Von Roman Würsch

Unvermittelt stockt die Radfahrergruppe und steht auf einmal mitten im Garten eines Bauernhauses. Betörender Duft strömt aus dem nahen Gebäude: ein angenehm nussiger, fruchtiger Schwall warmer Luft wogt aus der kleinen Werkstatt. Luigi, der lokale Guide hat die Gruppe in den Garten eines Kürbiskernölproduzenten gelenkt. Wir sind definitiv in der Südsteiermark angekommen, dort wo das legendäre Kürbiskernöl hergestellt wird – seit 1992 mit dem Schutz der Herkunftsbezeichnung. Die Begeisterung, mit welcher Josef Majczan die Herstellung des kostbaren Produktes beschreibt, lässt kein Gourmetherz kalt. Selbstverständlich gehört zur herzlichen Bewirtung der Heckenklescher, ein Wein aus dem eigenen Rebberg.

Tourismus auf zwei Rädern
Über ein Dutzend Radwanderungen mit den unterschiedlichsten Distanzen und Höhen- oder Leistungs-Profilen werden in der Steiermark als Thementouren angeboten. Für einen Radfahrer ist das, was man hier antrifft, ein Paradies. Kilometer von sehr verkehrsarmen Nebenstrassen führen durch den Garten Österreichs. Waldpartien wechseln sich mit asphaltierten Strassen durch kleine Dörfer und schmiegen sich auf gut gebauten Feldwegen an die Mais- und Kürbisfelder. Die Markierung der Routen lässt auch Geografie-Dummies ohne Navigationsgerät kaum eine Chance auf unfreiwillige Umwege.

Wer sich auf die «Ölspur» begibt, fährt auf der Route des «schwarzen Goldes» der Steiermark (das im Licht besehen eigentlich rot ist). Ob mit Salaten, Wurst, mit Rührei und sogar auf Vanilleglace wird das kostbare Öl geträufelt (siehe Box). In den Ölmühlen kann degustiert und das Produkt in der Flasche oder in Blechkanisterchen transportsicher gekauft werden. Die Ölspur-Tour ist eine Rundwanderung und führt über Distanzen zwischen 25 und 90 Kilometern und eine Höhendifferenz von rund 1400 Metern.

Willkommen im Veloparadies
Naturgemäss flacher geht es entlang der Flüsse zu. Im südöstlichsten Zipfel der Steiermark bildet die Mur über viele Kilometer die Grenze zum südlichen Nachbarn Slowenien. In der Gegend von Bad Radkersburg führt der Mur-Radweg durch eine wunderschöne Auenlandschaft. Fernab von einer dichten Besiedelung – die Dörfer liegen für mitteleuropäische Verhältnisse meilenweit auseinander – führt der Weg entlang der Mur durch schattenspendende Wälder und Auenlandschaften.

Nicht verpassen sollte man den Murturm – nicht nur wegen der grandiosen Aussicht bis über die slowenische Grenze. Der Turm ist ein reizvolles architektonisches Bauwerk, das den Besteiger in Form von zwei gegenläufigen Spiralen auf die schmale Aussichtsplattform führt. Auf der einen Spirale erklimmt man den Turm und auf der anderen steigt man hinunter.

Radfahren, auch bei tieferen Geschwindigkeiten oder mit Elektromotorunterstützung, gibt ja das gute Gefühl, aktiv zu sein und Kalorien zu verbrennen. Dieser gesundheitliche Aspekt ist nicht ganz unwesentlich angesichts der vielen Verlockungen, die am Wegesrand in Gasthäusern und Buschenschenken lauern.

Kein Zufall – alles geplant
Die perfekten Markierungen der Radwanderwege mit Namen, Richtungen, Kilometern, lassen es erahnen, dieser Tourismuszweig ist nicht zufällig entstanden. Wer sich hierzulande noch grossmundig als Velokanton aufplustert, verblasst angesichts des riesigen Netzes und der optimalen Voraussetzungen, wie wir sie in der Steiermark antreffen. Seriös recherchiert und aufgebaut in Etappen, reich garniert mit Sehenswürdigkeiten, auf die auch stets hingewiesen wird, sind diese Thementouren ein starker Magnet.

Neben der Ölspur und der Murtour locken weitere Flusstouren und natürlich auch Routen entlang der Weinstrassen, wobei diese je nach Leistungsfähigkeit die Wahl des E-Bikes angezeigt erscheinen lassen.

Dem Schilcher auf der Spur
Die neuste Route in dieser grossen Auswahl ist die Radtour Weinland Steiermark. Mit etwas mehr als 400 Kilometer Länge ist sie in acht Etappen zu bewältigen. Gestartet wird in Leibnitz mit dem ersten Ziel Deutschlandsberg. Hier wird der Blaue Wildbacher angebaut, aus welchem der Schilcher gekeltert wird. Nicht jedem wird es vergönnt sein, in einer der unzähligen Buschenschenken, wo ausschliesslich die eigenen Hofprodukte auf den Tisch kommen, die Weinkönigin zu treffen. Johanna II. ist im Moment im Amt.

Sie hat es sich nicht nur durch Schönheit, sondern auch mit einem riesigen Weinwissen erkämpft und sich so gegen die Konkurrentinnen durchgesetzt. Die 20-jährige Jus-Studentin ist als Hip-Hop-Trainerin nicht so leicht aus dem Tritt zu bringen und legt sich voll ins Zeug für den steirischen Wein.

Weitere Stationen auf der Rundfahrt sind Lieboch, Graz, St. Ruprecht an der Raab, Hartberg, Loipersdorf, Bad Radkersburg, von wo aus der Ausgangsort Leibnitz wieder erreicht wird. Die Etappen mit allen Details sind auf der Website bestens dokumentiert. Die Hindernisse für das rasche Vorwärtskommen liegen definitiv mehr bei den kulinarischen Verlockungen als auf den Strassen selber.

Mais dient als Bohnenstange
Die Steirer reden gerne von der steirischen Dreifaltigkeit und meinen damit Kürbiskernöl, Weintrauben und Äpfel. «Da fehlt doch etwas!», würde der belesene Tourist einwerfen, «was ist mit den Käferbohnen – auch Feuerbohnen genannt?» Mit dem Mais, der als Bohnenstange dient, ist die dicke, rötlich-schwarze Bohne schon als Dekoration am Wegesrand Kult. Kulinarisch sind die Bohnen aus der steirischen Küche auch kaum wegzudenken. Mit Zwiebeln und Kernöl gehören sie auf jedes Salatbüffet. Angereichert mit Weintrauben oder Melonen, entstehen feine Mousse als Begleiter zu Käse oder Fleisch und Wurst.

Erholen mit Kultur
Und wem das alles noch nicht genug ist, dem sei gesagt: Es gibt auf allen Etappen ein tolles kulturelles Angebot. Burgen, Schlösser, Kirchen und gepflegte Stadtkerne entschädigen für allfällige Strapazen auf dem Rad. Sollte die Kultur für die Erholung nicht ausreichen, werden es die vielen Thermen richten.

Die Weinlandtour führt auch nach Graz – ohnehin ein lohnendes Ziel. In der Kulturhauptstadt von 2003 gibt es unzählige Attraktionen. Zum Beispiel eine Auswahl steirischer Spezialitäten beim «Steirer», nach dem Besuch im Kunsthaus – im Volksmund der Walfisch genannt.

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