Von Philip Spaar

Der Rauch qualmt aus dem Dach des Wohnwagens. Vor einer Waschanlage inmitten von Albuquerque, New Mexico, bleiben die Leute verdutzt stehen. Ein Mann mit gelbem Overall und Gasmaske steigt aus und lässt sich von der versammelten Menschenmenge fotografieren. In dem Wagen wurde gerade Crystal Meth gekocht. Menschen applaudieren.

Ein ganz normaler Nachmittag in der 550 000-Einwohner-Stadt in den USA: Willkommen am Drehort von der berühmten Serie «Breaking Bad», in der ein Chemielehrer mit Drogen Geld verdient, um seine Chemotherapie zu bezahlen. Die Serie hat nach kürzester Zeit Kultstatus erreicht und verzeichnet um den Globus eine grosse Fangemeinde.

Gemäss unserem Guide Randall, wurde «Breaking Bad» zur wichtigsten Einnahmequelle der Stadt. Randall arbeitete während der achtjährigen Dreharbeiten als Setrunner und stammt aus Albuquerque. Seit die Serie fertig gedreht ist, arbeitet er als Tourguide und gibt den Fans Hintergrundinformationen. Die Tour in diesem Replika RV (Recreation Vehicle) dauert drei Stunden und führt an 15 verschiedene Drehorte. Im Wohnwagen werden zuerst Filmausschnitte gezeigt, um dem Zuschauer die Szene wieder in Erinnerung zu rufen. Für viele Fans war das nicht nötig, sie kennen die Serie auswendig. Am Ende der 70 Dollar teuren Tour werden die Drehort-Touristen in einem «Breaking-Bad-Bathshop» ausgeladen. Es gibt Badesalz in Form kleiner blauer Crystal-Meth-Pillen zu kaufen. Der Laden boomt.

Das Programm könnte beliebig weitergehen mit dem Besuch von Bars oder auch Nachttouren an die «gefährlichen» Drehorte der Serie. Menschen aus aller Welt reisen an Drehorte wie Albuquerque, um sich ihren Stars nahe zu fühlen. Man könnte es als postmoderne Pilgerfahrten bezeichnen. Dabei sollte beim Jet-Setting jedoch zwischen zwei Arten von Touristen unterschieden werden: zwischen Film- und Drehtouristen. Letztere besuchen gezielt Orte, während sich Filmtouristen von der Landschaft inspirieren lassen, um dort Ferien zu machen.

Drehorte von Fernseh-Serien werden mehr und mehr ein Anziehungspunkt. Im deutschsprachigen Raum ist dies beim «Bergdoktor» der Fall. Im Tourismusort Wilder Kaiser in Österreich gibt es mittlerweile zweimal im Jahr eine Bergdoktor-Woche. Vor fünf Jahren noch 24 Anmeldungen, sind es heute über 800. Bereits 2005 bestätigte eine Studie der Halifax Travel Insurance in Grossbritannien, dass 27 Prozent der Befragten ihre Ferienplanung von Filmen- und TV-Sendungen inspirieren lassen.

In der Schweiz sind auf Anfrage bei Kuoni und Hotelplan keine eigenen Reiseprospekte für den Filmtourismus geplant. «Wir weisen in unseren Katalogen aber gezielt auf Filmorte und Drehtouren hin», sagt Anja Dobes, Sprecherin bei Hotelplan. «Ganz selten bieten wir aber auch geführte Reisen an Drehorte an, beispielsweise in Schottland für die Buch- und Filmszenerien von Outlander», ergänzt Dobes. Bei Kuoni sieht es ähnlich aus: «Ausflüge zu Drehorten von Spielfilmen werden bei uns immer wieder angefragt, es gibt durchaus einen Markt für Filmtourismus, aber keine eigenen Prospekte», sagt Marcel Schlatter, Mediensprecher von Kuoni Schweiz. Es gibt Filme und Serien, die über Jahrzehnte eine Anziehungskraft auf Filmfans haben. Andere «verjähren» mit der Zeit, ergänzt Schlatter: «In New York haben wir dieses Jahr erstmals die ‹Sex and the City›-Tour gestrichen. Früher lief sie gut.»

«Martini! geschüttelt, nicht gerührt!» Einer der wohl bekanntesten Filmsätze, gesagt von einem britischen Agenten, dessen Mutter — der Geschichte nach — eine Schweizerin ist: James Bond. Im aktuellen Abenteuer «Spectre» bekommt er keinen Martini, sondern einen alkoholfreien Biofruchtdrink, und dies in Sölden, Tirol, sonst bekannt als Hochburg des Après-Ski. Dem Tourismus kann es egal sein, wenn Bond auf Alkohol verzichtet, denn das neue James-Bond-Abenteuer lockt scharenweise Touristen an.

«Viele Touristen besuchen den Gaislachkogl, weil sie ihn im Film gesehen haben. Genaue Zahlen haben wir leider noch keine», sagt Carmen Fender, Marketingleiterin von Ötztaltourismus. Was aber bereits berechnet wurde, sind die Zahlen des Filmteams. Johannes Koeck, Leiter von CineTirol, sagt: «Allein während der Dreharbeiten hatten wir 30 000 Übernachtungen durch Darsteller und Crew während 31 Tagen.» Für Verpflegung, Unterkunft, Transport und Mieten seien wohl 8,9 Millionen Euro Produktionskosten ins Bundesland geflossen.

Es macht mittlerweile Schule, dass sich Regionen an Filmen beteiligen: «CineTirol und LandTirol haben für die Dreharbeiten von Spectre einen Produktionskostenzuschuss von 550 000 Euro geleistet, hinzu kam ein finanzieller Beitrag von Filmstandort Austria von 800 000 Euro», erläutert Koeck. War nur das Geld der ausschlaggebende Punkt? «Nein», erwidert Arie Bohrer, österreichischer Film-Kommissionär, «die einzigartige Architektur des Ice Q, die schneesichere Höhenlage und die vorhandene technische Infrastruktur, um so ein grosses Team vom Tal in geringster Zeit auf den Gletscher transportieren zu können.» Vor 30 Jahren wurde das CineTirol gegründet, welches sich zum Ziel setzt, Filmproduktionen ins Tirol zu holen. Ihr grösster Coup bis anhin war sicherlich der aktuelle Film «Spectre». «Wir hatten noch nie so viele Medienanfragen», sagt Fender. Auch die Schweiz hat eine Bond- Vergangenheit. Das Schilthorn vermarktet noch heute den Film «Im Geheimdienst ihrer Majestät» aus dem Jahre 1969.

Das im Jahr 2013 eröffnete Museum mit dem damaligen Bond-Schauspieler George Lazenby war ein ganz bewusster, gezielter Marketing-Entscheid: «Mit jedem weiteren James-Bond-Film wird seine Popularität grösser, und die Anfragen beim Schilthorn nehmen zu», sagt Michelle Blaser, Sprecherin der Schilthornbahn AG. Zahlen werden keine genannt, «aber nach der Eröffnung des James-Bond- Museums im Jahre 2013 verzeichnete das Schilthorn einen Besucherrekord», sagt Blaser.

In Neuseeland hat man schon früh das Potenzial der Herr-der-Ringe-Romane erkannt. Die Regierung hatte der Filmproduktionsfirma rechtzeitig ein 150-Millionen-Dollar-Paket angeboten, damit die Trilogie dort gedreht wird. Noch heute, 15 Jahre nach Erscheinen des ersten Films, reisen Touristen aus der ganzen Welt nach «Mittelerde». Die Übernachtungszahlen konnten um 20 Prozent gesteigert werden. Der Filmmarketing-Experte Stefan Rösch verrät, dass Filmreisen noch stärker mit Emotionen verbunden sind. «Als ich in Neuseeland Gruppen begleitete, sah ich Menschen, die weinten. Die Emotionen des Filmes kamen wieder hervor.»

Filmtourismus sei keine Nische, betont Rösch. «Filme können unterschiedliche Reiseimpulse hervorrufen und dies wird den Tourismusorganisationen immer bewusster», sagt Rösch. Diese Zunahme an Interesse im Filmtourismus sei auch stark der gestiegenen Qualität der Filme und Serien zu verdanken.

In der Schweiz werden oft Filme für Bollywood gedreht. «Es gibt insbesondere Anfragen aus Indien, wenn Gäste auf den Spuren indischer Blockbusters die Schweiz erkunden wollen», sagt Urs Eberhard, Head of Markets von Schweiz Tourismus. Eine Marktforschung zu Filmtourismus liegt Schweiz Tourismus nicht vor. «Um gross in Filmproduktionen investieren zu können, ist das Budget zu klein. Wir engagieren uns selektiv im Ausland und nur bei Filmen, die die Schweiz touristisch ins Licht rücken», ergänzt Eberhard. Dies habe nachweislich Reisebegehren ausgelöst.

Schweiz Tourismus unterstützt pro Jahr rund 110 TV-Produktionen aus aller Welt. Investitionen in den Filmtourismus bringen auch Risiken mit sich. «Nicht jede Produktion ist automatisch ein Geldsegen. Beispiele wie ‹Herr der Ringe› sind eher die Ausnahme und nicht die Regel», sagt Eberhard abschliessend.

Nur ein erfolgreicher Film lässt einen Drehort erfolgreich werden. Wer weiss? Vielleicht liegt im nächsten Abenteuer von James Bond ja ein Besuch in der Schweiz drin. Das Geburtsland seiner Mutter würde sich bestimmt darüber freuen.

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