Denise Fricker

Wenn ich einmal gross bin, heirate ich einen Prinzen, bin eine Prinzessin und lebe auf einem Schloss», schreiben Mädchen in ihr Tagebuch. Schlösser und Burgen faszinieren uns. Mit ihren Geschichten und Bewohnern. Als kleine Mädchen träumen wir von einem schönen Prinzen, der uns hoch zu Ross zum Schloss reitet. Vom Himmelbett und den Frauen, die uns das lange Haar kämmen. Die kindliche Naivität verschwindet. Der Prinz reitet an uns vorbei, und wir haben gelernt, dass wir nicht auf Schlössern leben. Oder dafür in einer falschen Zeit geboren sind. Ist das wirklich so?

Ines Ruckstuhl-Bättig hat keinen Prinzen geheiratet. Sondern den Historiker Dieter Ruckstuhl. Trotzdem lebt das Ehepaar mit ihren gemeinsamen drei Kindern auf einem Schloss. Dem Schloss Heidegg. Dieses gehört dem Kanton Luzern und wird seit 1995 von Dieter Ruckstuhl geleitet. Das Paar hatte in einem Zeitungsinserat gelesen, dass der Kanton einen Geschäftsführer und Kurator für das Schloss sucht. Die beiden haben das Schloss besucht, und es hat sie verzaubert. Sie haben sich beworben, und seit 21 Jahren leben sie nun mitten in der Schlossanlage. In einem Wohnhaus, das vor 300 Jahren gebaut wurde.

Leben wie zu alten Zeiten
Schloss Heidegg thront auf einem Moränenhügel über dem Baldeggersee. Überall sind Rebberge, die den Hügel bedecken. Die edlen Trauben machen den Anblick auf das Schloss vollkommen. Auf Kieselsteinen spazieren Besucher durch eine Kastanienbaum-Allee und nähern sich dem herrschaftlichen Anwesen. Sie passieren einen Torbogen, überwachsen mit Efeu, und schlendern, vorbei an einem Brunnen aus dem Jahr 1868, in den Schlosshof.

Auf dem Kiesplatz, umgeben von Pflanzen, dem Familienhaus, einer Kapelle und dem Schlossturm, fühlt es sich an wie zu früheren Zeiten.

Man stellt sie sich sofort vor: Die adlige Familie, wie sie vor über 100 Jahren in ihren Herrschaftskleidern auf Heidegg spazierte. Wie sie auf der Schlossterrasse bei Tee und Kuchen über Gott und die Welt diskutierte oder im Schatten in einem Buch blätterte. So ähnlich lebte die Familie Pfyffer von Heidegg, die von 1875 bis 1953 das Schloss bewohnte und in deren Leben die Besucher im Schlossmuseum eintauchen können. Weil die Töchter der Familie kinderlos blieben, entschieden sie sich zur Schenkung von Schloss und Umgebung an den Kanton Luzern.

Überlieferungen nach hatte die Familie Pfyffer noch im 20. Jahrhundert Bedienstete, die den jungen Frauen das Haar kämmten, ihnen die Sonntagskleider auf dem Bett bereitlegten. Doch das Leben auf dem Schloss hat sich geändert. Wovon wir als Mädchen träumten, träumt vielleicht ab und zu die Familie Ruckstuhl. Wenn ihr die Zeit fehlt, in einem Buch zu versinken. Wenn bei ihr um sechs Uhr morgens der Wecker klingelt. Die Familie steht auf und frühstückt gemeinsam. Es gibt keine Angestellten, welche die Butter, Marmelade oder den Orangensaft aus dem Kühlschrank nehmen und auf den Tisch stellen. Sie selber tischen auf. Die Kinder gehen zur Schule, erhalten keinen Privatunterricht.

Linus ist 18-jährig und hat letztes Jahr die Maturaarbeit abgegeben. Elias ist 16 und pendelt nach Luzern in die Wirtschaftsmittelschule. Anian, 12, besucht in Hitzkirch die Oberstufe. Die drei Buben sind keine drei Prinzen, die sich den ganzen Tag mit Bogenschiessen und Ritterspielen vergnügen. Sie büffeln in der Schule Mathe, schreiben Aufsätze, und manchmal drücken sie sich vor den Hausaufgaben. Ein ganz normales Leben. Nur eben auf einem Schloss.

Es ist viel los auf dem Schloss
Und wie sieht es aus, dieses Leben hinter den Gemäuern? Ist es romantisch Schlossherr und Schlossdame zu sein? In der realen Welt verhält es sich vor allem so, dass die Familie Ruckstuhl sich grosse Mühe gibt, romantische Anlässe zu organisieren. Das Schloss Heidegg ist besonders beliebt bei Liebespaaren. «In diesem Sommer hatten wir über 40 Ziviltrauungen», sagt der Kurator. Für die Anlassadministration ist zur Hauptsache eine Mitarbeiterin verantwortlich, aber Ruckstuhls sind bei der Durchführung von Banketten und Apéros meist auch engagiert.

War vor 21 Jahren noch alles improvisiert, sind heute 30 Personen im Schloss angestellt. In unserem Traumschloss würden sie natürlich der Schlossdame und dem Schlossherrn jeden Wunsch von den Augen ablesen. Bei den Ruckstuhls helfen die Teilzeit-Angestellten bei Führungen, beaufsichtigen die Kasse oder richten die Ferienwohnung für die Gäste her. Seit 1998 wird der unterste Stock des Wohnhauses vermietet. Eingerichtet mit Möbeln aus dem 18. und 19. Jahrhundert, lebt es sich in der Ferienwohnung wie zu adligen Zeiten der Familie Pfyffer.

Auch die Kinder helfen im Schlossbetrieb mit. Linus etwa steht hinter der Museumskasse. Hier habe er schon als kleines Kind gespielt. Damals habe er das Schloss selten verlassen. Es hätte für ihn keinen Grund gegeben, in das ein Kilometer entfernte Dorf Gelfingen zu gehen – ausser in die Schule. Auf dem Schloss fand er alles, wovon ein Kind träumt. Er habe mit seinen Freunden im Schloss-Estrich übernachtet, auf dem Schlossplatz wie ein Prinz auf seiner Gitarre gespielt oder dem Gärtner im Rosengarten geholfen.

Wie sein Leben auf dem Schloss bei den Frauen ankommt? Dazu sagt der 18-Jährige verschmitzt: «Bei meinen Schulkameradinnen ist es kein Geheimnis, wo ich wohne.» Mehr sage er dazu nicht. Auch ein «Prinz» schweigt und geniesst.

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