Jeden Samstag. Keine Widerrede. Jeden Samstag musste man mit der Grossmutter nach Ascona fahren. Das sind ja vom Rheintal nur etwas über zwei Stunden. Diese Strecke musste man aber am selben Tag wieder zurück. Aber was tut man nicht alles für die Familie? Schliesslich liebte die Mutter das Dorf am Lago Maggiore. Ein Blick über die Piazza, einen Spaziergang an der Seepromenade und ein feiner Zmittag in einem der Restaurants: und Mutter war glücklich. Hier in Ascona, der Perle am Lago Maggiore, im ehemaligen Fischerdorf, das mit den bunt gestrichenen Häusern Alt und Jung, Schweizer und Weithergereiste entzückt. Der Deutschschweizer schätzt das nahe Sonnenparadies und ist stolz – diesen Vergleich darf man machen – auf das Saint-Tropez der Schweiz. Ausländer sind überwältigt von diesem Stück Schweiz all’italiana.

Es sind die Palmen, der See und die hügeligen Landschaften rundherum, die dem Ort ein mediterranes Flair verleihen. Egal von wo man kommt: In Ascona angekommen, fühlt man sich weit weg vom Alltag. Und das nach nur zwei bis vier Stunden Autofahrt aus der Deutschschweiz.

Italienische Lebensart steigt hier mit den Schweizer Standards ins Bett. Da passt der Kommentar eines deutschen Besuchers, der das erste Mal ins Tessin reist: «Tessin, das ist Coop und Palmen.» Ja, die Palmen – sie verraten den Süden. Ascona ist nicht nur mediterran, sondern mit seinen 5-Sterne-Hotels auch mondän. Das «Eden Roc» liegt in der sonnigen Bucht und lockt Promis aus aller Welt an. Die Gäste sonnen am Privatstrand und legen mit dem eigenen Boot an. Und vom Ufer oder den Terrassen des Hotels raubt einem den Atem. Man sieht bis zu den Brissago-Inseln, die von oben betrachtet maledivisch wirken. Dieses Klima tut nicht nur uns Menschen, sondern auch den exotischen Pflanzen gut. 1700 Pflanzenarten vom Mittelmeerraum, den Subtropen Asiens, Südafrikas, Amerikas und Ozeanien gedeihen im botanischen Garten der Inseln.

Das «Eden Roc» in der Via Albarelle hat ein Stück Geschichte zu bieten. «La Casetta», ein kleines Häuschen mitten im Garten des Anwesens, ist nicht nur ein Restaurant, auf dessen Veranda man an warmen Tagen gegrillten Fisch essen kann. In dem Seehaus verhandelten Nazi-Besatzer und Alliierte – bis zum Abschluss. Eine Bronzetafel erinnert an die Verhandlungen vom März 1945.

In eine frühere Zeit versetzt fühlt man sich auch im Dorf selbst. Ein Netz an kleinen Gässchen und Strässchen mit Kunstgalerien, Beizen und Boutiquen durchzieht Asconas Kern. Die Spuren der Künstler, die das Dorf bewohnt haben, sind allgegenwärtig. Schlendern, abbiegen, staunen, weiterflanieren. An jeder Ecke lauert ein weiterer zauberhafter Winkel oder ein märchenhafter Innenhof. So wie das Collegio Papio mit seinem Hof im lombardischen Stil. Früher wurden hier Mönche ausgebildet, heute Tessiner Schüler.

Biegt man von der Einkaufsstrasse Via Borgo links hoch, spaziert man zum Monte Verità. Berg der Wahrheit, so nennt man den Hügel oberhalb Asconas. Hier kommt auch die Wahrheit zum Vorschein, wer fit ist und wer nicht. Nach 500 Stufen vergisst man zu zählen. Die am Hang gelegenen, in allen Farben blühenden Gärten lenken ohnehin ab. Wer Ascona besucht, sollte dieses Fleckchen Natur aufsuchen, um auf den glitzernden See und den Kirchturm Santi Pietro und Paolo zu blicken, der zwischen den bunten Häuschen hervorragt.

Mit der Ansiedlung einer Lebenskünstler- und Vegetarierkolonie zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Mythos des Monte Verità begründet. Der Hügel wurde zum geistigen Zentrum für Intellektuelle. Revolutionäre, Philosophen und Maler – der Monte Verità zog sie magisch an. Heute befinden sich ein Kongress- und Kulturzentrum auf dem Gelände sowie ein Teehaus, wo Besucher die japanische Teekultur und Teezeremonie kennenlernen können. Aber vor allem steht der Hügel für einen tollen Blick über den Lago Maggiore.

Den hat man auch in Locarno. In die Nachbarstadt Asconas fährt man über die Maggia, die in den See mündet. Die Stadt liegt am Nordufer des Lago Maggiore. Das Wahrzeichen liegt aber in Orselino, oberhalb der Stadt. Romantisch und bequem zugleich ist die blaue Standseilbahn, die dem Bach Ramogna folgt. In dem kleinen Bähnlein fährt man zur Wallfahrtskirche Madonna del Sasso hoch, die auf einem spektakulären Felssporn thront. Kein Wunder, ist sie die berühmteste der italienischen Schweiz.

Zur Wallfahrtsstätte gehört neben der Kirche Mariä Himmelfahrt, Madonna del Sasso genannt, das Kloster mit einem kleinen Museum. Von dort oben blickt man auf den See und das Frei- und Strandbad Lido. Eine Oase für alle, die Sport, Spass und Wellness rund um das Thema Wasser lieben. Ein 600 Meter langer Sandstrand auf dem Maggia-Delta lockt im Sommer – doch das Lido di Locarno ist das ganze Jahr über, bei jedem Wetter, geöffnet.

Über die Via Crucis (Kreuzweg) läuft man an geschmückten Kreuzwegkapellen hinunter in die Stadt. Das leichte Zucken in den Waden am nächsten Tag erinnert daran, dass man sich in der Natur für die Kultur bewegt hat.

In Locarno selbst ist Bummeln die angezeigteste Fortbewegungsmethode. Die Stadt gilt als wärmste Stadt der Schweiz und als die nördlichste Ortschaft mit mediterranem Klima an einem See. So bestimmen Palmen, Zypressen und Zitronenbäume das Stadtbild. Bei so viel südlichem Flair und Bella-Italia-Feeling ist Pasta Pflicht gegen den Hunger. In der Via Bossi in der Altstadt führt eine unscheinbare Tür in die «Locanda Ticinese». Dort bietet das Mittagsmenü etwa Ravioli alla fiorentina mit Butter und Salbei oder Orecchiette mit Tomaten, Auberginen und Zucchini. Dazu ein Glas weissen Merlot aus dem Tessin. Wer kann, noch ein Tiramisù im Glas. So schnell ist der Mensch glücklich und zufrieden.

Und zum Glück enden alle Gassen, die durch die Altstadt ziehen, auf der Piazza Grande. Das «Wohnzimmer» der Stadt sozusagen. Die Piazza Grande ist mit ihren Arkaden einer der grössten und bekanntesten Stadtplätze der Schweiz. Musik- und Filmfestival – auf der Piazza Grande ist immer etwas los. Das Herz der Stadt. Wenn man dann im Restaurant Gran Café Verbano draussen im Sonnenschein einen Espresso geniesst, denkt man sich: Tessin, immer wieder.

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