Von Ion Karagounis

Da stehen doch tatsächlich drei Fahrräder zur Ausleihe bereit! Und das beim Haupteingang des Novotel Peace, einem zwanzigstöckigen Vier-Sterne-Haus im Zentrum Pekings. Ist das Fahrrad also zurück in Peking? Nachdem es in den Jahren des ewigen wirtschaftlichen Booms im Land weitgehend verdrängt worden war?

Nur ein Test kann zeigen, wie velofreundlich Peking tatsächlich ist. Ich leihe mir ein Rad. Schnell ist das Formular unterschrieben, mit dem ich das Hotel von jeder Verantwortung befreie. Der Concierge öffnet das Bügelschloss. Der Sattel ist bereits auf der richtigen Höhe, und eine der beiden Bremsen funktioniert – es kann losgehen! Zuerst auf der Jinyu-Strasse westwärts zum Kaiserpalast, dann weiter auf der Beichang-Strasse bis zur weissen Pagode.

Die sechs Gänge, die das Velo hat, sind überflüssig: Peking ist topfeben und damit ideal auch für wenig trainierte Radfahrer. Natürlich sind da die vielen Autos, aber mit einer cleveren Routenplanung und etwas körperlichem Geschick kann man ihnen gut ausweichen. Immer gleiten lassen, am besten mit zwei- bis dreifachem Schritttempo. Das braucht anfänglich etwas Mut, vor allem, wenn von allen Seiten Autos kommen. Meist verlangsamen sie. Und die zehn Prozent, die es nicht tun, die muss man antizipieren. Tückisch sind vor allem die rechts abbiegenden Fahrzeuge, die einem den Weg abschneiden. Doch die Pekinger lernen dazu. Da betätigt doch tatsächlich einer den Blinker, bevor er abbiegt. Das hätte es vor einigen Jahren noch nicht gegeben.

Jeder ignoriert die Absperrung
Gänzlich gefahrlos ist das Fahren in den Hutongs, den schmalen, alten Wohngassen Pekings. Nach gut einer halben Stunde habe ich das Xisi-Quartier erreicht – acht parallele Strässchen, drei bis vier Meter breit, die ich in einem Zickzack-Kurs abfahre.

Es ist wenig los an diesem Nachmittag. Hier sortiert einer leere Plastikflaschen, da verkauft einer frisch geschmorte Schweinsköpfe. In der fünften Gasse wird es plötzlich eng und hektisch. Die Kanalreiniger sind unterwegs. Schachtdeckel sind offen, stinkende Absaugschläuche und das Pumpfahrzeug versperren den Weg. Wie üblich in Peking, hat niemand die temporäre Absperrung am Eingang des Hutongs ernst genommen. So kommen Mofas und Velos jetzt kaum durch.

Nach den Xisi-Hutongs fahre ich durch Quartierstrassen und Einkaufsgassen zu den drei hinteren Seen und weiter zum Glocken- und Trommelturm. Das Fahrrad entpuppt sich als das ideale Fortbewegungsmittel für eine Stadt voller Kontraste wie Peking. Nah genug, um nichts zu verpassen, distanziert genug, wenn der Blick in einen Innenhof traurige Armut oder heftigen Streit offenbart.

Zudem bin ich sicher vor den vielen geschäftstüchtigen Händlern, die Plastikspielzeug verkaufen oder mich porträtieren möchten, und vor jenen, die gern mit mir Tee trinken würden, um ihr Englisch zu verbessern, oder die für mich eine «Nice Lady» auftreiben wollen.

Dank dem Smartphone
Das satte Rot des Trommelturms – ein massiver, dreistöckiger Bau, in dem 25 riesige Trommeln zu besichtigen sind – leuchtet warm im Sonnenlicht. Sogar das Wetter spielt mit! Seit einigen Tagen weht eine Bise, und der Himmel ist klar. Luftverschmutzung in Peking? Nichts zu sehen oder zu riechen. Die düsteren Bilder aus den Nachrichten mit Menschen, die Staubmasken tragen, und von Hochhäusern, die sich in der grauen Suppe lediglich erahnen lassen, scheinen von einem anderen Planeten zu stammen. Die angedachten Sätze über die drohende Apokalypse bleiben in der Schublade.

Weiter südlich, auf der Höhe des Trommelturm-Imbisses, biege ich in eine namenlose Gasse ein. Gemäss Smartphone eine Abkürzung zur Luogu-Gasse, dem nächsten Ziel. Ich schiebe das Rad zwischen zwei Tischen und dem teilnahmslos dreinblickenden Kellner durch. Dann setze ich mich wieder auf den Sattel. Doch bereits nach wenigen Ecken endet der Weg vor einer Bauabsperrung. Wieder zurück, wieder vorbei am Kellner, der mit keiner Wimper zuckt.

Selbst wenn sie einem nicht jede Sackgasse ersparen, sind die Karten auf dem Smartphone verblüffend genau und hilfreich. Weiss man nicht mehr, wo man ist, hat man sich nach wenigen Sekunden neu orientiert.

Ohne Hindernisse geht es durch die nächste Gasse, und bald kreuze ich die südliche Luogu-Gasse, eine schmale Einkaufsstrasse, äusserst beliebt bei Einheimischen und Touristen. Kleider, Schmuck, Bücher, Geschenke – hier ist alles erhältlich.

Nie bremsen für Fussgänger!
Auf der letzten Etappe sind zwei- bis vierspurige Strassen angesagt. Unterdessen fährt es sich auch hier recht entspannt. Nicht wie im schweizerischen Verkehrsalltag, wo man sich immer im Recht wähnt und meint, es auch bekommen zu müssen. Hier ist die Sache einfach: Radfahrer haben keine Rechte – oder man kann sie nicht durchsetzen. Also fährt man im Wissen, in der Hackordnung an zweitletzter Stelle zu stehen.

Nur die Fussgänger kommen danach. Machen Sie nicht den Fehler, einem Passanten den Vortritt lassen zu wollen! Das führt unweigerlich zu Konfusion. Möglicherweise wird er direkt in Sie hineinlaufen, weil er beabsichtigte, knapp hinter dem fahrenden Velo durchzugehen. Oder die nachfolgenden Radfahrer werden von Ihrem Bremsmanöver überrascht und können nicht mehr stoppen.

Metallzäune für Sicherheit
Oft gibt es auf den mehrspurigen Strassen sogar eine eigene Spur für Zweiräder. Sie ist mit einem Metallzaun vom übrigen Verkehr getrennt. Vor zwanzig Jahren fuhren auf den Pekinger Strassen hauptsächlich Velos, dazu gab es öffentliche Busse und gelegentlich einen Lastwagen. Wenige Jahre später ein neues Bild gedreht: Die Autos verstopften die Strassen, Velo- und Mofafahrer wichen auf die Trottoirs aus. Unterdessen hat man mit Metallzäunen etwas Ordnung geschaffen. Sie stehen auch in der Strassenmitte, damit die Autos nicht auf der Gegenfahrbahn verkehren.

In der Heyan-Allee stosse ich auf ein weiteres Zeichen der Rückkehr des Fahrrads: eine automatische Verleihstation mit rot-weissen Fahrrädern! Gemäss Reiseführer sollen in den kommenden Jahren Hunderte solcher Stationen errichtet werden. Damit folgt Peking dem Trend vieler anderer Städte, die aufs Fahrrad setzen. Schneller als anderswo musste man hier erkennen, dass der aufkommende Privatverkehr an seine Kapazitätsgrenzen stösst. Fremden erschliesst sich die Bedienung der automatischen Velostationen allerdings kaum. Doch das System scheint zu funktionieren, denn wenig später kreuze ich zwei Einheimische, die auf Leihrädern unterwegs sind.

Nach wenigen hundert Metern biege ich in die Jinyu-Strasse ein und fahre zurück zum Hotel. Die Sonne steht bereits tief in meinem Rücken und wirft einen langen Schatten auf die Strasse. Autos, Mofas und Velos leuchten in der Abendsonne. Vor dem Hoteleingang lehne ich das Fahrrad gegen die anderen Räder, denn die Schraube des Ständers ist mittlerweile lose. Doch das interessiert niemanden. Hauptsache, eine Bremse funktioniert.

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