Von Carl Heeb

Natürlich kann man im Tessin einfach auf der faulen Haut liegen, im Lago di Lugano schwimmen, die Sonne geniessen und Glace schlecken. Wieso nicht mal die Komfortzone verlassen? Dies war das Argument des Kollegen, als er uns mit ein paar halsbrecherischen Vorschlägen überschüttete. Der Begriff «Canyoning» blieb seltsamerweise hängen, obschon ich von der Sportart noch nie gehört hatte.

Das Abenteuer Canyoning startet morgens um 9 Uhr in Biasca. Unsere überschaubare Gruppe bildet einen demografischen Querschnitt der Gesellschaft: ein Familienvater mit seinen zwei jugendlichen Kindern, ein Paar Anfang 40, ein Canyoning-Veteran und schliesslich wir drei Anfang 20. Dass Extremsportarten nur für hormonstrotzende Heranwachsende und von Midlife-crisis-geplagten Männern betrieben werden, entpuppt sich schon mal als Trugschluss. Bunt zusammengewürfelt ist auch die Truppe der Guides: Steve, ein Holländer und Chef der Gruppe, dann Augustin, ein Argentinier, und Jonas aus dem Bündnerland.

Verstohlen werfen wir uns erstaunte Blicke zu, als Steve der neunköpfigen Anfängergruppe die Essenz des Canyoning erklärt. Worauf hatten wir uns da nur eingelassen? Für einen Rückzieher ist es zu spät. Wir teilen uns in Gruppen auf und fahren den Berg hinauf ins Val Malvaglia zu einem Canyon für Einsteiger. Auf halbem Weg gibt es die ersten Instruktionen. Wir fassen die Ausrüstung: Neoprenanzug, Helm, mit speziellem Profil versehenes Schuhwerk und ein «Gstältli» inklusive Karabinerhaken.

Je näher das Ziel kommt, desto mehr Euphorie (oder ist es Galgenhumor?) macht sich in unserer Dreiergruppe breit. Mitten auf einer Serpentinenstrasse hält der Wagen. Von hier aus kämpfen wir uns auf einem schmalen Weg über Wurzeln und Äste vorwärts, bis das Rauschen von Wasser zu hören ist. Plötzlich stehen wir an einem breiten Bachbett inmitten einer von Bäumen und Farnen gesäumten Schlucht, welche die perfekte Kulisse zu einem «Jurassic Park»-Film abgeben würde.

Nun geht es los. Das erste Eintauchen ins Wasser ist trotz des Neoprenanzuges eine eiskalte Angelegenheit, der Atem stockt. Doch dieses Detail wird schnell verdrängt durch den ersten Adrenalinschub: Es gilt, von einer etwa sieben Meter hohen Klippe in einen natürlichen Pool zu springen. Für die Organisatoren ist ein solches Hindernis etwas Alltägliches, das spürt man an der Art und Weise, wie sie mit der Situation umgehen: Wenige, klare Worte, wie man sich während des Sprungs verhalten muss (zuerst zu einem Päckchen formen, dann kurz vor Eintritt ins Wasser die Beine strecken) – dann die Frage, ob man sich lieber abseilen lassen wolle.

Klar, dass wir uns diesen Kick nicht nehmen lassen. Der erste Blick in die Schlucht vermittelt aber nicht unbedingt das Gefühl von Sicherheit. Dummerweise stehe ich zuvorderst in der Reihe. «Du musst einfach hier in die Mitte zielen und mit Anlauf springen», versucht Steve, mich zu beruhigen. «Aber Achtung: Am vorderen Ende ist ein Felsen im Wasser.» Ich gebe mir einen Ruck – und springe. Die Zeit in der Luft verfliegt schneller als geahnt und schon stosse ich mit einem lauten Klatschen durch die Wasseroberfläche. Als ich auftauche, rast mein Herz zwar immer noch, doch der Blick nach oben erfüllt die Brust auch mit etwas Stolz.

Bald ist klar: Eine Canyoning-Tour ist eine abwechslungsreiche Aktivität. Ob man sich nun von einem Felsen (im Val Malvaglia sind sie zwischen drei und zehn Meter hoch), durch eine Schlucht in ein natürliches Becken abseilt oder die kniffligere Variante des direkten Sprungs wagt, ist dem Teilnehmer selbst überlassen. In diesem Punkt zeigt sich die Professionalität des Angebots: An jedem grösseren Felsvorsprung sind Schnallen angebracht, an denen man sich mit einem Seil einhaken kann. Dazwischen gibt es weniger aufregende Abschnitte, in welchen man zwischen Felsen und über abgestorbene Baumstämme klettern muss, durch natürliche Felsrutschen in den nächsten See gleitet oder durch kleine Pools bis zum nächsten Felsvorsprung schwimmen kann.

Die geologische Beschaffenheit des Tessins bildet eine traumhafte Kulisse für Natur- und vor allem Canyoningfreunde. Nicht nur das Val Malvaglia ist ein beliebtes Tal für diese Sportart, rund um Biasca gibt es gleich mehrere Canyons mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden, wie die Pontirone-Schlucht, das Valle di Cresciano, Lodrino oder Iragna.

Langeweile kommt bei unserer Premiere keine auf. Die Zeit verfliegt wie im Nu, immer ist man aufs Neue gefordert, auf die richtige Stelle zu treten und dem Hintermann mitzuteilen, welche Steine mit glitschigen Algen umgeben oder wacklig sind. Beim Canyoning geht es nicht nur um den individuellen Fun, lernen wir schnell: Es ist auch Teamarbeit.

Wir befinden uns gerade vor einer acht Meter hohen Klippe, durch die ein tosender Wasserfall in einen kleinen See rauscht, als Steve zu einer Pause ruft und Proviant verteilt. Erst jetzt wird uns bewusst, dass Canyoning nicht nur ein Auf und Ab von Adrenalinschüben ist, sondern eben auch eine Sportart: Die Muskeln fühlen sich müde an, die mentale Erschöpfung überwiegt jedoch.

Nach der Pause fühlen wir uns schon fast wie Routiniers. Die elementaren Basics kennen wir langsam, und die Leiter müssen nicht immer alles erklären. Sie erwarten offenbar, dass man die knappen Anweisungen intuitiv versteht und umsetzt. Dies ist leider nicht immer der Fall und so kann es zuweilen beim Abseilen schon mal zu kleinen Missverständnissen kommen.

Den Höhepunkt hat sich das Val Malvaglia jedoch für den Schluss aufgespart: ein Sprung von einer 10 Meter hohen Felsenklippe! Klingt vorerst nicht nach einer grossen Hürde. Die paar wenigen Meter mehr als bei den anderen Sprüngen schaffen wir doch ohne Probleme. Der Haken an der Sache: Ganz unten ragt ein immenser Stein hervor. Nach reiflicher Überlegung werte ich meine Gesundheit höher als meine Männlichkeit und seile mich ab.

Nach dem obligatorischen Gruppenfoto vor der Klippe ziehen wir erschöpft, aber zufrieden über den schmalen Waldweg hinauf zur Strasse. Geredet wird nicht mehr viel. Nachdem wir unseren ersten Trip bravourös gemeistert haben, dürfen wir uns bereits zu den fortgeschrittenen «Canyonauten» zählen. Für den Moment haben wir aber genug Abenteuerluft erlebt.

Canyoning-Touren gibt es in verschiedenen Schwierigkeitsgraden z. B. bei www.ticinoadventures.ch, ab Fr. 139.–

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