Visier runter, Gas rauf. Mit gegen hundert Sachen brettere ich über den Pääjärvi-See. Vor mir, hinter mir nur Schnee, unendliche weisse Einsamkeit, Wälder. Wir kurven auf Schneetöffs durch Russlands Wildnis. Hier, fast am Polarkreis, sorgt die tief stehende Märzsonne während Stunden für magische Sonnenuntergangs-Stimmung. Easy Rider im Schnee, mit dem heulenden Motor johle ich um die Wette «Born to be wi-i-i-ild …» Niemand hörts. In der karelischen Wildnis gibts nur Wölfe, Bären, Elche, Rentiere, Vögel.

Angst vor den wilden Tieren ist aber kein Thema. Die Bären halten Winterschlaf, und die anderen haben vor der motorisierten Truppe längst das Weite gesucht. Selbst zu Fuss und mit versierten Scouts sichten wir nur ihre Spuren im tiefen Schnee, abgenagte Äste, Blutspuren oder Haare. Dafür finden wir sie auf unseren Tellern. Doch davon später.

Schneetöff-Fahren ist für das Grüppchen aus der Schweiz eine Premiere. Doch bevor uns Jari vor der russischen Grenze seine Maschinen anvertraut, kleiden wir uns in seinem Center im finnischen Kuusamo ein. Overall, doppelte Handschuhe, Kopfpariser, Helme, Stiefel.

Wie rot-schwarze Teletubbies stehen wir um die bulligen Maschinen. Die Instruktionen sind schnell erteilt: Gangschaltung gibt es nicht, nur Gas und Bremse. Die wichtigste Anweisung: Gefahren wird im Konvoi, und wer stoppt, hält die Hand hoch, damit der Hintermann nicht auffährt.

Auffahren lässt uns dann der russische Zoll mit Papierschikanen. Selbst die versierte Tanja braucht über eine Stunde, um uns durchzulotsen. Nach weiteren Kontrollstopps an den russischen Grenzzäunen holpern wir über eisglatte Strassen. Schöner wirds in den Wäldern. Man zirkelt zwischen den Fichten und Birken durch, nimmt Tempo weg, wenns steile Uferhänge hinuntergeht, oder durchbricht mit Schwung die nächste Schneeverwehung. Spass machts, auch wenns Kraft braucht. Denn einfach so mit Gewichtsverlagerung bringt man die 300 Kilo der Polaris nicht durch die Kurve. Die beiden kleinen Lenk-Skis erfordern Armkraft, derweil die Raupe unter dem Hintern mit 135 PS für Schub sorgt und manchmal den Schnee der nächsten Fahrerin ins Gesicht schleudert.

Bald hat man den Dreh raus und kann sich umschauen, kann geniessen: See folgt auf Wald, Lichtung auf See. Herrlich ists! Erstaunlich abwechslungsreich – und für uns Schweizer wahnsinnig gross. So viel pure Natur ohne ein Haus, ohne Strasse, ohne irgendein Zeichen menschlicher Zivilisation, sind wir nicht gewohnt. Man kann über den Sinn einer Töff-Tour streiten, aber die Snow-Scooter sind die einzige Möglichkeit, im Winter hierher zu kommen.

Nach nahrhaften 150 Kilometern erreichen wir das Zipringa Wilderness Center. Ein einfaches Blockhaus haben wir erwartet. Doch unser Gastgeber, auch er heisst Jari, hat sein Geld im Holzhandel gemacht. Zipringa liess er aus den besten Stämmen bauen, die der Wald des hohen Nordens zu bieten hat. Aus Bäumen, die im Wald langsam abgestorben sind, sich dabei spiralig eingedreht haben und so extrem hart und trocken geworden sind.

Die Kaminfeuer in der Halle knistern und in den Gläsern auf der Bar funkelt der Krim-Sekt. Rauchlachs, Rentier-Zunge und Elch-Filet gibts als Apéro-Häppchen. In den zwei grosszügigen Gästehäusern sind die Saunas vorgeheizt, das Bier gekühlt. Nur etwas gibt es hier nicht: Handy-Empfang.

Das braucht man auch nicht. Weder zum Eisfischen noch für den meditativen Spaziergang über den endlosen See, auch nicht um vom Bärenausguck über die weiten Wälder zu blicken, noch um vor dem Kamin zu faulenzen.

Wenn Gäste, meist Jagdgesellschaften, im Haus sind, ist auch ein Koch hier. Wunderbar, was er herzaubert: Pilzsuppe, Elch-Roastbeef und Egli aus unserem erfolgreichen Eisfischen-Versuch, Preiselbeer- und Schokolade-Dessert. Und weil das Bärenfell an der Wand Jägerlatein und Diskussionen nach dem Sinn von Bärenjagden auslöst, serviert er am nächsten Tag zum Apéro Wodka und kaltes Bärenragout. Nicht alle lieben den prägnanten Geschmack, so gibts für die Schreibende eine doppelte Portion.

Von halben Portionen leben die Menschen im nächsten Fischerdorf, zwei Töff-Stunden entfernt. Die letzte Fischfabrik hat geschlossen, von den Bretterhäusern bröckelt die Farbe, zwei, drei ältere Leute, einen streunenden Hund sichten wir – und fühlen uns auf unseren Bonzen-Maschinen ziemlich fehl am Platz. Ein Blick in den Dorfladen zeigt nebst einigen traurigen Bananen vor allem praktische Sachen: Werkzeuge, Stiefel, Armee-Hosen, billige T-Shirts, künstliche Kitschblumen und viel, viel Schnaps.

Nach drei Tagen und 350 Kilometern endet das russische Schneetöff-Abenteuer auf unserer Testreise für Journalisten. Doch der hohe Norden bietet mehr.

Im finnischen Oulanka-Nationalpark sind wir drei Tage zu Fuss unterwegs. Leise, langsam mit 1 Menschenstärke. Mit Schneeschuhen gehts auf verschlungenen Pfaden durch einsame Wälder, an Flüssen und vereisten Wasserfällen vorbei, über Hängebrücken und Lichtungen. Romantik sei willkommen! Auch wenn die Füsse kalt und kälter werden.

Man würde sich verlaufen – wäre da nicht Tessa vom Oulanka Base Camp, die nicht nur alle Wege, Bäume, Vögel und Tierspuren kennt, sondern auch weiss, wie man in der Wildnis überlebt. Feuer macht sie ohne Zündhölzer (ein Funkenspender, zerriebene Birkenrinde und ein zerzupfter Tampon reichen), ihre Überlebenshöhlen halten und ihre Tipps, wie man mit Schneeschuhen ohne Ausrutscher die steilen Bachborde hinunterkommt, funktionieren. Einzig die balzenden Birkhühner wollen sich nicht zeigen, obwohl wir vor Sonnenaufgang und auf Tessas Rat hin ungewaschen (keine Gerüche!) bei minus 20 Grad Celsius auf der Lauer liegen.

Wer Action sucht, findet sie auch hier. Eisfallklettern gibts am Turm im Oulanka Base Camp. Wer Zeit hat, kann den langen Bären-Trek unter die Schneeschuhe nehmen und unterwegs in einsamen Hütten nächtigen.

Wir wechseln für einen Nachmittag von 1 MS auf 8 HS, acht Hundestärken. Gas geben ist diesmal überflüssig, die acht Husky-Damen jaulen, zerren an den Leinen, und jagen los, sobald die Seile und die Bremsen gelöst sind. Wer jetzt nicht aufpasst und nicht im richtigen Moment bremst, wird abgeworfen oder fliegt aus der Kurve. Der Schnee knirscht, die Hunde hecheln, berauscht von der Landschaft und vom Fahrgefühl stehe ich auf dem Lenkbügel und im Innern singt und summt es: Born to be wi-i-i-i-ild ...

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