Von Deborah Balmer

Vom kleinen Boot aus, das den Besucher vom Festland auf die nur 300 Meter entfernte Insel Krapanj fährt, ist der markante gelbe Bau zu sehen. Er flirrt im Abendlicht. Kurz vor dem Anlegen am Steg lesen die Besucher den roten Schriftzug: Spongiola – Schwamm. Der Hoteldirektor Nikica Juric, der seine Gäste persönlich abholt, erzählt den Hintergrund: An der Stelle des Vier-Sterne-Hotels stand früher eine florierende Schwammfabrik, die 150 Angestellte beschäftigte.

Mit dem gleichen Grundriss hat er vor rund zehn Jahren das Hotel bauen lassen. Wo heute die Touristen am kleinen Kiesstrand direkt vor dem Hotel im glasklaren Wasser baden, legten einst die Boote der Schwammtaucher an. Vollgeladen mit den Meerestieren, die sie in der kroatischen Adria geerntet hatten. Von Krapanj aus exportierte man die beliebten Schwämme nach Italien, Frankreich, Deutschland und die USA. Sogar die Nasa, die Raumfahrtbehörde, soll den Schwamm aus Krapanj als Isoliermaterial in der Raumfahrt verwendet haben. Ein gewöhnlicher Badeschwamm machte das nur 0,36 Quadratkilometer grosse Eiland vor der dalmatischen Küste weltberühmt.

Gefährlicher Beruf
«Von Istrien bis nach Montenegro war die Adria damals voller Schwämme», sagt Govič Roko. Er ist heute 65 Jahre alt und stützt sich beim Gehen auf einen Stock. Als 33-Jähriger erlitt er einen schweren Tauchunfall, der den Kroaten fast das Leben gekostet hat, wie er ohne Verbitterung erzählt. Anfang der 1970er-Jahre bis zu seinem Zwischenfall Anfang der 80er-Jahre war Govič Roko wie die meisten Einwohner damals hauptberuflich Schwammtaucher.

Auf der einst autofreien Insel gibt es nicht viel zu entdecken: eine farbige Häuserfassadenzeile, ein Franziskaner-Kloster und eine alte Olivenölpresse aus dem 15. Jahrhundert werden im Reiseführer als Höhepunkte angegeben. Ein Pinienwald lädt zum gemütlichen Spaziergang ein. Genau das mögen die Touristen. Es ist angenehm ruhig. Manche legen mit dem Schiff nur einen Abend im Hafen an und lassen sich auf der Terrasse des «Spongiola» ein Fischgericht oder Muscheln schmecken.

Wenn Govič Roko erzählt, wie er früher, ohne Sauerstoffflasche, dafür mit Speer und Netz, die Schwämme erntete, taucht man ganz im Sinne des Wortes in eine alte und fast verschwundene Welt ein. Die Schwammtaucher wie Roko aus Krapanj trugen noch einen Skaphander mit Stahlhelm wie in einem Tim-und-Struppi-Comic. Ein Schlauch verband die Taucher auf dem Meeresgrund mit der Pumpmaschine auf dem Boot – bedient von Kollegen, die damit den Taucher von Deck aus mit Druckluft versorgten.

Roko hat damals manchmal drei Wochen am Stück auf hoher See verbracht und täglich kiloweise Schwämme geerntet. Im Mai habe die Ernte jeweils begonnen, die bis Oktober dauerte. Zu finden seien sie noch heute in 15 bis 30 Metern Tiefe. Einige wachsen aber auch 60 Meter unter der Meeresoberfläche, je nach Art. «Ich konnte mich immer gut orientieren unter Wasser, auch ohne Licht», sagt Roko. In den Wintermonaten arbeiteten die Schwammtaucher in der Fabrik.

Zum Treffen hat Roko einen überdimensionalen Schuh mitgebracht, der zu seiner Tauchausrüstung gehörte. Bleischwer ist er und fällt einem fast aus den Händen. Das Gewicht liess die Taucher auf den Meeresgrund hinuntersinken. Auch Schwämme hat Roko dabei: Einer ist so gross wie ein kleines Elefantenohr.

Zu ruhig für die Jungen
Noch bis Ende 1960er-Jahre blühte das Geschäft mit den Schwämmen auf Krapanj. Damals lebten 1500 Menschen auf dem Eiland. Heute sind es gerade noch 150. Die Jungen zieht es in die Stadt, wo es Arbeit und mehr Unterhaltung gibt. Früher war Krapanj die dichtestbesiedelte Insel Kroatiens, heute ist es noch die kleinste bewohnte Insel. Nur wenige Einwohner leben vom Schwammtauchen. Der Hoteldirektor Juric schätzt noch drei Familien. «Die Arbeit ist hart und der Lohn, der dabei herausschaut, gering», sagt er. Auch wenn der Skaphander, der Holzspeer und die Pumpmaschine längst durch moderne Tauchanzüge und Sauerstoffflaschen ersetzt wurden. Der jüngste Schwammtaucher der Insel soll bereits über 40 Jahre alt sein. Nicht selten müssen die letzten mit der Arbeit aufhören, weil sie keinen Assistenten finden, der mit ihnen aufs Meer rausfährt.

Auch sind die Tiere ohne Herz und Lunge, die am liebsten dort wachsen, wo sie der starken Strömung ausgesetzt sind (damit die Nährstoffe herbeigetragen werden), längst nicht mehr so zahlreich wie früher. Dazu beigetragen hat unter anderem die Erwärmung des Mittelmeers. Die Schwämme reproduzieren sich zwischen 18 und 24 Grad.

Nikica Juric, dessen Grossvater ebenfalls Schwammtaucher war, versucht das Gewerbe aus alten Tagen, so gut es geht, zu erhalten. Im Keller des Hotels hat er deshalb ein kleines Museum eingerichtet. Hier sind die Geräte zu sehen: der Skaphander, die Pumpmaschine mit den Schläuchen, die Stahlkappe und die Bleischuhe. Ein kurzer Film informiert die Besucher über die goldenen Zeiten der Insel.

Die Schwämme sind im «Spongiola» allgegenwärtig: Im Treppenhaus in einem Korb neben der Rezeption und auf alten Fotos, die in den Hotelgängen und den schönen, klassisch eingerichteten Zimmern über den Betten hängen.

Aussterbendes Gewerbe
Es erinnert aber auch daran, dass ein altes Gewerbe aussterben könnte. Das Schwammgeschäft, das der Überlieferung nach ein Grieche aus Kreta zu Beginn des 18. Jahrhunderts nach Krapanj gebracht hat und das ein Jahrhundert lang Tradition war, ist in Gefahr.

Auf den jahrelang wichtigsten Export von Krapanj angesprochen, schwärmt auch die Hotelangestellte Ana aus erster Hand von den weichen Badeschwämmen, die sich auf der Haut «einfach wow» anfühlten. Die meisten Besucher fahren nach erholsamen Tagen auf der Miniinsel mit mindestens einem Schwamm im Gepäck wieder aufs Festland zurück.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper