Von Marc Fischer

«Wo liegt dieses Surinam?», fragte mich eine Freundin aus der Schweiz. «In Asien?» Einem anderen Freund schickte ich Grüsse aus Paramaribo. Die Antwort kam postwendend: «Danke! Zum Glück gibt’s Google Maps, so weiss ich auch, wo du steckst.» Andere Reisende erzählten mir von ähnlichen Erfahrungen. Meist folgte in den Gesprächen dann die Frage: «Warum bist du hier?» Als müsste man sich selbst unter Reisenden noch versichern, dass man mit einer Reise ins südamerikanische Land nichts Sinnloses macht. Nichts Gefährliches. Und sicher nichts Ungehöriges.

Tatsächlich ist man als Reisender in Surinam zunächst einmal ziemlich allein. Im Juni sowieso. Es ist Regenzeit. «Low Season», betonen alle Touranbieter, Serviceangestellten und Taxifahrer. «In July it’s getting crowded.» Ich mag es nicht ganz glauben. Denn nur rund 250 000 Touristen finden jährlich den Weg ins Land. Viele davon haben Wurzeln hier, besuchen Verwandte oder das Land ihrer Eltern. Die meisten sprechen Niederländisch oder Flämisch. Sie nutzen die Möglichkeit, die Tropen zu bereisen und dabei ihre Muttersprache sprechen zu können. Auch Praktikumsplätze in Surinam sind bei holländischen und belgischen Studenten sehr beliebt. Ich spreche weder Niederländisch noch habe ich Wurzeln in Surinam. Trotzdem bin ich da.

«Warum denn nun?» Diesmal stellt die Frage ein Vater, der seine Tochter im Praktikum besucht. Wir sind zufällig gemeinsam auf einer Radtour durch ehemalige Plantagen. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts – damals gehörte Surinam bereits den Niederländern – boomte die Landwirtschaft. Mithilfe von afrikanischen Sklaven wurden Zuckerrohr, Kaffee, Baumwolle und Kakao angebaut. Heute werden die Flächen nicht mehr kultiviert. «Die Preise auf dem Weltmarkt sind zu tief, es lohnt sich nicht», erklärt der Guide. «Und wir brauchen das Land, um Häuser zu bauen.» Die alten Bewässerungskanäle aber sind noch erhalten, die Schleusen noch funktionstüchtig. Und auf der ehemaligen Plantage Peperpot steht sogar noch die Trocknungshalle für Kaffee und Kakao. Die Maschinen im Innern der Halle sind ebenfalls noch erhalten, auch wenn der Zahn der Zeit an ihnen nagt. «Das soll alles restauriert und funktionstüchtig gemacht werden», so unser Guide. Für Touristen. Noch ist es nicht so weit.

Noch immer habe ich die Frage meines Mitradlers nicht beantwortet. «Warum bist du da?» Mich hat gereizt, dass das Land unbekannt ist. Und ich wusste vom Mix der Bevölkerungsgruppen in Surinam. Letzterer beeindruckt mich dann auch in den ersten Tagen in Paramaribo. Wenn die Menschen zwar afrikanisch, chinesisch, indianisch oder indisch aussehen, aber holländisch sprechen – und dazu auch noch auf der linken Strassenseite Auto fahren –, dann ist man in Surinam. Man spürt die Einflüsse aus aller Welt bei jedem Schritt. Viele Geschäfte sind mit chinesischen Schriftzeichen beschriftet. Zheng Zhu führt eine Apotheke, Hong Fan den Supermarkt. Metzgereien sind halal und die Küche weist Einflüsse aus allen Ecken der Welt auf. Niederländische Worstjes treffen auf indonesisches Bami, Erdnuss-Suppe auf Roti und Poulet auf Bang-Bang-Fisch. Hindu-Tempel stehen an der Strasse neben christlichen Kirchen, eine Moschee direkt neben einer Synagoge. Die Völker-Vielfalt im ursprünglich von indigenen Stämmen bewohnten Surinam ist im Museum an der Geburtsstätte Paramaribos, dem Fort Zeelandia, erklärt. Sie entstand kurz vor und nach der Abschaffung der Sklaverei 1863. Chinesen, Inder und Indonesier (Javaner) kamen als Plantagenarbeiter. Und viele von ihnen blieben nach dem Ablauf ihres Vertrags.

Eine Reise nach Surinam also wegen des Mix der Ethnien? Nicht nur. Paramaribo hat auch sonst einiges zu bieten. Eine Altstadt zum Beispiel, die auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes steht. Weisse Holzhäuser, oft mit Terrassen oder Balkonen. Die schönsten Gebäude stehen direkt am Fluss, doch auch an ihnen nagt der Zahn der Zeit. Im Innern der Stadt mischt sich die traditionelle mit moderner Architektur. Hektik kommt in den breiten Strassen nie auf. Einzig am Samstag sind die Einkaufsstrassen voller. Doch die Stadt wächst. «Wo zu meiner Schulzeit noch Buschland war, ist heute Stadt», sagt mir Siegfried, ein Surinamer, der seine alte Heimat besucht. Es sei eine Veränderung zum Schlechten, findet er, das Besondere, die Seele, gehe mehr und mehr verloren. «Bald ist Paramaribo eine beliebige Stadt in den Tropen.» Noch ist es aber nicht so weit. Noch versprühen die weissen Holzhäuser ihren Charme und am Sonntagmorgen tirilieren die Singvögel – fast jeder Surinamer hält einen Singvogel im Käfig – am Tweety-Fest auf dem Onafhankelijkheidsplein (Unabhängigkeitsplatz) um die Wette.

Zum Charme Surinams gehört aber auch eine gewisse Unbeholfenheit im Umgang mit Touristen. Das hat witzige Züge, wenn zwei Einheimische auf dem äusserst belebten Markt unbedingt fotografiert werden wollen, wenn im Restaurant bei fünf Gästen bereits die englischsprachigen Menükarten ausgehen oder wenn beim Museum Fort Zeelandia die Öffnungszeiten auf 9 bis 14 Uhr beschränkt sind und um 11 Uhr kein Wechselgeld vorhanden ist.

Siegfried treffe ich auf einer Tour, die ich mit einiger Mühe organisieren konnte. Tour-Agencies gibt es zwar einige, doch mit Verweis auf die Low-Season schütteln die Anbieter immer wieder den Kopf. Selbst wenn die Tafeln im Schaufenster mit «definitiv» werben, finden viele Mehrtagestouren dann doch nicht statt. «Meeresschildkröten beobachten in Galibi, Abstecher nach Französisch Guayana inklusive»: Diese Tour findet statt. Siegfried und seine Familie sind dabei. Er nimmt sich meiner an, kümmert sich fast mehr um mich als der Guide. Die zweitägige Tour führt uns an den Marowijne Rivier und zu einem Höhepunkt: Wir entdecken nachts eine über zwei Meter grosse Lederschildkröte im Trancezustand beim Eierlegen. Wir passieren auf der Fahrt auch das Moiwana-Mahnmal. Es erinnert an das Massaker im Dorf Moiwana während des Bürgerkrieges in den Achtzigerjahren. Mindestens 39 Menschen wurden getötet, das Dorf zerstört. Heute ist das Massaker weit weg, das Land sicher zu bereisen – auch wenn Protagonisten von damals heute vom Volk gewählte Regierungsmitglieder sind.

Nach der Rückkehr nach Paramaribo wartet eine Überraschung auf mich. Einer Agentur ist es tatsächlich gelungen, mir eine Raleighvallen-/Voltzberg-Tour zu organisieren – vier Tage Urwald mit Übernachtung in Hängematten und fernab von Handynetz und Internet. Eine Stunde mit dem Mini-Bus nach Zanderij, wo noch sämtliche Lebensmittel eingekauft werden. Danach drei Stunden über holprige Strassen weiter bis nach Witagron. Von dort weitere drei Stunden mit dem Boot auf Fungu-Eiland. In dieser Zeit sieht man kaum menschliche Spuren, nur hohe Bäume, Wasser und dann und wann ein Papageienpärchen oder eine Affenfamilie. Die Raleighvallen sind mehrere Wasserfälle rund um Fungu-Eiland. Allerdings, auch hier ist die Regenzeit die schlechte Reisezeit. Da der Fluss dann viel Wasser führt, sind die Wasserfälle nicht spektakulär, sondern gleichen eher Stromschnellen. Deutlich spektakulärer ist dann der Aufstieg zum Voltzberg. Zwar ist der Berg mit nur 270 Metern Höhe eher ein Hügel, doch ragt er steil aus dem Urwald hervor und ist kahl.

Trotz anderslautenden Gerüchten sind Auf- und Abstieg gut zu bewältigen. An den steilsten Stellen gibt sogar ein Seil Halt. Nach vier Tagen Natur-pur-Erlebnis treffe ich am letzten Abend in Paramaribo einen jungen Holländer. Seine erste Frage ist vorhersehbar: «Was machst du hier?» Ich habe ihm nach fast drei Wochen einiges zu erzählen.

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