Von Silvia Schaub *

Müsste man eine Mind-Map zum Engadin anlegen, kämen einem mit Sicherheit Stichworte wie: Sonne, Licht, Berge, Seen, Schnee, aber auch Glamour und High Society in den Sinn. Und natürlich noch einige Superlative, wie sie schon zahlreiche Schriftsteller gebrauchten, wenn die Rede von diesem Bündner Hochtal war. «Das Schönste, was ich sah» schwärmte einst der Philosoph Friedrich Nietzsche übers Engadin. Als «die Krone der Weltgebirgslandschaften» bezeichnete der deutsche Dramatiker Georg Kaiser das Bündner Südtal. Und für Hermann Hesse war es schlicht die «am stärksten auf mich wirkende von diesen Landschaften». Man könnte eine Bibliothek erstellen allein mit Werken, die dem Engadin huldigen und es lobpreisen.

Nur rund 80 Kilometer lang ist das Engadin zwischen Maloja am Anfang des Oberengadins und Vinadi am Ende. Zwischen all den mächtigen Bergen und den teils schroffen Tälern wohnen nicht einmal 30 000 Menschen. Was aber ist es denn, das diese Faszination, ja Schwärmerei auslöst, die Iso Camartin einst als «geistige Umweltbelastung» bezeichnete?

Seit über 20 Jahren bereise ich regelmässig das Engadin und habe mich im vergangenen Jahr noch etwas intensiver mit dieser Gegend befasst, um das Buch «111 Orte im Engadin, die man gesehen haben muss», zu schreiben. Auch, um ebendieser Faszination auf die Spur zu kommen.

Diese beginnt bereits, bevor man das Engadin überhaupt zu Gesicht bekommt. Von welcher Seite man sich dem Tal annähert – ob von Süden her hinauf nach Maloja, über den Ofenpass nach Zernez, ob über den Julier-, Albula- oder Flüela-Pass oder durch den Vereina- oder Albulatunnel –, schon die Anreise ist ein Erlebnis. Erst einmal angekommen, glaubt man sich dem Himmel ein Stück näher, die Luft klarer, das Licht heller, die Farben intensiver. Egal, wo man sich gerade befindet – ob im weiten, offenen Oberengadin, wo die Gletscher die Ebenen und die Seen geschaffen haben, oder im engen, von den Dolomiten geprägten Unterengadin mit wilden Tälern. Diese Intensität, die unsere Augen zuweilen irritiert, habe mit der Höhe zu tun, hat mir ein Wissenschafter zu erklären versucht. Aber auch mit der meist kalten, staubfreien und vor allem trockenen Luft.

Der reiche Kontrast
Immer wieder erlebe ich Momente, die auf ewig meine Seele prägen. Etwa als ich mit Kapitän Franco Giani in seinem Schiff über den Silsersee gefahren bin und mich wie inmitten eines Gemäldes von Giovanni Segantini gefühlt habe. Oder die Wanderung zum Kraftort Prospiz oberhalb von S-chanf, um die Schwingungen zu spüren. Aber auch die Galgen in Zernez, wo mir die düstere Geschichte dieses Tals vergegenwärtigt wurde. Ebenso bei der Festung Altfinstermünz in Vinadi am untersten Ende des Engadins. Hier führte die Hauptroute der Römer durch. Und erst recht bei der Wanderung durch Tamangur, dem Symbol-Wald der Rätoromanen.

Gerade diese reiche Geschichte des Tals ist nicht unwesentlich, um die Faszination erklärbar zu machen. So abgelegen das Engadin auch liegt, war es doch in früheren Jahrhunderten eine wichtige Transitachse zwischen Nord und Süd. Römische Imperatoren und österreichische Feldherren zogen durch das Tal und haben hier ihre Spuren hinterlassen. Geplündert und gebrandschatzt wurde hier manchenorts, das Volk war mausarm und die Gegend hatte ausser einer bezaubernden Natur ziemlich wenig zu bieten. Kein Wunder zogen viele aus, um anderswo ihr Glück zu suchen. Als Zuckerbäcker oder als Cafetiers. Und sie sind immer wieder zurückgekehrt, die Randulins, wie man die rätoromanischen Emigranten nennt. Haben über die letzten Jahrhunderte ins Tal investiert und dank dem Tourismus das Engadin auf die Landkarte gesetzt.

So ist es auch der reiche Kontrast zwischen Glamour und archaischer Natur, zwischen High Life und unendlicher Stille, der die Gegend magisch macht. Trotzdem ist das Engadin kein eingezäuntes Biotop, keine Swiss Miniature, das sich den aktuellen globalen Entwicklungen entziehen könnte – vor allem den klimatischen. Permafrost ist ein Thema, dem man permanent begegnet. Nicht nur als Mahnmal, etwa mit dem gigantischen Lawinen-Schutzdamm oberhalb von Pontresina, auch als Naturphänomen mit dem kriechenden Permafrost auf dem Aussichtsberg Muottas Muragl.

Was den Reiz des Engadins ausmacht, ist seine Vielfalt. Man könnte das Engadin etwas salopp mit einem gigantischen Fitness-Zentrum vergleichen, das für jeden Anspruch das Richtige bereit hält – ob für den gemütlichen Spaziergänger, den abenteuerlichen Biker, den Skitouren-Läufer oder den Gipfelbesteiger.

Sicher, das Engadin hat auch eine andere Seite. Etwa im Mai, wenn die Landschaft mehr braun als grün oder weiss ist, fast alle Geschäfte und Hotels geschlossen und die Strassen wie leergefegt sind, weil die Engadiner in eine warme Destination entschwunden sind. Dann meiden die meisten das Tal. Wobei es gerade durch diese Leere einen neuen Reiz entfalten kann.

Apropos Mind-Map: Inzwischen würde ich ihm noch ein weiteres Stichwort hinzufügen: Increschantüm – Heimweh. Das plagt nicht nur die Engadiner, wenn sie von ihrem Zuhause weg sind, sondern auch mich immer öfter.

*Die Autorin hat das Buch «111 Orte im Engadin, die man gesehen haben muss» geschrieben, das soeben im Emons Verlag Köln herausgekommen ist.
240 Seiten, Fr. 23.90.

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