«Meine kleinen Zehen sind auf die doppelte Grösse angeschwollen, ein Nagel ist abgefallen und die Füsse mit blutigen Blasen übersät. Und das nach gerade mal 30 Kilometern. Dabei habe ich noch 4235 Kilometer vor mir. Auf dem Pacific Crest Trail (PCT) von Campo an der mexikanischen Grenze durch die USA, bis nach Vancouver, Kanada.

Es ist bitterkalt in meiner ersten Nacht in der Wildnis, und ich habe Hunger. Ich schlucke die Tränen hinunter und stelle mit klammen Fingern mein Zelt auf. Ans Schlafen ist nicht zu denken. Windböen reissen die Zeltheringe wieder und wieder aus dem Boden. Drei Mal krieche ich aus dem Schlafsack, quetsche meine geschundenen Füsse in die Schuhe und fixiere das eingefallene Zelt.

Oje, was für ein Start. Dabei habe ich mich akribisch auf das Abenteuer vorbereitet. Doch mir ist ein Anfängerfehler unterlaufen. In der Mojave-Wüste im Bundesstaat Kalifornien ist es tagsüber bis zu 40 Grad heiss. Durch die Hitze und die Belastung sind meine Füsse um zwei Schuhnummern angeschwollen. Ich habe zu kleine Schuhe an, und der nächste Trekkingschuhladen ist mehrere Fahrstunden entfernt.

Aufgeben? Nein, nicht schon am zweiten Tag des Abenteuers! Zu lange habe ich mich während meines ETH-Studiums darauf gefreut. Standen Ende Semester wieder einmal ein knappes Dutzend Maschinenbau-Prüfungen an, war der Ausblick auf fünf Monate Wildnis meine Motivation. Ich wollte einmal weg von der Geschäftigkeit des modernen Lebens. In die Stille und Abgeschiedenheit. Mein Erspartes habe ich zusammengekratzt, um mir diesen Wunsch zu erfüllen. Klar, ich hätte auch durch Thailand tingeln können, doch das reizt mich nicht.

Der PCT ist einer von drei Fernwanderwegen in den USA. Darauf gestossen bin ich über Blogs. Und ich wusste: Das ist es. Das ist mein Ding. Jedes Jahr nehmen ein paar hundert Hiker, wie sie hier heissen, dieses Abenteuer in Angriff. Von Südkalifornien geht es jeweils im April los. Das Ziel: die kanadische Grenze vor Wintereinbruch erreichen. Nicht einmal ein Viertel schafft es.

Vorbereitet habe ich mich vor allem körperlich mit Konditionstrainings. Doch fast entscheidender ist der Wille. Das lehrt mich bereits die zweite Tagesetappe. Mit den schmerzenden Füssen komme ich nur mühsam voran. Schritt für Schritt erkämpfe ich mir jeden Meter. Mit Sprüchen heitern mich vorbeiziehende Hiker auf, doch ein grösseres Paar Schuhe für mich haben sie natürlich nicht dabei. Jeder packt seinen Rucksack so leicht wie möglich. Trotzdem ist er mit Zelt, Schlafsack und -matte sowie Essen schnell 20 Kilogramm schwer.

Dann Meine Erlösung: ein paar hässlich verlatschte Männerschuhe in Grösse 45. Gefunden habe ich sie in einer Hiker-Box. Diese stehen oft in Dörfern am Wegrand. Wanderer deponieren darin nicht mehr benötigtes Material. Ohne zu zögern, packe ich meine neuen Mammut-Schuhe in die Kiste und ziehe mit den übergrossen Latschen und im Yeti-Schritt weiter. Die Schmerzen sind noch immer fast unerträglich, doch meine Füsse haben mehr Platz und ich weiss, in 30 Kilometern erreiche ich Mount Laguna. Ein Nest mit einem Lädeli. In diesem türmen sich Trekking-Utensilien – auch Schuhe.

Nach drei Tagen bin ich dort und ein Paar Pinkfarbene passt. Das Glücksgefühl hält aber nur kurz. Ein Schneesturm zieht auf. Verfroren wärme ich mich wie andere Hiker an einem Lagerfeuer auf dem San Jacinto Peak. Ich kaure mich neben Tod. Er ist 41 und kommt aus San Francisco. Erst viel später sagte er: «So wie du da aussahst, habe ich dir keinen weiteren Tag zugetraut. Zitternd vor Kälte und mit riesigem Rucksack.»

Seit diesem Abend sind wir Hiking-Partner. Morgens um sieben stehen wir auf und ziehen dann los, meist acht Stunden. So erreichen wir einen Tagesschnitt von 35 Kilometern. Kurz nach neun falle ich todmüde in den Schlafsack. Das Zelt nutze ich meist als Kopfkissen. Zu schön ist der Sternenhimmel.

Natur pur, das suche und finde ich. Wer die Welt im Schritttempo wahrnimmt, sieht nicht nur die augenfälligen Dinge, sondern hört auf einmal Geräusche, die man sonst ausblendet: den Klang des Windes, das Summen der Insekten, das Rauschen kleiner Bäche. Was mir ebenfalls passt: Mein Handy hat selten Empfang. Ich habe genügend Zeit, um über die Zukunft zu sinnieren, mit Hikern zu plaudern und Podcasts zu hören – Nahrung fürs Hirn brauche ich.

So alle fünf bis sieben Tage führt der Weg an einer Ortschaft vorbei. Dann ist es stressig; Essen einkaufen, duschen, ein Lebenszeichen nach Hause schicken und Kleider waschen. Mit dabei habe ich: ein T-Shirt, ein Hemd, eine kurze Hose, zwei Paar Socken und Unterhosen sowie eine Daunen- und Regenjacke.

Meinen Trott finde ich nach rund 40 Tagen oder 1000 Kilometern. Die Wüstenetappe liegt hinter mir, und ich erreiche das Nest Kennedy Meadows. Jetzt, am Fusse der High Sierra, beginnt die Bergstrecke. Bis auf 4000 Meter über Meer führt sie mich hinauf. Ich fühle mich wohl. Ich bin in heimischem Territorium angelangt. Die Aussicht von den Gipfeln ist atemberaubend schön.

Im Hochgebirge erhalte ich auch meinen Hiker-Spitznamen. Diesen geben sich die Wanderer gegenseitig. Mich rufen sie «The Machine». Denn ich habe es bis hierher ohne fremde Hilfe durchgestanden. Ich verzichtete auf Wasserreserven von sogenannten Trail-Angels. Das sind freiwillige Helfer, die an gewissen Wegpunkten die Hiker mit kühlen Getränken oder Süssigkeiten unterstützen. Ich fülle meine Wasserreserven an Bächen und Tümpeln auf. Den Filter brauche ich selten. Mein Magen ist ziemlich resistent geworden.

Ich bin angekommen in der Wildnis. Trotz Hitze. Trotz Kälte. Wie in Trance setze ich jeden Tag einen Fuss vor den anderen. Es ist fast wie fliegen. Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit. Die Blasen an den Füssen sind geheilt. Ich habe keine Beschwerden, nur ab und zu etwas schwere Beine. Es ist mir nie darum gegangen, mir oder jemandem anderes etwas zu beweisen. Ich bin einfach gerne in der Natur. Und weil ich von nichts und niemandem abhängig sein will, bin ich ohne Velo, Ski oder Pferd losgezogen. Ich will wissen, wie es ist, auf mich allein gestellt zu sein.

Meine längste Tagesetappe beträgt 90 Kilometer. An diesem Abend habe ich mir in einem Hotel ein Steak und Pommes gegönnt. In den Tag starte ich meist mit drei Portionen Oatmeal, einem Haferbrei. Zum Znüni gibt es ein Snickers sowie drei Farmer-Stängel und zum Zmittag ein Bagel mit Streichkäse und Trockenfleisch. Zum Zvieri gönne ich mir eine Packung Chips oder Salzbrezel. Den Tag runde ich mit zwei, bis drei Portionen Instant-Nudeln ab. Manchmal wünsche ich mir auch einen Cervelat oder ein Stück Schweizer Brot. Der Weg fordert Entbehrungen, dafür bekomme ich ein grosses Vertrauen in mich, in die eigene Kraft. Auch begegnen mir Menschen, deren Herzlichkeit ich nie vergesse.

Am 151. Tag stehe ich an der kanadischen Grenze. Ich setze erst den einen und dann den anderen Fuss darüber. Geschafft! Fünf paar Schuhe habe ich durchgelaufen, 200 Snickers gegessen und vier Bären gesehen. In Vancouver begrüsst mich ein Obdachloser mit einem High Five. Ich bin glücklich und traurig zu gleich. Es ist eingetroffen, was ich immer geahnt habe. Es hat mir zu gut gefallen. So gut, dass ich diesen Sommer wieder losziehe. Mein Ziel: Einmal quer durch Island, in drei Wochen.»

Aufgezeichnet von Redaktorin Fabienne Riklin, der Schwester von Natalie Riklin.

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