Von Mario Heller

Während der Strand der Copacabana gestern noch von Tausenden Menschen gesäumt war, wirkt er heute wie leergefegt. Ein heftiger Wind, begleitet von Nieselregen, verwandelt den Sand in Morast. Einige letzte Badegäste trotten dem aufgewühlten Meer entgegen. Manche nutzen den Sonnenschirm als Regenschutz, andere rennen weggewehten Badetüchern hinterher. Die Putzequipe in orange Leuchtwesten hat sich bereits an die Arbeit gemacht und sammelt den achtlos zurückgelassenen Müll ein: Zigarettenstummel, Flaschen, Dosen, leergeschlürfte Kokosnüsse.

Meine Kleider sind bereits durchnässt, allerdings kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen: Während in der Schweiz Temperaturen um den Nullpunkt herrschen und alle Menschen schlottern, bewege ich mich barfuss durch den lauwarmen Regen. Die Tagestemperatur in Brasilien bewegt sich nie unter 23°, und wenige Wochen vor Sommerbeginn im Dezember gibt es bereits einige Hitzetage.

Die vier Kilometer lange Avenida Atlântica liegt direkt am Meer und ist sonntags für den Verkehr gesperrt. Heute jedoch tuckern mehrere Lastwagen den Strand entlang. Von deren Ladeflächen scheppert elektronische Musik auf eine bunt gekleidete, tanzende Masse. Es ist nicht etwa Karneval, sondern die alljährliche Schwulenparade. Die Teilnehmer sind mit schrillen Farben geschminkt und tragen Masken, ihre verrückten Kostüme bestehen aus hautengen Kleidern mit Glitzerstaub. In gebrochenem Englisch erklärt ein junger Teilnehmer, dass die Schwulenparade ein Zeichen gegen die Diskriminierung von Homosexuellen setzen wolle. Normalerweise würde über eine Million Besucher daran teilnehmen, doch Brasilianer seien eben enorm empfindlich, was Regen anbelange.

Der Umzug wird von unzähligen Polizisten begleitet. Polizeipräsenz ist allerdings in der ganzen Stadt und zu jeder Zeit sichtbar. Ein Reiseführer legte mir ans Herz, in der Nacht niemals allein unterwegs zu sein und Wertgegenstände möglichst gut zu verstecken oder gar nicht erst mitzuführen. Gewisse Strassen gelten als besonders gefährlich. Geübte Diebe klauen mit einer solchen Routine, dass man in den wenigen Sekunden eines Diebstahls gar nichts bemerkt.

In den engen Gässchen der Favelas, der Armenviertel Rios, herrscht reger Betrieb. An den vielen verschachtelten, aneinandergereihten bunten Häuschen gibt es unzählige Marktstände und Bars. Ich beobachte eine Handvoll Männer, welche gerade das Kabel von einem Einkaufsladen zu einem Strommast hinüberspannen. Das Stromnetz wird illegal angezapft. Die Masten sehen aus wie Kunstwerke, denn die unzähligen Drähte und Kabel erinnern an Spinnennetze.

Vor acht Jahren begann die Regierung, die Favelas permanent mit Polizeieinheiten zu besetzen. Die Kriminellen verkrochen sich, allerdings meldeten sich bewaffnete Banden bereits kurz danach wieder zurück. Das Vertrauen der Bevölkerung in die sogenannte Friedenspolizei ist rapid gesunken. Gegen Bestechungsgelder wird in vielen Favelas beispielsweise der Drogenhandel toleriert. Ein einheimischer Maler, welcher seine Kunst am Strassenrand verkauft, zeigt sich zwar erfreut über den Touristenstrom, welcher nun die vermeintlich sicheren Favelas besucht. Allerdings dürfte er zu einer Minderheit gehören.

Der Elendstourismus sorgt bei den Bewohnern der Favelas für Unverständnis. Wer Rio von einer anderen Seite kennen lernen möchte, sollte sich genug Zeit, ein nachvollziehbares Motiv und eine geeignete Begleitperson suchen.

Einen weiteren Grund für eine Reise nach Rio stellen die bevorstehenden Olympischen Spiele im nächsten Jahr dar. Anders als in den Favelas wimmelt es in Rio momentan von Baustellen. Und man darf gespannt sein, ob der angeborene Optimismus der Brasilianer für eine pünktliche Fertigstellung der Stadien und Verkehrsverbesserungen reicht. Die Einheimischen betrachten das sportliche Fest als Chance. «Nachdem wir letztes Jahr bereits während der Fussballweltmeisterschaften unsere Gastfreundschaft unter Beweis stellen konnten, steht während der Olympischen Spiele die Stadt Rio de Janeiro im Fokus. Wir freuen uns auf zahlreiche Gäste», erklärt Leonardo, Betreiber der Bar Abençoado an der Copacabana, erfreut. Ein Grossteil der teuer gebauten Infrastruktur soll nach den Spielen den Einheimischen zugute kommen. Ein Teil der Stadien wird in Konzerthallen oder gar Schulen umgewandelt. Die Wohnungen im olympischen Dorf Barra da Tijuca, welche Platz bieten für 18 000 Menschen, werden danach als Luxusappartements vermietet. Und die verkehrstechnische Aufwertung hat Rio sowieso bitter nötig.

Die zwei bekanntesten Attraktionen für Touristen sind unbestritten der Zuckerhut und die Christusstatue Cristo Redentor. Dank der nebensaisonalen Jahreszeit halten sich die Wartezeiten allerdings im Rahmen. Den Zuckerhut erreicht man mit zwei Seilbahnen. Oben begegnet man neben einer wunderschönen Aussicht und diversen Verpflegungsmöglichkeiten auch einem Victorinox-Verkaufsstand, dazu einer riesigen Wand, auf der eifrige Touristen ihre Unterschrift platzieren können. Einige besonders Kreative malen eine Botschaft an die Wand, stellen sich dann davor und fotografieren sich mit ihrem Handy. Meist ist die Spitze des Zuckerhuts von kleinen Dampfschwaden umgeben. Gepaart mit der Abendsonne, ergibt sich eine traumhafte Stimmung.

Bereits auf dem Weg zum Corcovado, wo die weltbekannte Christusstatue steht, stösst man auf weitere Spuren aus der Schweiz. Die Bahn, welche die Besucher auf den Hügel hinauf bringt, stammt nämlich ursprünglich aus der Schweiz und benutzt eine ähnliche Technik und Rollmaterial wie die Jungfraujochbahn. Kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts hörte der brasilianische Kaiser Dom Pedro II. von der Zuverlässigkeit der Schweizer Bahntechnik, sodass noch vor der Eröffnung der Jungfraujochbahn die Corcovado-Bahn in Betrieb genommen wurde. Jährlich fahren über 600 000 Passagiere zur 38 Meter hohen, 700 Tonnen schweren Statue hinauf. Es lohnt sich, den Ausflug am frühen Morgen einzuplanen. Das erspart einem Wartezeit und Besuchermassen.

Eine tolle Gelegenheit, die brasilianische Tanzlust zu erleben, ist ein Besuch einer Sambaschule, wo die Tänze für den Karneval im Februar nächsten Jahres eingeübt werden. Die unzähligen Schulen, welche meist in den Favelas entstanden, werden kurz vor Beginn des Karnevals von 40 Punktrichtern bewertet. Die beste Schule bekommt ein Preisgeld und darf ganz vorn im Umzug mitlaufen.

Als ich die Salgueiro-Samba-Schule im Norden der Stadt an einem Samstagabend kurz vor Mitternacht aufsuche, ist die riesige Halle bereits voll mit tanzenden Menschen. Schule ist womöglich ein zu strenger Begriff. «Für Brasilianer ist es der ultimative Treffpunkt. Viele treffen sich hier einfach zum Caipirinha und verbringen zusammen den Abend», erklärt die 18-jährige Ester, welche in der Auswahl für den Karneval 2016 steht.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper