Nein, ich habe keine Wette verloren. Ich bin einfach ein bisschen verrückt. Ziemlich skifanatisiert. Und etwas abenteuerlustig. In 14 Tagen will ich 13 verschiedene Skigebiete besuchen. Einige kenne ich. Andere will ich endlich kennen lernen. Ich freue mich auf unzählige Carvingschwünge und viele Begegnungen mit bekannten und unbekannten Menschen. Wer weiss, vielleicht ist ja sogar die Traumfrau darunter?

Endlich geht es los. Von Graubünden über das Berner Oberland bis quer durchs Wallis. Halte ich das durch? Ist es eine gute Idee, jeden Tag weiterzuziehen, ohne Rast, ohne Ruhe? Oder hat Mama doch recht, wie sie mir ein kleines «Bist du wahnsinnig?» entgegen- schmettert, als ich ihr von meinen Plänen erzähle?

Die Packliste ist ein letztes Mal kontrolliert. Ich schnappe mir noch einen Film, könnte ja sein, dass mir langweilig wird. Auch das Buch mit Commissario Brunetti ist dabei. Vielleicht ist sein Fall bis in zwei Wochen gelöst. Ich fahre los. Aber richtig fröhlich bin ich nicht.

Liegt es am Regen, der schon wieder fällt, der viel zu viel fällt, vor allem in den Bergen? Im Autoradio trällert Justin Bieber «love yourself». Ich versuche es.

Der erste Abend in Davos. Es ist Super Bowl. Erst die Pouletflügeli-Party, dann das Spiel. Es dauert viel zu lange. Um 4.27 Uhr schaue ich ein letztes Mal auf die Uhr, bevor ich zur Unterkunft zurückgehe. Gut drei Stunden später klingelt schon der Wecker. Ich will die Sonne nicht verpassen.

Nicht alle haben Spass auf der Piste. Ein Jüngling im Schnee ruft: «Mami, ich chann nümm ufstah. Es gaht eifach nöd! Ich will nüme skifahre!» Die Mutter entgegnet in ansteckender Gelassenheit: «Lueg mal ufä, diä händ extra dä Sessellift abgstellt, damit du en Fanclub häsch bim Ufstah.» Weiter gehts.

Im Après-Ski im Bolgen Plaza wird getrunken, genagelt, gewürfelt, getanzt und geknutscht ohne Ende. Die Zeit vergeht im Flug. Nur einmal gibt es kurz Ärger. Ein Tablett voller Schnäpse landet nach einer Kollision auf dem Boden. Barkeeper Florian ist es egal. Er will nicht nochmals auffüllen. «Soll doch der bezahlen, der in dich hineingelaufen ist», erklärt er dem verdutzten Gast mit leicht arroganter Miene. So ein Gebaren, das wäre Seigi Sterkoudis im «Pöstli» bestimmt nicht passiert.

Nach 12 Stunden in den Skischuhen tun die Füsse weh. Den Abend lasse ich im geheizten Bad des «Eau là là» ausklingen. Sogar Badehosen kann ich mieten. Die Seele baumelt. Welch grossartige Idee, so eine Reise!

Ich habe ja erwartet, dass in den 14 Tagen mein Auto irgendwann streiken wird. Schon am zweiten Tag ist es so weit. Ein Blick ins Handbuch beruhigt mich ein wenig. Es scheint nur an der Zeit, Öl nachzufüllen. Der nette Mann von Renault stellt meinen Audi wieder her.

Der Schnee in St. Moritz ist grossartig. Ein Jahr noch, dann findet hier endlich wieder eine Ski-WM in der Schweiz statt. Der freie Fall, dieser Wahnsinns-Start der Männer-Abfahrt sieht imposant aus. 100 Prozent Gefälle. Von 0 auf 140 km/h innerhalb von sechs Sekunden. Ich müsste wohl den Stemmbogen auspacken.

In der Berghütte komme ich ins Gespräch mit netten Aargauern. Wenn ich ihnen so zuhöre, wie sie über ihre Faszination Handball reden, so würde ich am liebsten gleich selbst in der Halle stehen. Ich nehme mir vor, auch einmal über die jungen hoffnungsvollen Handball-Talente zu schreiben.

Am Abend der erste «Magic Moment». Nach einem wunderbaren Chateaubriand mit noch viel wunderbarerem Wein hoch oben auf «Muottas Muragl» lösen sich die Wolken plötzlich wie von Geisterhand auf. Die Lichter über St. Moritz kommen zum Vorschein. Die Berge strahlen, trotz tiefstromantischer Dunkelheit.

Der Tag danach beginnt mit Morgensport. Auto ausbuddeln. Die Fahrt über den Julier ist anspruchsvoll. Auf der Lenzerheide angekommen, sehe ich immer noch keinen Meter weit. Was habe ich mir den ganzen Winter diesen Schnee gewünscht! Und ausgerechnet jetzt, wo ich doch nur Sonne will, kommt die weisse Pracht in ungeahnter Menge. Ich klemme mich in den Allerwertesten und stürze mich gleichwohl in den Sturm. Es lohnt sich. Kaum bin ich unterwegs, drücken die Sonnenstrahlen durch die Wolken. Es werden wunderbare Stunden mit viel Pulverschnee.

Hinter dem Drehkreuz der Sesselbahn wartet Fabian Hofer. Er ist Pisten-Security und kontrolliert die Ski-Pässe aller Gäste. «Sie glauben kaum, wie viele Leute mit irgendwelchen Tickets fahren. Mit dem Saisonabo der Tante oder einer Karte für Jugendliche, obwohl sie schon viel älter sind.» Die Busse beträgt 250 Franken. «Seit die Leute merken, dass wir kontrollieren, sinken die Vergehen drastisch», sagt Hofer.

Der nächste Morgen. Wumm. Die Erschöpfung trifft mich wuchtig. Aus dem Nichts heraus bin ich so platt, dass ich kaum aufstehen mag. Draussen die Sonne. Und ich muss im Bett bleiben. Ich bin enttäuscht über mich selbst. Zufall? Oder war das Programm tatsächlich schon zu anstrengend? Ich bleibe einen Tag länger im Hotel und muss meine Route kürzen. Andermatt und Engelberg fallen aus.

Schade. Wie gern hätte ich im Luxus-Hotel Chedi eine reiche Dame mit meiner Geschichte dieses Experiments entzückt und mir damit das Nachtessen erschlichen! Wie gern hätte ich am Samstag, an diesem Tag des Skilift-SpeedDatings in Rothenthurm auf dem Titlis dasselbe versucht!

Meine Kräfte kommen zurück, sobald ich wieder Schnee unter den Füssen habe. Die Pisten in Laax sind interessant, nur manchmal etwas überbevölkert. Sogar für den Après-Ski habe ich wieder Energie.

Schon ist es Samstag. Das war’s mit Graubünden. Im Radio läuft «Closing time». Ach nein, ein Tunnel, wie immer beim besten Song! Auf den Mond fliegen kann bald schon ein achtjähriges Kind, aber Radio hören im Tunnel? Unmöglich! Übrigens, die Tunnels kommen immer dann, wenn man ausnahmsweise dem Radio mal zuhören möchte. Achten Sie mal drauf!

Ich habe Zeit, meine Gedanken fliessen zu lassen. Wen auch immer ich getroffen habe, die Leute sind begeistert von meiner Idee – und erzählen mir sofort, was ich alles NICHT gesehen habe. Dafür renne ich den Dingen nicht hinterher. Ich lasse mich von meinem Instinkt leiten und kann jeden Moment geniessen, für den ich mich entscheide. Den Moment geniessen – sollte man ohnehin häufiger.

Ich habe fast eine Beziehung zu meinem Auto aufgebaut. Vieles liegt und bleibt im Auto. Jetzt fährt es mich wieder heim. Am Sonntagmorgen stehen – quasi als Ferienabwechslung – Unihockeyspiele auf dem Programm. Und auch die ersten Nebenwirkungen der zeitraubenden Reise kommen auf. Ich erhalte ein erbostes SMS, ich solle mich gefälligst häufiger melden, drei Tage ohne Antwort, das könne nicht sein! Es waren zwar nur zwei Tage, aber egal, ich gelobe Besserung.

Woche zwei beginnt im Berner Oberland. Was für die Profis Lauberhorn und Chuenisbärgli ist, stellt für meine Begleiter und mich die Talabfahrt nach Grindelwald dar.

Ein Rennen unter Freunden. Die Beine brennen, die Sicht ist miserabel, aber Rennen ist Rennen, keiner gibt auf. Sorry liebe Anfängerinnen und Anfänger, wenn wir zwischen euch durchgezischt sind. Sogar eine Strasse quere ich auf den Ski – es ist der entscheidende Schachzug zum Sieg.

Am Sessellift zum Chuenisbärgli hat einer tatsächlich ein ungebrauchtes, mit Schnee gefülltes Kondom um den Sicherheitsbügel gebunden. Das sind wohl die Nebenwirkungen, wenn das Skirennen abgesagt werden muss.

Wir sehen den ganzen Tag kaum bis zur Nasenspitze. Aber – dieses Gesetz gilt immer – irgendwann kommen die 90 sensationellen Minuten. Plötzlich, kurz vor Lenk, zeigt sich die Sonne doch noch.

Das Jassen kommt trotzdem nicht zu kurz. Den ersten Bergpreis des Tages taufen wir spontan zu Adelbodens Ehren «Chuenisbärg» – er wird doppelt so hoch vergütet wie sonst. Das Glück ist mir nicht hold.

Im Wallis schwindet meine Energie allmählich. Anstatt die Schönheit der Berge sehe ich plötzlich an jeder Ecke Liegestühle und Bars. Das Wellness-Hostel in Saas-Fee kommt gerade zur rechten Zeit. Die Zeit im Jacuzzi vergeht viel zu schnell. Als der Abend mit dem Champions-League-Spiel Paris - Chelsea zu Ende geht, übernimmt Kommissar Zufall. Der einzige Arbeitskollege aus Saas-Fee ist ausgerechnet jetzt zu Hause. Er führt mich noch ein bisschen durch das heimelige Dorf. Zum Glück muss er arbeiten am nächsten Tag. So bleibt alles im grünen Bereich.

Next step: Matterhorn. Ich gestehe – welch’ Schande! – ich war noch nie in Zermatt. Endlich ändert sich das. Zu Beginn genehmige ich mir eine ElektroTaxi-Fahrt ins Hostel. Selbst für mich als ganz grossen Taxi-Fan ist das noch etwas Spezielles. Miguel gibt detailgetreue Tipps, wo die schönsten Walliserinnen feiern, ich fotografiere derweil das Matterhorn am Horizont.

Am Morgen danach holt mich Jenny, meine Skilehrerin, beim Hostel ab. In Grindelwald in einer Skilehrer-Familie aufgewachsen, ist sie das erste Jahr in Zermatt. Sie hat bei «Stoked Snowsports» einen so guten Eindruck hinterlassen, dass sie ins Team aufgenommen wurde, obwohl es bereits voll war. «Stoke?», denk ich mir, «dann bin ich jetzt hoffentlich mit der Xherdan Shaqiri der Skipisten unterwegs.» Und wie! Jenny deckt jeden meiner zahlreichen Mängel gnadenlos auf. Ich muss mich zwingen, zwischen den Anstrengungen ab und an das Matterhorn zu geniessen. Nach drei Fahrten beginne ich zu überlegen, ob das letzte (und vorletzte) Bier am Abend zuvor in der Bar wirklich nötig war. Wobei: Bei dieser ausgelassenen Stimmung wäre es jedem schwergefallen, früh nach Hause zu gehen.

Gibt es so etwas wie einen Hammermann bei dem Experiment? Nach diesen 24 Stunden in Zermatt ist es so weit bei mir. Und nun noch eine Nacht in einem Mehrbett-Schlafsaal in Crans-Montana? Unmöglich! Ich brauche ein wenig Luxus. Ich buche um. Welch’ Wohltat, ein eigenes Zimmer mit eigener Dusche. Und vor allem: Ich kann meine Kleider im Zimmer streuen, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen. Auch die Zeit zwischen 7 und 8 Uhr, diese Abfolge verschiedenster Weckklingeltöne, werde ich nicht vermissen. Nach dem Raclette ist für einmal früh Feierabend. Da können die roten Lämpchen vom Cabaret direkt neben dem Hotel noch lange grell leuchten.

Ein Wochenende noch. In Verbier bietet mir Zimmerpartner Dave Ohrenstöpsel an, «kann sehr gut sein, dass ich schnarche». Dann erzählt er mir, wie, wo und warum er in wie grosse Lawinen kam. Viel von den Pisten in den «Quatre Vallées» sehe ich nicht. Ich sitze im Restaurant, schaue den Schneeflocken zu. Und spüre eine innere Müdigkeit. Trotzdem kommen mir immer wieder die Tipps von Skilehrerin Jenny in den Sinn.

Meine Reise neigt sich dem Ende zu. Wie schön ein letzter Sonnentag zum Schluss wäre. Nach fast 1000 Autokilometern und nicht ganz so vielen auf der Piste ist klar: Das Experiment bleibt einzigartig. Ein nächstes Mal würde ich mindestens zwei, eher drei Tage am gleichen Ort bleiben. Und immer am Morgen weiterreisen. Damit etwas mehr Zeit zur Erholung bleibt. Und etwas mehr Raum, um sich auf die verschiedenen Orte einzulassen.

Natürlich blieben Film und Buch in der Tasche. Auch dank den vielen wunderbaren Menschen, bekannte und unbekannte, die mir in den letzten 14 Tagen Gesellschaft leisteten. Ich nehme Erinnerungen für die Ewigkeit mit. Aber zuerst einmal muss ich mich von den Strapazen erholen. Ich melde mich ab. Auf die Philippinen. 30 Grad.

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