Von Susi Schildknecht

Dieses Licht, diese Klarheit der dünnen Luft! Bei der Ankunft in der Stadt Leh auf 3500 m ü. M. kanns einem schon mal den Atem verschlagen. Es gilt, alles schön langsam anzugehen. Einen eindrücklichen ersten Überblick verschafft man sich von der Shanti-Stupa oberhalb der Stadt. Dort gibts ein Café, dort kann man ankommen. Der Blick schweift über Leh mit seinen bewässerten Grünflächen, den Flugplatz, ausgedehnte Militäranlagen, den fruchtbaren Gürtel entlang des Indus und schneebedeckte Gipfel.

Wir befinden uns in Ladakh, einer Region im autonomen indischen Bundesstaat Jammu und Kashmir. 99,6 Prozent der Fläche von Ladakh sind unbewohnbar. Da gibt es Gebirge und Ebenen in den unglaublichsten Farben der Materie Stein. In dieser Kargheit heben sich die Klöster umso prächtiger ab, hier lebt und überlebt der tibetische Buddhismus. Die Mönchsgemeinschaften «arbeiten systematisch für gutes Karma für das Volk», wie es unser ladakhischer Guide formuliert. Der perfekt Englisch sprechende, 27-jährige Gyalson hat Geschichte, Soziologie und Philosophie studiert. Er erklärt den tibetischen Buddhismus auf anschauliche Art, erzählt die Legenden der Klöster und Anekdoten. Sein Wissen lässt uns eintauchen in diese so andere Welt.

Morgenzeremonie im Kloster
Es ist 6.30 Uhr. Im noch pudrig-feinen Licht erreichen wir das mächtige Gelbmützen-Kloster Thikse. Vom obersten Dach des imposanten, an den Potala von Lhasa erinnernden Komplexes, tröten zwei Mönche mit ihren Muschelhörnern. Sie rufen zur Puja, zum Morgengebet und ersten Mahlzeit. Unser Platz in der Versammlungshalle ist ganz hinten, neben den Novizen. Wir wissen um die potenziellen Fettnäpfchen, setzen uns weder auf die niedrigen Tischchen, noch auf heilige Schriften oder Buddha-Bilder, schalten die Blitze und das Klicken der Kameras aus. Vorne beginnt ein älterer Mönch mit dem Rezitieren der Mantras, gefolgt von der ganzen Mönchsgemeinschaft.

Die Kraft der Tibetisch gesprochenen Gebete und Gesänge lädt den ganzen Raum mit Energie auf. Junge Mönche schleppen schwere Teekannen herum. Auch wir Gäste erhalten einen Pappbecher voll mit dem milchig-süssen Getränk. Nein, es schwimmen keine Fettaugen obenauf. Die Zeremonie zieht sich hin, der kleinste Novize schläft selig. Er wird von den Mönchen in Ruhe gelassen, deren Toleranz auch das aufdringliche Fotografieren einiger respektloser Touristen erträgt.

Im tibetischen Buddhismus ist alles vergänglich, nichts von Bestand. Diese Erkenntnis wird aufwendig zelebriert. Im Kloster Spituk werden wir Zeuge, wie Mönche in tagelanger, geduldheischender Arbeit ein Sandmandala herstellen. Nach Vollendung wird dieses gesegnet und – in den Wind zerstreut.

Auch im felsigen Versammlungsraum des Klosters Skurbuchan schlucken wir leer: Nach der Zeremonie werden Hunderte aus Tsampa (Gerstenmehl) geformte Opferfigürchen zu einem Klumpen geknetet und abgeräumt. Sie haben ihren Dienst getan. Das unterschiedliche Kulturverständnis zeigt sich auch, wenn das Kunsthistoriker-Team die Renovation uralter Tempel-Wandmalereien weiterführen möchte und diese Aufgabe im Stil von «Bauernmalerei» bereits vollendet vorfindet. Warum dem Alten nachtrauern? Die Zukunft ist wichtiger.

Zu Fuss über den Prinkiti-La
Links rum, bitte! Der Chörten will wie alle buddhistischen Bauwerke im Uhrzeigersinn rituell umgangen werden. Und die Steine mit eingravierten Mantras wie «Om Mani Padme Hum» (Oh du Juwel in der Lotusblüte) sind keinesfalls zum Mitnehmen gedacht.

Gyalson hat uns gut informiert: Die oft meterlangen Mani-Mauern sind dort anzutreffen, wo die Menschen ihren Alltag verbringen. So können die Ladakhis im Vorbeilaufen, etwa auf dem Weg zur Feldarbeit, positives Karma aufbauen. Und der über die Steine streichende Wind trägt die Gebete weiter.

Bizarre Mondlandschaft
Wir treten eine gut fünfstündige Wanderung ins nächste Tal an. Nach dem Besuch des mächtigen Rotmützenklosters von Lamayuru inmitten einer bizarren Mondlandschaft durchschreiten wir das Seitental.

Bald lassen wir die bewässerten, grünen Felder hinter uns, rundum glimmt Stein in ungeahnter Vielfalt. Die Passhöhe des Prinkiti-La (Eidechsenpass) auf 3750 m ü. M. empfängt uns mit einer atemberaubenden Sicht auf Bergketten und fröhlich flatternden Gebetsfahnen. Die ersten Tropfen des Gipfeltrunks – lokaler Aprikosensaft – spendet Gyalson den Geistern, die laut dem Glauben diesen Übergang seit je bewachen. Die alte Bön-Religion lässt grüssen.

Unser Ziel ist Wanla (3260 m ü. M.) mit seinem das Dorf überragenden Kloster. Zum Vollmond – Buddha soll seine Erleuchtung in einer Vollmondnacht erlangt haben – hat sich die Dorfbevölkerung im Kloster versammelt, und es herrscht freudige Betriebsamkeit. Herzlich werden wir eingeladen, zum Essen, zur Tempelzeremonie, zum Zuschauen bei den Vorbereitungen. Deutlich ist zu spüren, dass Dorfbewohner und Mönche in enger Verbindung stehen. Natürlich besucht so manche Familie hier ihren Sohn. Diese Verbundenheit berührt uns. Sie ist im kleinen Dorf mit seinem Kloster zu spüren und ebenso beim grossen, professionell durchorchestrierten Klosterfest in Hemis. Dort wird für die farbenfrohen Maskentänze kein Aufwand gescheut, die Ladakhis strömen aus den entlegensten Winkeln des Landes herbei und Touristen sind willkommene Gäste.

Szenenwechsel: Lotos, unser einheimischer Fahrer, steuert den SUV konzentriert bergwärts. Die vom Militär unterhaltene Strasse zum Khardung-La, der mit 5359 m ü. M. zu den weltweit höchsten befahrbaren Pässen gehört, verlangt gebührenden Respekt. Ebenso unterwegs sind abenteuerlustige Motorradfahrer, meistens mit viel High-Tech ausgerüstete Inder auf gemieteten Enfield-Rädern. Auf der Passhöhe entlädt sich deren Anspannung in ein fröhliches, lautstarkes Fotoshooting-Spektakel.

Im Stadium der Gier
Auch nach dem Übergang bleibt die Strecke ein Erlebnis: Gletscher, magisch schön gefärbte und geschichtete Berge, ein paar Yaks, inmitten der Steinwüste blühende Rosenbüsche, dann der erste Blick auf die Karakorum-Gebirgskette und darunter das Nubra-Tal und der Shyok-Fluss mit seinen fast weissen Sandbänken. Natürlich alles im Grossformat!

Unterwegs spricht Gyalson immer wieder vom Lebensrad. Uns wird klar: Erleuchtung werden wir in Ladakh nicht erlangen, zu sehr befinden wir uns im Stadium der Emotionen, buddhistisch gesagt der Gier. Zu stark sind all die Eindrücke, die hier auf unsere Sinne einprasseln, als dass wir sie loslassen möchten. Im Gegensatz zum Sandmandala der Mönche werden die Bilder dieser Reise das ganze Leben lang haften bleiben. Sollen sie auch!

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