Geh doch in den Park, hatte er gesagt. Während der Arbeitszeit und erst recht am schönsten Tag der Woche in einem Park zu verweilen, ist für einen Schreibtisch-Büezer ein recht lukratives Angebot. Doch der Chef hat nicht bloss einen grosszügigen Tag, nein, der Vorschlag macht Sinn. Denn 2016 feiern wir ein Gartenjahr. Der Schweizer Heimatschutz hat deshalb ein Büchlein herausgegeben mit den 50 schönsten Parks und Gärten der Schweiz. Mehrere Organisationen wollen uns aufzeigen, wie wichtig Gärten und Freiräume für unsere Lebensqualität sind. Alain Berset sagt: «Der Garten als Begegnungsraum braucht unseren Schutz.» Gerade weil urban immer noch urbaner wird, werden freie Flächen in Form von Wiesen, Gärten und Parks immer wichtiger. Da liegt es also nahe, dass der Chef sagt, ich solle den Text über Parks in einem Park schreiben. Doch zuerst will ich Ihnen erzählen von meiner Wiese.

Wer in einer Stadt lebt, will relativ schnell an ein Fleckchen Grün kommen. In Zürich hat es mir eine bestimmte Wiese angetan. Sie liegt zwischen mir und einer guten Freundin. Am Hügel thronen die schönsten Häuser Zürichs. Im Sommer bringen wir Salat, Wurst und Wein aufs Grün. Mitten in der Stadt. Ich verrate Ihnen die Wiese nicht, sie ist klein. Suchen Sie sich Ihre eigene.

Wagner und der Pseudogarten
Warum wandert der Schweizer auf jeden noch so entlegenen 4000er, schnorchelt in allen Meeren der Welt und beknipst jeden Tempel im Fernen Osten, kennt aber nicht einmal den lauschigen Park im Nachbardorf? Und warum fährt eigentlich jeder auf die Insel Mainau? Ich wette, jetzt überlegen Sie, wann Sie das letzte Mal da waren, denn da waren Sie bestimmt schon.

Jetzt: Der Park. Ich entscheide mich wegen der erwähnten Heimatignoranz für einen Park, der ganz nah liegt, den ich aber – shame on me – bisher links liegen gelassen habe. Ich wusste, da oben, da muss etwas Prächtiges sein. Und nun sitze ich im Rieterpark in Zürich. Und staune. Ein Garten im Kleid einer Landschaft. Landschaftsgärten sollen nämlich so natürlich wie möglich aussehen. Angeblich ist das die Gartenkunst des 19. Jahrhunderts. Zu jenen Zeiten war es noch ein privater Garten für vermögende Handelsherren. Für den Rest galt: Betreten verboten!

Nach dem kurzen Aufstieg (es geht von der Tramhaltestelle 7 ganz kurz steil hinauf) erscheint rechts die Villa Schönberg. Das 1850 erbaute Fachwerkhaus diente ein paar Jahre später Richard Wagner als «Asyl». Er soll hier an «Tristan und Isolde» gewerkelt haben. Zwischen Drogen und Frauen. Vis-à-vis das Eingangstor zum Park. Hier ist auch das Museum Rietberg. Wie passend, ab Mitte Mai werden «Gärten der Welt» gezeigt. Das Café in der Villa Wesendonck hat ein trendy Essensangebot. Quinoa-Kichererbsensalat mit Curry oder Couscous mit Mango. Frucht-Smoothies. Das, was der moderne Mensch heute eben will: gesund, hip und lecker.

Gestärkt erkunde ich das Terrain: Weg, kleine Häuschen, Wiese, Bänkli mit Kitschaussicht auf den Zürichsee und die Glarner Alpen. Überall rot-schwarze Käfer. Schöne Rücken-Markierung, gleich denkt der Mensch an Gift, das dem Krabbelding entströmen könnte. Ich frage mich, ob das Kartoffelkäfer sind. Aber hier gibt es doch gar keine Härdöpfeläcker!

Während an den Café-Tischen Ü60-Freundinnen tratschen, Anzügler allein ihre kostbare Pause geniessen und Museumsarbeiter verweilen – zu erkennen an den dicken Fimo-Ketten –, sitzen in der Wiese Schüler bei der Mittagspause. Eine Frau liest auf dem schönsten Bänkli eine Klatschzeitung. Herrchen führen ihre Hunde aus. Wieder Anzügler. Kinder sind gegen Mittag noch rar. Auch gut. Noch verliebte Jungpäärli strecken ihren Frischnachwuchs kichernd in die Höhe. Und Jogger. Sie sind ja überall.

Jeder nimmt sich aus dem Park, was er braucht. Ich bin zufrieden mit meinem sonnigen Platz mitten auf der Wiese. In der einen Richtung sehe ich das mondäne Haus, in der anderen den mondänen See mit mondänem Alpenpanorama. Ringsherum ein Wechselspiel von Nadel- und Laubbäumen.

Friedhöfe und Sir Henry
Ich glaube, es gibt verschiedene Parktypen. Da sind die Spaziergänger, die auf den Wegen zwischen Bäumen – vielleicht wär Wasser noch ganz schön – schlendern. Dann die Blumenliebhaber, die Gründäumler, die gepflegte Beete bestaunen und sich an bunten Pflanzen erfreuen. Die Sünneler, die mit Buch und Musik auf der Wiese liegen. In Marokko war ich vor vielen Jahren im Garten von Yves Saint Laurent. Er war blau. Nicht Yves, der Garten. Schön, keine Frage. Ich bin wohl eher der Park-Typ. Das mag jetzt vielleicht makaber klingen, aber während meines Studiums in Wien ging ich sehr gern auf den Zentralfriedhof. Ich kannte die Gräber.

Die Namen. Der Friedhof ist so gross, es verkehren Busse. Im Herbst ein Traum. Die Gedanken schweifen leicht ab im Park.

Fokus zurück auf den Rieterpark. Am Ende meiner Wiese (See-Richtung!) steht ein älterer Herr. Weisser Pulli, Bluejeans, Strohhut. Er fixiert mich, kommt langsam auf mich zu. Was nun folgt, klingt wie eine Erscheinung. Ich weiss. Ich glaube den Mist auch nicht. Auf meiner Höhe bleibt er stehen. Lächelt. Ich lächle. Unbehagen. Also sage ich: Grüezi. Er zockelt zu mir her.

Alltag und Gorbatschow
Ich muss abkürzen, denn der Mann mit dem Strohhut und ich verplaudern uns über eine Stunde. Ich nenne ihn Henry, Sir Henry. Seinen Namen verrät er nicht. Ist auch unwichtig. Hundert Jahre alt sei er. Auf meine verdutzte Antwort, das glaube ich nicht, antwortet er: Ja, dann glauben Sie es halt nicht.

Nach zwei Minuten hat sich Sir Henry auf mein Tuch gesetzt. Er war Médecin Sans Frontières. Sagt er zumindest. Hat auf der ganzen Welt gelebt, spricht mal Französisch, mal Englisch, mal Deutsch und auch Russisch. Ich frage ihn, woher er kommt. Er schaut nach oben und sagt: Vom Himmel. Nein, dieser Mann ist nicht wirr. Er weiss einfach viel und ist in dieser Welt wohl ein wenig verloren. Jeden Tag komme er in den Rieterpark. Auch im Winter. Henry zitiert Goethe, wirft mit lateinischen Sätzen um sich und erklärt mir immer wieder, dass der Mensch zu fest im Alltag gefangen ist, in der Routine. Dass die meisten Menschen dumme Betonklötze sind. Dass sich alles in der Menschheit wiederholt.

Während der Park sich füllt, die Fussbälle der Kinder die Kartoffelkäfer überrollen und Henry mir den Sinn des Lebens erklärt, denke ich: Hier kann man einfach sein. Erleben tut man von allein.

Entdecken Sie Ihr Umfeld! Fahren Sie in einen Park! Begegnungen, die man nicht erwartet, Gedanken, die normalerweise vom Alltag erstickt werden. Henry sagt, ich sei wie Gorbatschow. Der sei auch Sternzeichen Fische. Er möge Fische. Henry liest aus meiner Hand. Ich hätte Herz und Verstand nicht am selben Fleck. Was immer das bedeuten mag. Ständig denke ich an den Bestseller «Das Café am Rande der Welt». Da stösst ein Mann mitten im Nichts auf ein Café und spricht dort mit Fremden über … den Sinn des Lebens.

Velohelme und Schicklgruber
Während sich neben uns ein Kleinkind fast in Ohmacht schwitzt, weil seine Mutter ihm partout den Velohelm nicht abnehmen will (und das auf einer weichen Wiese!), sind wir bei Hitler. «Stellen Sie sich vor, man hätte Heil Schicklgruber gerufen.» Hitler hätte wohl fast Schicklgruber geheissen. Diese Geschichte müssen Sie selber nachlesen.

Sehen die anderen im Park wohl, dass dieser ältere Herr mir auf einem pastellfarbenen Leinentuch das Leben erklärt? Ich kenne den Mann nicht, trotzdem trennen uns nur wenige Zentimeter auf meinem Tüechli. Dann verabschiedet sich Henry. Er muss meditieren. Das war ja klar. Jeden Tag gegen 9 Uhr sei er hier, lässt er mich wissen. Gemächlich trottet meine Erscheinung von dannen. Der 100-Jährige, der von meiner Decke stieg und verschwand.

Gorbatschow ist im Sternzeichen wirklich Fisch. Und es waren keine Kartoffelkäfer.

www.heimatschutz.ch. www.gartenjahr2016.ch

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