Von Stefan Schmid

Die Landung im Paradies haben wir uns anders vorgestellt: Es wackelt und schaukelt, es ruckt und zuckt, als befänden wir uns mitten in einem tropischen Wirbelsturm. Der Riesenvogel A380 der Emirates Airlines hat trotz seines Gewichts und bestem Wetter Mühe, sauber auf der Landebahn aufzusetzen.

Mein Sitznachbar aus dem Berner Oberland, ein Vielflieger, klärt mich mit ruhiger Stimme auf: Das tropische Klima sei für die Luftfahrt eben unberechenbar. Die heisse, feuchte Luft über der Betonpiste drücke den Flieger immer wieder nach oben. Ich wische mir – nicht zum letzten Mal in den folgenden Tagen im feuchtheissen mauritianischem Klima – die Schweissperlen von der Stirn. Ich bin froh, nach 12-stündigem Flug via Dubai hart, aber heil gelandet zu sein.

Die Strapazen der langen Reise und der abenteuerlichen Landung sind derweil rasch vergessen. In der luftigen Lounge des Westin Resort & Spa geniessen wir mit Blick auf Palmen und Meer den ersten Alooda, ein typisch mauritianisches Milchgetränk mit Vanille und Eiswürfeln. «Willkommen in Mauritius, dem Paradies im Indischen Ozean», sagt die einheimische Reiseleiterin Gabriela.

Wir merken rasch: Die Mauritier sind ein stolzes Volk. Stolz auf ihre Natur, die aus erloschenen Vulkanen, üppig-grünen tropischen Wäldern, roten Malvenblumen und schneeweissen Stränden besteht. Stolz auf ihre Geschichte, die von der Kolonialisierung durch Frankreich und Grossbritannien geprägt war und 1968 in der Erringung der Unabhängigkeit gipfelte. Stolz auf ihre Zuckerrohrplantagen, auf die Teefelder, ja generell auf die typisch kreolische Küche von Auberginenmousse über Salzfische, Schweinewurst mit Linsensuppe bis hin zum Poulet-Curry, das mit Gurken serviert wird. «Wir essen halt schon sehr gerne», sagt Gabriela. Spätestens am Ende der Reise wissen wir, wovon die Reiseleiterin sprach. Dass das Inselvolk auch zu trinken weiss, merken wir früher. Der Vanille-Rum, der uns zum Verdauen serviert wird, schmeckt nicht nur exzellent, er versetzt uns auch in eine Art schläfrige Trance – ein perfekter Entspannungszustand bei 32 Grad und fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Die Mauritier sind nicht nur ein stolzes, sondern auch ein äusserst freundliches Volk. Die Höflichkeit beschränkt sich mitnichten auf das Hotelpersonal, das auf den zuvorkommenden Umgang mit europäischen Journalisten wohl eingeschworen wurde. Nein, auch ganz normale Menschen, die uns nicht kannten, begegneten uns fast immer mit einem Lächeln im Gesicht. Einheimische – etwa auf dem quirligen Markt in der Hauptstadt Port Louis oder am kreolischen Musikfestival, das jeweils im Dezember stattfindet und internationale Künstler nach Mauritius lockt, strahlten ein Mass an Herzlichkeit und Gastfreundschaft aus, das wir nicht gewohnt waren.

Es scheint, als lebe es sich auf einer abgelegenen Insel – bis Madagaskar sind es 870, bis zum afrikanischen Festland rund 1700 Kilometer – einfach ein bisschen relaxter als im geschäftigen Europa. Der Austausch mit Fremden scheint den Insulanern, von denen nur jeder Vierte im Laufe seines Lebens die Insel je verlässt, sichtlich Spass zu machen. Alleine schon deswegen lohnt sich die Reise nach Mauritius.

Szenenwechsel: Nach drei Tagen im Norden dislozieren wir in den Süden. Unweit des berühmten Le-Morne-Felsens, auf dem einst Sklaven Zuflucht suchten, beginnt die ungestüme, wilde Südküste. Hier ist das Korallenriff, das Mauritius umgibt, jäh unterbrochen. Die Wellen schlagen mit voller Wucht an die zerklüfteten Felsen – ein idealer Ort für Wellenreiter und Kitesurfer.

Doch für den Trendsport sind wir zu faul. Wir begnügen uns mit einer Schnorcheltour in der Lagune des St. Regis Resort und laben uns an den vielen farbigen Fischen, deren Namen wir uns nicht merken können. Mein persönlicher Favorit ist indes eindeutig die hässliche Seegurke. Scheinbar harmlos und träge hockt sie unter den Felsen und fragt sich wohl, was diese mit Schnorcheln und überdimensionierten Brillen ausgestatteten Touristen wollen.

Eigentlich lädt die grandiose Hotelanlage aber vor allem zum Nichtstun ein. Hunderte piekfeine Bungalows liegen verstreut in einem tropischen Garten mit Wasserspielen, Holzbrücken und Palmen. Eingestreut sind Swimmingpools, Tennisplätze und in der Mitte der Anlage natürlich mehrere Restaurants. Wer nicht zu Fuss gehen will, kann sich auf eines der unzähligen Elektromobils setzen, welche die Touristen in der ganzen Anlage herumchauffieren. Bei so vielen Annehmlichkeiten ist klar: Sparer kommen hier nicht auf ihre Rechnung. Das günstigste Doppelzimmer ist erst ab 600 Euro zu haben.

Die Landung mit dem Airbus 380 in Zürich ist sanfter als jene vor sieben Tagen in Mauritius. Keine Tropenluft, keine Schwüle, dafür bläst uns beim Aussteigen eine steife Bise ins Gesicht. Mauritius ist eine entrückte, komplett andere Welt, besonders im europäischen Winter. Die vielen angespannten, ja fast grimmigen Schweizer Gesichter sagen uns: Ihr seid zurück in der Heimat. Und sie zeigen uns, dass Freundlichkeit keine Selbstverständlichkeit ist.

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