Auf den Spuren von Indiana Jones

Für Touristen hat die Flaute in Jordanien auch etwas Gutes: Das Weltkulturerbe Petra lässt sich in aller Ruhe geniessen. Foto: Fotolia

Für Touristen hat die Flaute in Jordanien auch etwas Gutes: Das Weltkulturerbe Petra lässt sich in aller Ruhe geniessen. Foto: Fotolia

Wegen der Gewalt in Syrien und im Irak reisen weniger Touristen ins benachbarte Jordanien. Doch das Land ist schon lange ein Hort des Friedens. Wer den Massen ausweichen will, tut es jetzt.

Von David Egger

Zwischen zwei Steinen zerbröselt der muslimische Reiseleiter Osama die kleinen grünen Blätter eines Strauches, sie werden zu Pulver. Die Sonne brennt vom Himmel, hier im Wadi Rum, der Wüste im Süden des Königreichs Jordanien. Osama nimmt das Pulver, gibt etwas Wasser dazu und reibt sich mit dem Gemisch die Hände. Es schäumt. «So waschen sich die Beduinen», sagt Osama. «Sabun» heisst der Strauch. Dann nimmt Osama rötlichbraune Steine, zerbröselt auch sie. Er reibt sich das Steinpulver auf seinen Handrücken, er sieht jetzt aus wie gepudert. Auf diese Art schminken die Beduinenfrauen ihr Gesicht, Wüsten-Rouge. Unzählige Farbtöne sind vorhanden, Steine gibt es im Wadi Rum genug. Und bizarre Felsen, deretwegen die Touristen hierherkommen.

Wir steigen wieder auf die Ladefläche der weissen Pickups von Toyota, die dank Sitzbank und ortskundigen Beduinen am Steuer sichere Wüstenmobile für Touristen sind. Anderswo gehören weisse Toyota-Pickups zur Kriegsmaschinerie. Zum Beispiel im Irak und in Syrien. Wegen der dortigen Konflikte darbt der jordanische Tourismus.

Osamas christlicher Arbeitskollege – auch er heisst Osama, aber nennen wir ihn bei seinem christlichen Namen Samuel – hat früher über 200 Tage pro Jahr gearbeitet. Heute sind es
noch etwas über 20. Die Kunden fehlen. Auch die Hotels und andere Wirtschaftsbereiche leiden.

Denn die Handelswege durch Syrien in die Türkei und damit nach Europa sind blockiert, Jordanien kann nicht mehr so viele Früchte und Gemüse exportieren wie früher. Oder muss auf den Luftweg ausweichen. Das verteuert aber die Produkte, nimmt ihnen die Wettbewerbsfähigkeit.

Der Terrorismus im arabischen Raum hat sich in den Köpfen der Europäer eingebrannt. Dubai ist toll, alle anderen Orte sind gefährlich. Etwa so denken viele. Das kommt nicht von ungefähr, sondern von der Medienpräsenz der Terroristen. Der mächtige – und ziemlich vernünftige – jordanische König Abdullah II. und seine hübsche Frau Rania (die Jordanier sind stolz auf sie) schaffen es zwar jeden Tag in die «Jordan Times». Darüber hinaus bleibt ihr Wirken meist ohne Echo.

Die stillschweigende Akzeptanz gegenüber dem Staat Israel zum Beispiel ist kaum bekannt, obwohl alles andere als selbstverständlich: Über 90 Prozent der Jordanier sind Muslime, ein grosser Teil ist palästinensischer Herkunft, auch Königin Rania. In Absprache mit Israel hat die jordanische Armee die Kontrollen an den Grenzen und wichtigen Strassen verschärft, um zu verhindern, dass der Terrorismus ins Königreich überschwappt. Die Gefahr besteht: Hunderttausende Flüchtlinge nehmen nicht den weiten Weg nach Europa auf sich, sondern fliehen ins sichere und politisch stabile Jordanien. Zurzeit sind es Syrer, früher waren vor allem die Palästinenser. Vereinzelte Neuankömmlinge könnten islamistische Kämpfer sein statt Flüchtlinge. Diese Gefahr gilt für Europa aber genauso.

Das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) rät nur davon ab, in die Grenzgebiete zu Syrien und Irak zu reisen. Nun, dort gibt es sowieso nichts zu sehen und Grenzgebiete sind auch in der Ukraine, der Türkei und diversen lateinamerikanischen Staaten nicht zu empfehlen.

Jordanien hat anderswo mehr zu bieten, zum Beispiel Badeurlaub in Akaba, dem jordanischen Anschluss ans warme Rote Meer, zwischen dem israelischen Eilat und Saudi-Arabien. Ein Muss ist der Besuch von Petra, wo die Nabatäer, ein ehemaliges Nomadenvolk, vor über 2000 Jahren eine Stadt in den Felsen gehauen haben, die später zur Filmkulisse von «Indiana Jones» wurde. Die antike Handelsmetropole war die wichtigste Stadt an der Weihrauchstrasse, einer alten Handelsroute zwischen Südarabien und dem Mittelmeer. Ein Umschlagplatz für Myrrhe, Elfenbein und vieles mehr.

Für Touristen hat die derzeitige Flaute in Jordaniens Tourismus den Vorteil, dass das Besuchermagnet und Weltkulturerbe Petra nicht mehr von früh bis spät total überlaufen wird. Ganz im Gegenteil: In Ruhe lässt es sich durch die Felsenstadt flanieren, die später von den Nabatäern an die Römer überging und dann verlassen wurde – bis der Schweizer Johann Ludwig Burckhardt die Stadt vor 200 Jahren als erster Europäer nach den Römern wiederentdeckte und so den Grundstein für Millionen von Besuchern legte.

Besonders ruhig ist es während des Ramadans. Der Fastenmonat ist eine bessere Reisezeit, als man denkt; man muss auch nicht verhungern. Zwar sollte man nicht in der Öffentlichkeit rauchen, trinken oder essen – bei den Hotels und Sehenswürdigkeiten gilt das allerdings nicht. Ausserdem fasten längst nicht alle Muslime, der Koran sieht Ausnahmen vor.

So kommt es, dass Osama nach dem Mittagessen eine Zigarette raucht, während die beiden Reisecar-Chauffeure auf dem Gebetsteppich gen Mekka knien, bevor wir weiterfahren. Religionen und gegenseitige Rücksichtnahme prägen Jordanien seit je. Am Jordan soll Jesus getauft worden sein, auf dem Berg Nebo soll Moses gestorben sein.

So gibt es in Jordanien denn auch viele Kirchen. Zum Beispiel über ein Dutzend in Madaba. Berühmt ist die griechisch-orthodoxe Georgskirche. Auf dem Boden des hundert Jahre alten Gebäudes liegt eine Mosaikkarte Palästinas aus dem sechsten Jahrhundert, die schon den Boden der früher hier stehenden byzantinischen Kirche zierte. Eine weitere Attraktion ist das Tote Meer mit seinem hohen Salzgehalt, wo man sich vom Wasser tragen lässt, auf dem tiefsten begehbaren Punkt der Erde. Die Luft ist hier sauerstoffgeschwängert, über 400 Meter unter dem normalen Meeresspiegel. «Nirgends raucht sich eine Zigarette schneller als hier», lacht Osama.

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