Von Toni Widmer

Nach Fehmarn kann man auch fliegen. Allerdings nicht mit einem Jumbo-Jet oder einem anderen Flugzeug ähnlicher Grössenordnung. Die können in Neujellingsdorf nicht landen. Die Graspiste auf dem kleinsten Flugplatz Deutschlands ist nur für kleine Sportflugzeuge geeignet. Etwa die Cessna F172M, in welcher der routinierte Pilot Klaus Skerra den Touristen auf seinen regelmässigen Rundflügen die 185 km2 kleine Ostseeinsel mit flotten Sprüchen von oben herab erklärt.

Ein Rundflug mit Klaus Skerra macht immer Spass. Besonders eindrücklich ist er jedoch im Mai, wenn der Raps blüht. Auf rund einem Viertel der insgesamt 14 000 Hektar grossen Anbaufläche der Kornkammer von Schleswig-Holstein wird er angepflanzt, und in der rund vier Wochen dauernden Blütezeit wird die Insel vom leuchtenden Gelb und dem zarten Geruch seiner Blüten dominiert. Ein nachhaltiges Erlebnis.

Man kann ein Stück der Blütenpracht mit nach Hause nehmen. Das Rapskissen soll (kalt oder warm) Verspannungen und Prellungen lindern, und der in allen Geschäften angebotene Rapshonig ist einfach köstlich.

Fehmarn, zwischen der Kieler und Mecklenburger Bucht gelegen, ist die drittgrösste deutsche Ostseeinsel. Und – vor allem in der Schweiz – weit weniger bekannt als ihre prominenten grossen Schwestern Rügen und Usedom. Dabei hat das kleine Fehmarn mindestens ebenso viel zu bieten. Zum Beispiel Sonne: Mit durchschnittlich 2200 Stunden pro Jahr scheint sie hier so oft wie kaum irgendwo sonst in Deutschland. Nennt man den Namen Puttgarden, kommt bei vielen das Aha-Erlebnis. Von dort laufen die grossen Fähren nach Dänemark aus. Nicht wenige Schweizerinnen und Schweizer sind auf dem Weg in den hohen Norden wohl schon über Fehmarn gefahren, waren sich dessen nur nicht bewusst.

Für Surfer hingegen ist Fehmarn von jeher ein Geheimtipp. Nicht umsonst wird die Insel als das Hawaii des Nordens bezeichnet. Flaute kennen die Fehmaraner kaum. Im hohen Norden weht zwar fast überall und immer ein Lüftchen, auf Fehmarn wegen der speziellen Lage aber besonders ausgeprägt. Dazu kommt das vielenorts flache Wasser, welches Anfängern den Einstieg in den Sport erleichtert. Surf-, Kitesurf- und Segelschulen gibt es denn auf der Insel zuhauf, und auch mehrere Campingplätze haben sich auf dieses Gästesegment ausgerichtet.

Fehmarn ist jedoch ein Urlaubsort mit vielen Facetten. Familien mit Kindern kommen hier ebenso auf ihre Kosten wie Leute, die einfach nur viel Ruhe in einer weitgehend intakten Natur suchen. Es gibt Campingplätze, die so weit von der Zivilisation entfernt sind, dass in der Abenddämmerung ausser dem leisen Plätschern der Wellen, dem Zirpen der Grillen und dem gelegentlichen Zwitschern der Vögel nichts zu hören ist.

Wasser ist auf der Insel in ständiger Reichweite. Nirgends ist man weit von der Ostsee entfernt. Sie ist auch von der Inselmitte aus in wenigen Minuten erreichbar, und die 78 Kilometer lange Küste ist so abwechslungsreich wie kaum irgendwo sonst. Da ist der sandige Südstrand mit den für den Norden typischen Strandkörben. Da gibt es aber auch Steilküsten mit Kieselsteinen, an denen man nach Bernstein suchen kann und da sind die südlichen weissen Sandstrände beim Wulfener Hals oder der Burgtiefe. Dazu kommen viele kleine und romantische Binnenseen im Landesinnern.

Mit dem Fahrrad lässt sich die Insel sehr gut erkunden. Wer Route und Fahrzeit gut wählt, profitiert dabei oft von Rückenwind. Wer ihn verpasst und im Gegenwind müde wird, kann sich unterwegs auf den «Feldsofas» am Wegrand ausruhen. Auf das gut ausgebaute, 300 Kilometer lange Radwegnetz sind die Fehmaraner besonders stolz. Vor allem auf die unkonventionelle Art, wie es in den letzten Jahren ausgebaut worden ist. Innerhalb von 36 Monaten wurden knapp 30 zusätzliche Kilometer realisiert, auf unbürokratische Art von einer privaten Trägerschaft aus Grundbesitzern. Sie verpachten die nach ökologischen Kriterien mit einem Naturbelag angelegten Wege den Gemeinden und der Tourismusorganisation.

Wer sein eigenes Rad mangels Platz in der Cessna von Klaus Skerra, dem Auto oder der Bahn nicht mitbringt oder mitbringen will, kann gepflegte Fahrräder (auch E-Bikes) überall auf der Insel zu günstigen Konditionen mieten.

Mehrere schöne Radtouren über 20 bis 30 Kilometer durch die überwiegend flache Landschaft – der Hinrichsberg ist mit 27,7 Metern der höchste auf der Insel – sind gut ausgeschildert. Sie führen zu den fünf Leuchttürmen, den fünf Kirchen oder den sechs Häfen und zu den grossen Naturschutzgebieten, wie dem Wasservogelreservat Wallnau mit Naturerlebnispfad und Ausstellung zum Thema Vogelflug oder auch zum Grünen Brink.

Für Abwechslung ist auch abseits der Radwege gesorgt. Tauchen, angeln, wandern. Laufen, walken und reiten. Europas höchste künstliche Kletteranlage an einem Getreidesilo, der Hochseilgarten, ein Golfpark, ein Meerwasserbad und dazu verschiedene kulturelle Einrichtungen wie das Kirchner-Museum, das Expeditionsmuseum, das Freilichtmuseum Katharinenhof, die Galileo Wissenswelt und das U-Boot- oder das Seerettungsmuseum.

Langweilig wird einem auf Fehmarn nie. Und Ferien machen kann man hier zu jeder Jahreszeit. Die Tourismus-Verantwortlichen sagen: «Die Frage ist, was Sie suchen. Wärme gibt es im Januar nicht. Aber die Entspannung, das gesunde Reizklima und die Entschleunigung finden Sie das ganze Jahr.»

Ein schales Gefühl haben die Fehmaraner zurzeit wegen der geplanten Fehmarnbelt-Querung. Ein 18 Kilometer langer Tunnel für Schiene und Strasse unter dem Meer soll künftig Deutschland und Skandinavien verbinden. Die Dänen haben dem Projekt zugestimmt, auf der deutschen Seite gibt es nach wie vor Opposition. Auf Fehmarn wird durch den zu erwartenden Mehrverkehr eine Beeinträchtigung der Landschaft und damit des Tourismus befürchtet. Die deutsche Regierung hingegen sieht den Tunnel aus Aufwertung der Region.

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