Auf dem Weg des Wassers

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Das Entlebuch ist der Wilde Westen von Luzern. Wer den Spuren des Wassers folgt, findet idyllische Plätze, unberührte Natur und landet irgendwann am Vierwaldstättersee.

von Noemi Lea Landolt

Die Hektik, der Lärm und die Menschenmassen sind in der Stadt geblieben. An den Postautohaltestellen wartet selten jemand, am Boden kleben eingetrocknete Kuhfladen, die Leute arbeiten auf den Bauernhöfen oder in den Gärten. Es ist eine andere Welt, die sich auftut, während das Postauto von Schüpfheim hoch in Richtung Sörenberg kurvt. Dass die Zugfahrt von den Städten Bern und Luzern ins idyllische Schüpfheim keine Stunde dauert, ist kaum zu glauben.

Sörenberg zeigt sich an diesem Morgen von seiner schönsten Seite. Der Himmel ist wolkenlos, die Luft frisch und kühl. Perfektes Wanderwetter. Bald schon löst das Rauschen der Emme die Motorengeräusche des Postautos ab. Von der Haltestelle Sörenberg Post flussaufwärts bis zu ihrer Quelle am Fuss des Brienzer Rothorns dauert es 55 Minuten – sagt zumindest das gelbe Wanderwegschild. Unter den Schuhen knirschen die Steine. Der Weg führt direkt der Emme entlang, über Wiesen, durch kleine Tannenwälder bis zur Talstation der Rothornbahn. Während es bis hierhin mehr ein Spaziergang ist, braucht es auf dem letzten Stück bis zum Emmensprung mehr Kondition. Die 55 Minuten Wanderzeit sind schon bei der Talstation überschritten.

Der Weg ist steil, aber mit jedem geschafften Höhenmeter sieht man etwas weiter über das Tal. Der Blick schweift über saftige Wiesen, dunkelgrüne Nadelbäume, Kuhweiden, Bauernhöfe und schneebedeckte Berggipfel. Das Entlebuch ist eine einzigartige Region. Kaum eine andere Gegend in der Schweiz besitzt so viele Naturschätze. Wer den Spuren des Wassers folgt, macht hier vieles richtig. Findet Quellen, Wasserfälle, Schluchten, Bergseen und unberührte Moore.

Vom Entlebuch an die Nordsee
Im Vergleich zum Tal gleicht die Emme hier oben mehr einem Rinnsal, das sich den Weg durch die steinige Wiese sucht. Ein Tosen verrät aber, dass es bald spektakulärer wird. Noch eine Kurve, dann stürzt Wasser auf moosige Steine und bahnt sich den Weg weiter Richtung Tal. Der Wanderweg führt nun über eine Brücke ziemlich nahe an den beiden Wasserfällen vorbei. Die Tröpfchen, die bis zur Brücke wehen, sind eine willkommene Erfrischung nach dem schweisstreibenden Aufstieg. Bis zum Emmensprung fehlen aber noch ein paar Höhenmeter.

Auch wenn die Quelle fürs Auge unspektakulärer als der Wasserfall ist, lohnen sich die zusätzlichen Schritte. Schliesslich sprudelt hier das eiskalte Wasser zum ersten Mal aus dem steinigen Boden an die Oberfläche. Ein spezieller Ort, an dem sich eine kurze Pause anbietet. Wo führt die Reise des Wassers hin, das hier entspringt? Zuerst ins Tal, nach Schüpfheim und bis nach Luzern, wo es in den Vierwaldstättersee mündet. Von dort führt die Reise weiter durch die Schweiz und durch Deutschland, bis das Wasser in Rotterdam in die Nordsee fliesst. Es ist ein grosses Abenteuer, das hier beginnt.

Auf dem Emmenuferweg kann man das Wasser auf einem Teil seiner Reise begleiten. Der Weg führt vom Emmensprung bis nach Luzern, wo die kleine Emme zuerst in die Reuss und dann in den Vierwaldstättersee mündet. Unterwegs verändert sich der Fluss. Mal plätschert, mal tost er, wird breiter und schmaler, fliesst wild und wieder ruhig. Entlang der Route warten Spielplätze, verschiedene Themenwege und Rastplätze. In drei Etappen von vier- bis fünfeinhalb Stunden kann man vom Emmensprung bis nach Luzern wandern oder umgekehrt. Da entlang der ganzen Route Postautos oder Züge fahren, ist es gut möglich, nur Teilstrecken zu wandern oder früher oder später aufs Postauto umzusteigen.

Ein Bad für erschöpfte Füsse
Der Weg vom Emmensprung zurück zur Talstation der Rothornbahn ist – im Vergleich zum Aufstieg – schnell geschafft. Bei der Talstation steigt man ins Postauto oder wandert nach Flühli. Kurz vor dem Dorfkern kann man den Emmenuferweg verlassen und stattdessen den blauen Wegweisern mit dem weissen K folgen. Wer das Postauto nimmt, kann zum Beispiel bei der Haltestelle Hüttlenen aussteigen. Von dort führt der Weg über weite Wiesen, weg von der Strasse und den wenigen Häusern zum Schwandalpweiher. Er wurde 1908 als Reservoir für das Kleinkraftwerk einer Sägerei und Holzwarenfabrik angelegt. Zwei Quellen versorgen ihn stetig mit Wasser. Eiskalt und glasklar.

Heute ist der Weiher nicht mehr ein Speicherteich, sondern eine Kneippanlage. Sie wurde 2003 eröffnet und fügt sich perfekt in die Natur ein. Für einen Fünfliber geht es im Storchenschritt durchs eisig kalte Wasser. Sechs bis sieben Grad – das ist hart an der Schmerzgrenze, aber gleichzeitig belebend und perfekt für Füsse, die seit Stunden in Wanderschuhen stecken. Und schliesslich unterstützt und aktiviert die Gesundheitslehre von Sebastian Kneipp die Selbstheilkräfte des Körpers.

Nach dem Wassertreten geht die Kur für die Füsse auf dem Barfusspfad weiter. Über Tannzapfen, Holzschnitzel, Gras und Kieselsteine geht es rund um den kleinen See, vorbei an einem Armbad und einer Gussstation, wo der Körper noch einmal in den Genuss der heilenden Kraft des eiskalten Wassers kommt. An der Sonne trocknen die Füsse fast zu schnell. Am idyllischen See mit dem Blick auf die Berge liesse es sich gut noch relaxen. Aber die Emme ruft. Die Wanderung entlang des Wassers geht weiter, solange die Füsse tragen – und dann kommt ein Postauto.

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