«Sie werden sich bei uns wunderbar entspannen können», verspricht Ana von der Montagne Alternative. «Wir holen Sie unten im Tal ab.» Doch mit jeder Kurve, die uns ihr Kollege Jimmy mit dem Offroader von Orsières höher hinauf nach Commeire bringt, wachsen die Zweifel. Wann nur endet diese immer enger werdende Strasse? Da, hinter der nächsten Kurve taucht endlich das Dörfchen auf. Wie hingepappt wirken die Häuser am Steilhang. Jimmy parkiert vor dem Dorfeingang, weiter geht es zu Fuss durch schmale Gässchen. Ruhig ist es hier tatsächlich. Nur das Klappern unserer Schuhe ist zu hören.

Knapp 20 Einwohner leben noch in diesem Weiler, der zur Unterwalliser Gemeinde Orsières gehört. Ludovic Orts hat hier zusammen mit seinem Cousin Benoît Greindl vor knapp 10 Jahren damit begonnen, alte, leer stehende Scheunen zu renovieren und touristisch zu nutzen. Daraus entstanden ist ein aussergewöhnliches Hotelkonzept: Die Montagne Alternative mit sieben Häusern und insgesamt 30 Doppelzimmern; dazu ein Restaurant und ein Seminarraum. Denn bisher hat sich das Resort vor allem an Firmen gerichtet. Inzwischen entdecken auch Privatpersonen dieses idyllische Hideaway. Architekt Patrick Devanthéry hat die verfallenen Scheunen so renoviert, dass die alte Substanz mit den Holzbohlen noch sichtbar ist. Manche Wände wurden verglast, sodass man den Blick auf die Landschaft zwischen Mont-Blanc-Massiv und Grossen St. Bernhard geniessen kann. Auf Komfort muss man hier nicht verzichten – ausser auf Fernseher und Zimmerschlüssel. «Die braucht es hier nicht», meint Mitarbeiter Jimmy.

Auch wir wollen hier unsere Batterien aufladen, zur Ruhe kommen und Druck abbauen – wie uns auf der Website versichert wird. Jimmy führt uns ins Maison Bérard, ein kleines Häuschen mitten im Dorf, und entzündet ein Feuer im Cheminée – und alsbald versinken wir in der Ruhe und der atemberaubenden Schönheit, die sich uns vor dem Fenster präsentiert.

Früher suchten sich die Menschen einen Ferienort, wo etwas los war. Schauen, erleben, aktiv sein. Um die Jahrhundertwende zog es sie in Grandhotels, in den Siebzigerjahren waren Clubferien gefragt, und in den Neunzigerjahren dann waren Designhotels das Nonplusultra. Heute wünschen sich viele einfach eine Pause vom hektischen Alltag. Abtauchen heisst die Devise – an einem Ort, wo die einzige Aufregung das Unaufgeregte ist. Als Hideaway bezeichnet die Hotelbranche solche Unterkünfte, wo man dem Alltag den Rücken kehren kann. Die Abgeschiedenheit und Ruhe solcher Hideaways würden eine Art Luxus im intellektuellen Sinne bieten, ist Tourismusforscher Heinz-Dieter Quack (siehe Interview) überzeugt. Meist liegen sie irgendwo in der Pampa, am besten gleich kilometerweit weg von jeder Zivilisation, im touristischen Niemandsland.

Auch im Unterengadin gibt es einen Ort dieser Art: den Hof Zuort im Val Sinestra. In Scuol noch fühlen wir uns wie in einem Hexenkessel voller herbstlicher Wandervögel. Aber schon im Postauto Richtung Vnà hinauf können wir wieder durchatmen. Dann geht es zu Fuss eine gute Stunde auf einem schmalen Strässchen weiter ins Tal hinein, ganz allein. Als wir im Hof Zuort ankommen, liegt er bereits im Schatten. Nur die obersten schneebedeckten Berggipfel sind noch besonnt und geben einen wunderbaren Kontrast zu den gelben Lärchen und dem strahlend blauen Himmel ab.

«Wir haben nichts» steht auf dem Prospekt des Hofs Zuort. Das ist natürlich völlig untertrieben. Klar gibt es hier kein Highlife – weder Disco noch Fernseher. Dafür Berge, Wald und Einsamkeit in Hülle und Fülle. Und pure Ruhe – ausser dem Rauschen der Aua da Laver und der Brancla. Aber schliesslich heisst Zuort auf Romanisch taub. Ruhe und Stille wird auch im Haus hochgehalten. So steht auf einem Plakat in alter Schrift in der Gaststube: «Bitte kein Getrampel oder zu lautes Reden.» Ansonsten werde man sofort hinauskomplimentiert. Wir setzen uns an den wärmenden Kachelofen und lassen uns von Brigitte Engel eine herrliche Tomatensuppe und Bœuf bourguignon servieren. Etwas Märchenhaftes, Verwunschenes haftet diesem Haus an, mit all den ausgestopften Tieren und den historischen Zimmern, in denen wir später vorzüglich nächtigen werden. Fast scheint es, als ob man hier die Zeit angehalten hätte.

Das mochte vor über 100 Jahren auch den holländischen Dirigenten Willem Mengelberg fasziniert haben, der hier viele Jahre lebte. Inzwischen sind der Hof Zuort, die dazugehörende Villa, das Drachenhaus und die kleine Kapelle im Besitz von Peter Berry, Nachkomme einer St. Moritzer Ärztedynastie. «Zuort ist wie eine Zeitinsel», schwärmt er. Wie wahr.

Nur der wandernde Vollmond zeigt uns an, dass die Stunden vergehen. Er wolle hier einen Gegenpol zum «Disneyland Engadin» schaffen. Das Interieur des Hotels ist wo immer möglich im Urzustand belassen, auch die daneben liegende Villa, die Mengelberg bewohnte. Ritterrüstungen, alte Fotoalben, seine Büchersammlung und das Bett sind noch so, als wäre Herr Mengelberg eben erst zur Tür hinausspaziert.

Als privates Experimentierlabor bezeichnet Peter Berry sein Hotel. Akrobat, Nerz und Galante, die drei Haflingerpferde, seien sozusagen der biologische Motor seines Investments. «Weil sie täglich gefüttert werden müssen, ist das Hotel auch 365 Tage im Jahr geöffnet», erklärt der Arzt. Und im Winter dienen die drei auch schon mal als umweltfreundliche Skilifte.

Es ist nicht ganz zufällig, dass sowohl Peter Berry vom Hof Zuort wie auch Ludovic Orts und Benoît Greindl von der Montagne Alternative Quereinsteiger sind. Sie befinden sich in der zweiten Lebenshälfte, haben zuvor genug Geld verdient, um sich den Luxus eines Hotels leisten zu können. Und vor allem: Sie schätzen selbst die Ruhe und Abgeschiedenheit und freuen sich, diesen Luxus anderen Menschen anbieten zu können. Wir sind in Commeire denn auch nicht die Einzigen, die für ein Wochenende dem Alltag den Rücken kehren.

Zu guter Letzt landen wir bei Danièle. Die Rentnerin hat sich in Commeire ebenfalls einen Traum erfüllt und eine kleine Alimentation eröffnet. Sie verkauft alles, was man für eine Auszeit braucht: frischen Zopf, Honig oder ein Fondue. Die neugewonnene Einsamkeit wird so genussvoll abgerundet.

Montagne Alternative, Commeire VS, www.montagne-alternative.com, DZ ab Fr. 250.–; Hof Zuort, Ramosch GR, www.zuort.ch, DZ ab Fr. 230.–.

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