Auf zwei Rädern durch ein Insel-Labyrinth

Schwimmende Strassen werden die Fähren auf Åland genannt. Diese hier führt auf die Insel Leonsaari. Foto: Samuel Schumacher

Schwimmende Strassen werden die Fähren auf Åland genannt. Diese hier führt auf die Insel Leonsaari. Foto: Samuel Schumacher

Åland – Mit dem Velo unterwegs auf dem wilden skandinavischen Inselarchipel. Von der Welt fast vergessen, lockt eine der einsamsten Gegenden Europas mit Naturschätzen.

Von Samuel Schumacher

Mikku Flemming steht in seiner Werkstatt hinter dem alten Amboss, holt mit dem Hammer aus und schlägt zu. Die Funken sprühen über sein Rocker-Shirt. Er kneift die Augen zu, tunkt den glühenden Nagel ins Eisbad und legt ihn zu all den anderen Nägeln und Kettchenanhängern auf seiner Eisenwarenauslage. Mikku ist ein echter «Seppämestari»: ein traditioneller Eisenschmied, der sich der Moderne verweigert und seinem Handwerk mit Feuer, Hammer und sehr viel Kraft nachgeht.

Hier, im Künstlerdorf Kustavi am östlichsten Rand der Åland-Inseln, verbringt Mikku seinen Sommer, um den wenigen Touristen, die sich in diese wilde Insellandschaft verirren, seine Nägel und Anhänger anzupreisen. Viel sagen will Mikku nicht. Nur das: «Ich liebe mein Handwerk, weil noch alles genauso ist wie vor 100 Jahren.»

Genau wie vor 100 Jahren ist noch vieles auf Åland. Die rund 7000 Inseln vor dem südwestlichsten Zipfel Finnlands sind eine der einsamsten Gegenden Europas – und für viele, die da waren, eine der schönsten. Wie ein hingeworfener und nie zusammengesetzter Haufen Puzzleteile liegen sie da,von Fichten überwaldet, vom Bottnischen Meerbusen umspült, von der Welt fast vergessen. Man sagt: Wenn du wissen willst, was in Finnland vor 20 Jahren Mode war, dann komm nach Åland und schaus dir an.

Von solchen Hinterwäldler-Vorwürfen lassen sich die 28 000 Inselbewohner nicht beeindrucken. Nach wirren Dekaden, in denen Åland mal von den Russen, mal von den Finnen und dann von den Schweden besetzt war, sind die Inseln seit 1921 teilautonom. Sie dürfen bei den finnischen Präsidentschaftswahlen mitmachen, haben daneben aber einen eigenen Landtag, der die innenpolitischen Belange unabhängig von den finnischen Beschlüssen regelt. Um alles ein bisschen komplizierter zu machen, haben sich die Åländer auf Schwedisch als Amtssprache geeinigt.

Finnische Natur-Kur
Anne-Mari Huttunen kennt die Åländer gut und weiss um ihre liebevolle, zuweilen etwas störrische Art. Seit ein paar Jahren organisiert die Finnin Velotouren durch das Inselreich. «Åland hat nicht so viel Kultur oder spannende Architektur wie die Schweiz. Unser Trumpf ist die wilde Natur», entschuldigt sich Anne-Marie präventiv, als sie in der Kleinstadt Naantali, die noch zu Finnland gehört, uns die Velokarten für unsere bevorstehende Åland-Woche in die Hand drückt. Und tatsächlich: Die kommenden Velotage sind eine Natur-Kur. Die Zeichen moderner Zivilisation sind spärlich gesät in diesen wilden skandinavischen Szenerien. Granitfelsen, die aus dem spiegelglatten Meer ragen, Wälder, die sich dicht auf den kleinen Inseln drängen, Schilffelder, gespickt mit romantisch verlotterten roten Holzhütten.

Wilden Tieren begegnet man in den weiten Waldlandschaften kaum. Auf den Strassen kleben Hunderte tote Libellen, die dicht über dem warmen Asphalt nach Mücken jagten und von den ab und an vorbeifahrenden Lastwagen zerquetscht wurden.

Die Trucker, die heute noch über die Inseln fahren, sind moderne Zeugen der bedeutenden Rolle, die Åland einst spielte: Die schwedische Königin Kristina weihte 1636 die Postroute zwischen Stockholm und dem finnischen Turku ein. Die historische Route führte über die Åland-Inseln, den direktesten Weg zwischen den beiden einst wichtigen Handelsstätten. Das dichte Fährennetz, das viele der grösseren Inseln bis heute miteinander verbindet, ist ein für uns Velotouristen äusserst willkommenes Überbleibsel jener goldenen skandinavischen Handels-Ära. Alle paar Kilometer die Velos auf die nächste Fähre verladen, die Beine hochlagern, den Fahrtwind und den Blick auf die grün-grauen Granit-Paradiese in der Ferne werfen: Schöner könnte man sich kaum von den kurvigen Strassen des Ålandschen Archipels erholen.

Gesellig sein auf den Fähren
«Unsere schwimmenden Strassen», nennt Anne-Marie die grösstenteils vom Staat subventionierten Fähren. Für uns Velofahrer haben die «schwimmenden Strassen» aber nicht nur einen praktischen, sondern auch einen sozialen Zweck: Sie sind Hotspots der Geselligkeit. Denn während die einzelnen Fahrradgrüppchen oft in wohltuender Einsamkeit, umgeben nur von Ruhe und Raum, über die Inselstrassen trampen, kommt man sich spätestens beim nächsten Fährhafen wieder in die kommunikative Quere.

Die Häfen auf Åland wirken wie Orte der Entschleunigung. Wie schnell man auch über die Inseln radelt: Am anderen Ende warten alle wieder gemeinsam auf die Fähre.

Wie lange die Regierung das schwimmende Strassennetz noch aufrechterhält, weiss niemand. Der alte Postweg ist als Handelsroute kaum noch relevant. Und oft sind die einzigen Gäste auf den gelben und weissen Fähren die Velotouristen, die den Archipel weit ab der ausgefahrenen Fahrradrouten Kontinentaleuropas allmählich für sich entdecken.

Wir fragen den Fährmann auf der Überfahrt von der Insel Brandö nach Lappo, wie oft er die Strecke täglich fahre. «Zu oft», sagt er knapp und lacht. Dann geht der Blick wieder geradeaus, hinein ins graugrüne Inselgewirr, das die offene See hier in tausendfacher Wiederholung seiner selbst in ein komplexes Netz von engen Meerkanälen aufteilt.

Umarmt nur vom Ozean
Deutlich zeigt sich das einsame Schicksal, das Åland droht, auf der Insel Lappo. «Die Schule, die ich hier besuchte, ist längst geschlossen. Die meisten Leute sind weg», erzählt der Kellner im «Pellas Marina», dem einzigen Restaurant der Insel, während draussen die Sonne hinter kitschig verfärbten Wolkentürmen in die halbdunkle nordische Nacht versinkt. Die vielen leerstehenden Holzvillen, die auf Lappos verwilderten Matten stehen, wirken wie potemkinsche Dörfer, die darauf warten, bis ein hoher Gast durch die Gegend streift und sie endlich bewundert.

Nicht über mangelnde Bewunderung klagen kann das viermastige Windjammer-Segelschiff «Pommern» mit einer Segelfläche von 3240 m², das vor Mariehamn, der Hauptstadt Ålands und dem Ziel unserer Velotour, vor Anker liegt. Es ist eines der letzten Schiffe seiner Art. Einst wurde es nach dem Ersten Weltkrieg als Reparationszahlung von Deutschland an Griechenland übergeben und stach dann im Zweiten Weltkrieg unter finnischer Flagge gegen die russische Flotte in See.

Diese kriegerischen Zeiten sind vorbei. Åland hat keine Kriegsflotte mehr, und auch die eigene Armee wurde abgeschafft. Geblieben ist der Stolz, irgendwie anders zu sein; ein Land, verlassen von vielen, umarmt nur vom Ozean («Ett land i havets famn»), wie der Titel des einzigen Kinofilms sagt, der je hier gedreht wurde.

Unser Reporter reiste auf Einladung von Eurotrek AG über die Åland-Inseln.

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