Von Stephan Brünjes

Boaaaah!» hätte Johann eben beinahe laut ausgerufen, konnte es dann aber gerade noch unterdrücken und runterschlucken, hinter eilig vorgehaltener Hand. Laut sein ist ja verboten hier auf Safari, um die Tiere nicht zu erschrecken. Das hatte Forget, der Ranger mit dem lustigen Namen, dem Sechsjährigen vorhin extra noch mal erklärt. Nun sitzt der kleine Wuschelkopf mucksmäuschenstill auf der Jeep-Rückbank, die Augen weit aufgerissen, alle Sehnen des Körpers gespannt.

Fast genauso wie die Löwin gegenüber, keine 300 Meter entfernt im kniehohen Savannengras. Sie fixiert eine vorbeiziehende Herde Impalas, minutenlang. Die an Rehe erinnernden, eleganten Tiere scheinen ahnungslos und wittern die Raubkatze nicht. Gebannt verfolgen Johann und die anderen acht Safarigäste – allesamt Erwachsene – das Schauspiel: Wird die Löwin gleich aus ihrem Versteck schiessen und eine der Impalas reissen? In einem blutigen Todeskampf, wie er in der Natur nun mal üblich, aber vielleicht doch zu überwältigend ist für einen Sechsjährigen aus nächster Nähe?

«Ganz ausschliessen können wir das natürlich nie», sagt Natalie Berrie, leitende Managerin des Gondwana Game Reserve. Trotzdem bietet das vier Autostunden östlich von Kapstadt gelegene Wildreservat seit seiner Eröffnung im Jahr 2012 Safaris für Kinder ab vier Jahren an. Eine Seltenheit in Südafrika, aber eine wohlüberlegte, erklärt Berrie: «Wir schauen uns die kleinen Gäste schon genau an, bevor wir sie das erste Mal raus ins Gelände lassen. Sie sollen vorher im Camp beim Junior-Ranger-Programm mitmachen, wir sprechen mit den Eltern, wie belastbar sie ihre Kinder einschätzen, und die erste Ausfahrt führt meistens zu Giraffen, Zebras und anderen harmlosen Tieren, um zu sehen, wie die Kinder reagieren.»

Verhalten sie sich hier ruhig, stossen sie keine spitzen Schreie aus (auf die alle Wildtiere allergisch reagieren) und vor allem: Bleiben die kleinen Safari-Gäste auf ihren Plätzen im Geländewagen? Stillsitzen ist hier nämlich keine Frage des Anstands, sondern des Abstands – und zwar von den Wildtieren: Denn sie greifen einzelne, sich aus einer Menge aufrichtende Personen möglicherweise an, empfinden sie als Bedrohung. Nicht jedoch ein Auto voller fotografierender Menschen.

Die Löwin ganz nah
Plötzlich schallt ein heiseres, mehrstimmiges Husten über die Lichtung – der Warnruf einer Impala. Sie hat die Löwin gewittert. Sofort geht ein Ruck durch die Impala-Herde. Wie ferngesteuert nimmt sie fast im Gleichschritt Reissaus, versammelt sich einige hundert Meter weiter dicht gedrängt in Achtungstellung, alle Augen nervös in Richtung Raubkatze gerichtet. Sie kriecht nun aus ihrem Versteck, streunt ziellos herum, zum Greifen nah am Gondwana-Safari-Jeep.

Die Bewährungsprobe für Johann. Der Sechsjährige zieht zwar etwas ängstlich den Kopf ein, sagt aber keinen Ton, rührt sich inmitten der Erwachsenen nicht vom Fleck und lauscht dem Ranger: «Die Löwin ist sichtlich genervt, dass sie keine Beute gemacht hat, denn sie hat Hunger», flüstert er und prophezeit, sie werde nun weiterziehen zu einem nahegelegenen Wasserloch, in der Hoffnung, dort ein trinkendes Tier zu überraschen. Gesagt, getan – die Raubkatze verschwindet im dichten, grünen Dickicht der in dieser Gegend vorherrschenden Mittelgebirgs-Hügellandschaft.

Abends, nach Ende der Safaritour, im terrassenartig angelegten Camp: Beim Dinner in der komfortablen Restaurant-Hütte sitzen fast überall Familien. Dazwischen, auf dem lehmbraunen Steinfussboden, eine Art Erlebnis-Stammtisch im Schneidersitz: Johann schwärmt gerade in schillerndsten Farben davon, wie er heute Elefanten, Nashörnern, Giraffen und eben der gefrässigen Löwin quasi Auge in Auge gegenübergesessen hat. Greta (4) war – nach eigenen Worten sogar noch näher dran, und Gabriel (5) sass quasi schon auf einem Zebra, als seine «mal wieder echt voll ängstliche» Mutter ihn zurückpfiff. Mit derartigem Safari-Latein lassen diese kleinen Könige der Löwen ihre Eltern beglückt schmunzeln, bevor sich die Familien nach und nach in ihre Kwena-Suites zurückziehen – runde, mit Zebrafellen und Baumstümpfen, Warmwasser und WLAN eingerichtete Steinhütten unter Reetdach-Mützen.

Am nächsten Morgen wollen einige Eltern allein auf Safari-Tour. Kein Problem, dank Gondwanas Babysitterservice. Im Notfall sind Mama und Papa unterwegs übers Funkgerät des Rangers erreichbar und werden schnell per Jeep aus dem Busch abgeholt. «Passiert aber fast nie», sagt Megan Eddie. Die 21-Jährige studiert Umwelt-Erziehung, macht ihr praktisches Jahr in Gondwana und leitet das Junior-Ranger-Programm. Jeden Morgen um zehn Uhr gehts los, dann strömen die Gästekinder zu ihr. Heute ist Mittwoch, der Tierspuren-Tag. Megan ist eine begnadete Zeichnerin, hat einen ganzen Ordner voll Unterrichtsmaterial selbst gestaltet, darunter das Tierspuren-Memory.

Theo (6) aus Kapstadt, Tim, der kleine Franzose, Johann und Greta aus Deutschland sowie der Niederländer Gabriel wuseln sofort um den Tisch herum, um die Pranken-, Huf- und Zehenabdrücke den richtigen Tiernamen zuzuordnen. Zur Belohnung wandert Megan mit den Kindern später zum sogenannten Tierfriedhof hinter Hütte Nr. 4. Dort liegen versteckt unter einer Baumgruppe allerlei Schädel von Kudus, Antilopen und Büffeln, deren Mäuler die Kinder nach anfänglichem Respekt mit grosser Freude auf- und zuklappen dürfen.

Immer ein kontrollierendes Auge auf die Gruppe gerichtet, erzählt Megan, ihr Junior Ranger Program sei so angelegt, dass alles notfalls per Zeichensprache erklärbar ist. Schon weil immer wieder Kinder wie der Franzose Tim in der Gruppe seien, die nur ihre Muttersprache verstünden. Ausserdem müssten Erklärungen und Spiele ohnehin so simpel sein, dass schon Vierjährige problemlos mitmachen können. Gar nicht so einfach am Freitag, dann gehts darum, wie Eingeborene früher in dieser Region lebten. Megan wird – wie immer – als Erstes Pfeil und Bogen bauen lassen, dann erklären, wie die Menschen damit gejagt haben. Samstags kommen sogenannte Alien-Pflanzen dran, also etwa die dornigen Akazien und andere von fernen Kontinenten nach Südafrika eingeführte Arten. Montags dreht sich dann alles ums Wasser, donnerstags ums Wetter.

«Kaugummi» für Giraffen
Bio- und Umweltkunde ist das, immer wieder unterbrochen von aufregenden Jeep-Ausflügen in den XXL-Zoo Gondwana, der mit 110 Quadratkilometern grösser ist als die Fläche der Stadt Zürich. Nicht nur den Big Five, also Elefant, Nashorn, Büffel, Leopard und Löwe begegnen die Kinder hier, sie lernen auch, dass Elefanten 20 Stunden fressen und dass Tierknochen die Kaugummis der Giraffen sind, auf denen sie fotogen herummalmen, um lebenswichtiges Kalzium aufzunehmen. Der grösste Hit für die Kleinsten aber ist das Hippo-Bingo am Wasserloch: Der Ranger teilt es in Gedanken in vier Quadrate und lässt die Kinder darauf wetten, in welchem davon die beiden im Tümpel tauchenden Flusspferde gleich den Kopf aus dem Wasser strecken.

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