieren ist nicht möglich, und das Essen muss selbst mitgebracht und in der Kochnische zubereitet werden. Eine Toilette gibts nicht, aber ein Brunnen mit Trinkwasser steht vor der Hütte. Samstage sollten wohl besser gemieden werden, denn das Biwak befindet sich auch auf der viel begangenen Simplon-Trekking-Route. Die Hütte ist voller Italiener. Sie sind sehr herzlich und laden mich ein, mit ihnen zu essen.

Am Nachmittag stehe ich wieder an einem See beziehungsweise Staubecken. Auf der Staumauer von Cingino sind Steinböcke zu sehen, die Salz von den Steinen lecken.

Bei Sonnenaufgang breche ich wieder auf. Der Weg über den Antronapass scheint bereits von Römern benutzt worden zu sein, da eine römische Münze genau auf dem Pass gefunden wurde. Hier zeigt sich das Panorama der Mischabelgruppe. Dieser Abschnitt ist eine Strecke im Hochgebirge und teilweise etwas ausgesetzt. Ich habe aber meine leichte Höhenangst im Griff und fühle mich nie wirklich unwohl. Dennoch entscheide ich mich nach dem Pass gegen den Panoramaweg, der zur Sesselbahnstation von Heidbodme führt. Ich nehme den alten Weg hinunter ins Tal nach Saas-Almagell. Hier könnte man übernachten. Doch der Tag ist jung, und so mache ich bloss eine Pause und gehe weiter.

Der nächste Kapellenweg steht auf dem Programm. Er war lange Zeit vergessen und wenig bekannt. Er besteht aus 16 kleinen Kapellen, die den Weg von Saas-Grund nach Saas-Fee säumen und auch hier von einer tiefen Gläubigkeit im Volk zeugen.

Das autofreie Saas-Fee ist der touristische Mittelpunkt des Saastals. Für die Touristen wurde in den letzten Monaten der Eispavillon auf 3500 m ü. M. neu inszeniert. Wer übernachtet, kann am nächsten Tag die Bergbahnen gratis benutzen. Ich übernachte zwar, aber abseits der Touristenattraktionen. Ich will meinen Biwaksack ausprobieren, den ich mir extra gekauft habe, und beschliesse, auf 2000 Metern im Freien zu schlafen. Keine gute Idee. Mitten in der Nacht höre ich verschiedene Tierstimmen und schlafe kaum.

Am nächsten Tag laufe ich den Kapellenweg ein zweites Mal und geniesse die Fahrt mit der Gondelbahn Hohsass, um den gut einstündigen Rundweg «18 Viertausender» zu gehen. Hier gibts «Wünsch-dir-was-Steinmännchen». Das Steinmännchen ist als Wegmarkierung auf der ganzen Welt verbreitet. Es heisst, man soll einen Stein aufheben und ihn, mit einem persönlichen Wunsch versehen, auf das Steinmännchen legen. «Dann werde ich, wie es meine Aufgabe ist, den Weg weisen, den Weg zu dir», steht auf einer Tafel. Ich hebe einen auf und wünsche mir etwas. Ich bin am Ziel. Religiöse Gefühle spüre ich noch immer nicht. Aber eine tiefe Zufriedenheit. Es war schön, einfach nur sein zu können, nur zu gehen.

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