Muffige Wolldecken, nach Geschlechtern getrennte Massenlager, Klos und Duschen auf der Etage, und die Tür ab 22 Uhr verschlossen: Wer dieses Bild von den Jugendherbergen hegt, muss subito umdenken. Zwar gibt es auch in den neuen Jugendherbergen, die sich trendgerecht «Youth Hostel» nennen, noch Mehrbettzimmer; viele junge Reisende schätzen diese günstige Art der Übernachtung. Doch die Nachfrage älterer Gäste nach Doppel- und Familienzimmern steigt. Jugendherbergen der neueren Bauart, etwa jene in Saas-Fee, in Gstaad Saanenland oder in Scuol, wirken wie gehobene Dreistern-Häuser, nicht mehr wie verstaubte Massenunterkünfte.

Nehmen wir die Jugendherberge beim Bahnhof Interlaken-Ost, die beim Bewertungsportal Tripadvisor enthusiastische Einträge erhält: «Es ist wirklich die beste Jugendherberge, die ich je gesehen habe», schrieb zum Beispiel eine asiatische Alleinreisende im September. Preise hat das Haus ebenfalls schon bekommen: Ein Jahr nach Eröffnung hat das Jugendherberge-Netzwerk Hostelling International Interlaken als «beste und gemütlichste Jugendherberge 2013» ausgezeichnet. Das Gebäude selbst ist ein langer, vierstöckiger Kubus, in welchem unter anderem auch eine Bank eingemietet ist.

Das verglaste Erdgeschoss gibt dem massiven Gebäude eine gewisse Leichtigkeit. Die riesige Eingangshalle wirkt warm und einladend; alles ist offen und durchlässig; keine Trennung zwischen Restaurant, Rezeption und der Lounge mit einem Cheminée und Sofas, in denen es sich junge Leute bequem gemacht haben. Sie beschäftigen sich mit Laptops, Tablets und Smart Phones; einige diskutieren. Hier soll man sich begegnen können, wenn man will. Draussen, an den Tischen in der milden Herbstsonne, trinken Männer und Frauen aus dem gegenüberliegenden Altersheim Kaffee oder ein Bier. Sie kommen gern, weil die Jugendherberge ein lebendigerer Ort ist als ihr Heim.

Das Restaurant steht auch Externen offen. Zu kleinen Preisen werden hier Pasta, verschiedene Currys und andere leckere Gerichte angeboten. Viele werden im Wok vor den Augen der Gäste zubereitet. Überhaupt hat die Jugendherberge beinahe ein asiatisches Flair. Denn jeder dritte Gast kommt aus Südkorea und sucht in Interlaken den Outdoor-Kick, etwa beim Gleitschirmfliegen oder beim Canyoning. Und natürlich will man diesen enthusiastischen jungen Leuten etwas bieten: «Wir haben für sie unser Frühstücksbuffet mit Miso-Suppe und Reis ergänzt», sagt Debby Ronsdorf, die stellvertretende Betriebsleiterin. Bei den 52 Schweizer Jugendherbergen ist Südkorea mittlerweile der drittgrösste Quellmarkt nach der Schweiz und Deutschland».

Debby Ronsdorf führt uns durch das durchwegs rollstuhlgängige Haus. Die Zimmer sind schlicht, aber dank Parkettböden trotzdem einladend. Viele haben eine eigene Dusche und ein WC, einige sogar einen Balkon. In den Aufenthaltsräumen stehen Mikrowellen-Herde. Am Abend riecht es dort nach Nudelsuppe, einem bei jungen asiatischen Budget-Touristen beliebten Fertiggericht. Die Jugendherbergen der neuen Generation sind einem radikal neuen Konzept zu verdanken, das die Schweizer Jugendherbergen (SJH) in den 1990er-Jahren lanciert haben. «Es galt, eine starke Imagekorrektur umzusetzen», sagt Fredi Gmür, seit 20 Jahren SJH-Chef: «Weg von kratzigen Wolldecken, Schlafsälen, in denen um 22 Uhr die Lichter ausgehen und Männlein von Weiblein getrennt sind. Weg von alldem hin zu neuen Zielgruppen.» Die Jugis steckten damals in der Krise. Mit den jungen Rucksacktouristen allein war kein wirtschaftlich tragbarer Betrieb mehr möglich. Man musste vermehrt Familien und ältere Reisende ansprechen. Und das ist gelungen: Die Jugendherberge Interlaken gehört zu einer nunmehr 20-jährigen Erfolgsgeschichte.

Mehr Infos: http://youthhostel.ch/de/hostels/interlaken