Nicht rennen, heisst das oberste Buschgesetz. Niemals rennen! Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Geräuschlos ist in der sengenden Mittagshitze ein Elefantenbulle aus dem Dickicht herausgetreten; mächtig, stolz und neugierig. Seine Ohren hat er ausgestellt. Mit dem Rüssel versucht er zu erriechen, was da auf der Terrasse sitzt.

Es ist der Moment, in dem man alles vergisst, was war. Dieses Gefühl, nur wenige Meter getrennt von diesen atemberaubend schönen und zugleich gefährlichen Tieren zu sein, schlägt alles. Es zählt nur das Hier und Jetzt. Und Jetzt ist Botswana. Ein Land in der südlichen Hemisphäre, 14-Mal so gross wie die Schweiz, mit knapp zwei Millionen Einwohnern, dafür mit umso mehr Wildtieren. Es scheint fast, als hätte der gute Noah die Türen seiner Arche in Botswana geöffnet. Das Land ist mit seinen Wildtier-Reservaten und Nationalparks Heimat für 90 Säugetier-, 50 Reptilien-, 450 Vogel- und 1250 Pflanzenarten.

Wir sind auf Safari im Okavango-Delta. Das weltgrösste Binnendelta fächert sich auf über 20 000 Quadratkilometern im Nordwesten des Landes auf. Bereits der wacklige Anflug mit einer einmotorigen Cessna bietet einen spektakulären Blick auf die Sümpfe, die von einem Labyrinth aus Flussarmen, Inseln, Steppen und Lagunen durchzogen sind. Wie ein Patchwork-Teppich zieht die unberührte Natur unter uns vorbei, wechselt die Farben von Gelb zu Grün, von Blau zu Braun und von Grau zu Schwarz.

Das Delta gehört seit 2014 zum Unesco-Welterbe. Der Okavango, auch als «Fluss, der nie das Meer findet» beschrieben, kommt aus dem Hochland von Angola und ist ein Glücksfall für das Leben in der Region. Er überschwemmt alljährlich im März riesige Flächen und verwandelt die karge, trockene Landschaft in ein wasserreiches Paradies. Weltweit gibt es kaum einen anderen Ort mit einer vergleichbaren Dichte an grossen Tieren. Hier leben noch die immer seltener werdenden «Big Five». Ein Begriff, der auf die Zeit der Grosswildjäger zurückgeht und das Hauptziel ihrer Jagdsafaris meint: Büffel, Elefant, Löwe, Nashorn und Leopard.

Gejagt wird heute in Botswana nur noch mit der Fotokamera. Seit eineinhalb Jahren gilt landesweit ein striktes Abschussverbot. Seither sind viele Elefanten vor den Wilderern aus Sambia und Zimbabwe oder vor den Bürgerkriegen aus Angola und Namibia hierher geflohen. Von 400 000 noch existierenden Afrikanischen Elefanten lebt heute die Hälfte in Botswana. Unterschlupf finden aber auch andere Dickhäuter: Das Breit- und das Spitzmaulnashorn. Sie wurden seit 2001 wiederangesiedelt. Seitdem hat sich der Bestand verdoppelt.

Der Tag beginnt im Busch noch vor Sonnenaufgang. Nach einem kurzen Kaffee geht es entweder mit einem Einbaum zu Wasser oder mit einem offenen 4×4-Geländewagen zu Land los. Unverzichtbar dabei sind Feldstecher und Fotoapparat. Aber auch geschärfte Sinne, um die kleinsten Details in sich aufzusaugen. Benson, unser Guide, kennt das Gebiet um Chief’s Island im Moremi-Wildreservat wie seine Westentasche. Bereits nach wenigen Fahrminuten stellt er den Motor ab und beugt sich über die Fahrertür. Er hat Fussspuren eines Nashorns entdeckt. «Das muss Mary sein», sagt Benson. Die Nashorndame sei kürzlich von Südafrika hierher gebracht worden. Dort tobt ein erbitterter Kampf um die Nashörner. Die Zahl der gewilderten Tiere steigt dramatisch. Wir treffen Mary kurz später am Wasserloch.

Botswana ist in vielen Bereichen ein Musterstaat. Das Land wird gerne als die Schweiz Afrikas bezeichnet. Seit der Unabhängigkeit 1966 ist Botswana eine stabile Demokratie, die seit Jahren ein robustes Wirtschaftswachstum und ein hohes Pro-Kopf-Einkommen aufweist. Das ist nicht selbstverständlich. Denn Botswana lebt mehrheitlich von seinen Diamanten. In anderen Ländern hat sich ein solcher Segen meist als Fluch erwiesen. Doch Botswana tickt anders. Massgeblich dazu beigetragen hat der erste Präsident, Seretse Khama. Er studierte in London Jura, heiratete eine Engländerin und erkor das Zebra aufgrund seines schwarz-weissen Fells als Zeichen der Gleichstellung zum Nationaltier. Die Staatseinnahmen investierte in die Infrastruktur und das Gesundheitswesen. Zudem setzte er auf einen nachhaltigen Tourismus. 2008 übernahm sein Sohn das Amt.

Die meisten Lodges verfügen bloss über wenige Zimmer. So auch das Chief’s Camp, benannt nach dem früheren Häuptling Chief Moremi. Luxuriös die zwölf Zelte, hervorragend das Essen, herzlich die Betreuung. Forscher-Romantik kommt dagegen im Baines’ Camp auf. Die fünf Suiten befinden sich auf einer erhöhten Holzplattform direkt am Fluss. Nachts zieht man die Betten auf die Veranda und legt sich unter den funkelnden Sternenhimmel.

Die angebotenen Safaris im Okavango-Delta sind teuer, aber entsprechend spektakulär. Zweimal täglich finden mehrstündige Ausfahrten zur Tierbeobachtung statt, sogenannte «Game Drives». Als wir uns nach dem High Tea auf die Pirsch machen, brennt die Sonne gnadenlos. Doch nicht alle Tiere haben sich in den Schatten zurückgezogen. Drei Löwen kauern im Sand über einem leblosen Giraffen-Baby. Fauchend versuchen sie, ihre Beute gegen hungrige Hyänen zu verteidigen. «Diesen Kampf werden sie ziemlich sicher verlieren», sagt Benson, der Guide. Mehr und mehr Hyänen folgen dem Geheul ihrer Artgenossen und umzingeln die Löwenfamilie. Die glühend rote Sonne verschwindet langsam hinter dem Horizont. Für uns ist es Zeit, ins Camp zurückzukehren.

Fressen und gefressen werden stehen hier auf der Tagesordnung. In Botswanas Weite schliesst sich der uralte Kreis des Lebens auf schaurig-schöne Art.

Diese Reise wurde unterstützt vom Lodge-Betreiber Sanctuary Retreats und vom Reiseveranstalter Knecht Reisen.

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