Letzter Arbeitstag, Abschiedsapéro, Rentnerdasein: So verlaufen immer noch viele Pensionierungen. Eine verpasste Chance, findet Martina Zölch, Leiterin des Instituts für Personalmanagement und Organisation an der FHNW: «Anstatt sich starr am ordentlichen AHV-Alter zu orientieren, sollten Unternehmen und Beschäftigte die Jahre um die Pensionierung als Phase des Übergangs betrachten und bewusst gestalten.» Es gibt in der Privatwirtschaft bereits Formen flexibler Arbeitsmodelle. Das zeigt eine Untersuchung der Hochschule für Wirtschaft und der Hochschule für Angewandte Psychologie der FHNW. Im Rahmen der Strategischen Initiative Alternde Gesellschaft befragten die Forschenden Beschäftigte ab 55 Jahren in Unternehmen diverser Branchen, darunter Industrie, Pharma, Lebensmittel und Ingenieurwesen (siehe Box «Statt Pensionierung»).

Fit für den demografischen Wandel

Zölch begrüsst diese Entwicklung, denn so liessen sich Mitarbeitende motiviert und leistungsfähig im Betrieb halten. Und mit 65 muss noch lange nicht Schluss sein, wenn beide Seiten einverstanden sind. Schon heute bleibt in der Schweiz jede und jeder Sechste im Rentenalter erwerbstätig. Man mag das gut finden oder nicht – in den kommenden Jahren werden Unternehmen auf das Expertenwissen der Älteren schlicht nicht mehr verzichten können, ist Zölch überzeugt: «Es gilt, sich für den demografischen Wandel fit zu machen.» Die Babyboomer – die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge bis 1964 – gehen in Rente. Gleichzeitig kommen weniger Junge nach. Ohne Zuzüger aus dem Ausland wird die arbeitende Bevölkerung abnehmen. Im ausgetrockneten Arbeitsmarkt werden der Wirtschaft Fachkräfte fehlen, «vor allem dort, wo es Spezialwissen braucht», sagt Zölch.

Vorurteile ablegen

Warum also nicht das brachliegende Potenzial von immer mehr qualifizierten über 65-Jährigen (Ü-65) nutzen? Arbeit nimmt in deren Leben einen grossen Stellenwert ein, und sie möchten im Alter mehr als nur noch wandern und reisen. Heutige «Silver Workers» sind meist bei guter Gesundheit und widerlegen das gängige Altersstereotyp des Arbeitsmarkts – nicht belastbar, abgelöscht, wenig innovativ – mit links. «Wir beobachten, dass die Bereitschaft steigt, weiterhin tätig zu sein», sagt Zölch, nicht nur in der Freiwilligenarbeit, sondern auch im angestammten Beruf. Ausgeprägtes Interesse am Fachgebiet, in dem man sich à jour halten will, und der Wunsch, Wissen an die jüngere Generation weiterzugeben, sind zwei Beweggründe unter vielen.

Mehr Systematik wünschenswert

Noch existieren allerdings kaum Leitlinien und Reglemente für die Flexibilisierung der Pensionierung, gerade in KMU. Meist werde eine Weiterbeschäftigung individuell zwischen Führungskraft und Mitarbeiter ausgehandelt, stellt Zölch fest. Sie fände mehr Systematik wünschenswert. Denn sorgfältig aufgegleist seien flexible Arbeitsmodelle eine Win-win-Situation. Die Älteren können sich, unter angepassten Arbeitsbedingungen, weiter einbringen. Und die Unternehmen sichern sich gezielt das Know-how und die Netzwerke jener, die die Firma bestens kennen.


«Mädchen reagieren mit heller Begeisterung für die Technik»

Marla Landolt von der Hochschule für Technik FHNW motiviert Kinder und Jugendliche mit Schnupperangeboten für technische Berufe. Diese sind längst keine reine Männersache mehr.

Sie sind an der Hochschule für Technik FHNW für Nachwuchsförderung zuständig. Was ist darunter zu verstehen?
Marla Landolt: Wir engagieren uns stark in der Nachwuchsförderung für die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Zahlreiche Studien zeigen, dass sich Mädchen und Knaben schon früh für Technik interessieren und sich für ein Ingenieurstudium begeistern lassen. Deshalb investieren wir viel Zeit und Energie in Angebote für Kinder und Jugendliche.

Interessieren sich Knaben mehr für Technik als Mädchen?
Ja, das ist so. Ich glaube, der Gründe sind viele, aber die Vorstellung von Rollenstereotypen fängt früh an. Es bestehen Gender-Vorurteile, denen Kinder in der Familie, im Fernsehen oder in der Werbung ausgesetzt sind. Die Erfahrungen aus unseren zahlreichen Nachwuchsprogrammen zeigen jedoch: Wenn ein Mädchen an einem Motivations- und Schnupperangebot teilnimmt, reagiert es mit heller Begeisterung für die Technik. Eigentlich gilt das für alle Jugendlichen – vor allem für jene, die zu Hause wenig mit Technik zu tun haben.

Achten Sie bei den Angeboten darauf, dass die Teilnehmerinnen nicht in der Minderheit sind?
Sehr, wobei unsere Angebote für alle offen sind. Es gibt aber auch geschlechtsspezifische Angebote wie die Studienwoche girls@science in Zusammenarbeit mit «Schweizer Jugend forscht». Die Mädchen können dabei von Dozentinnen und Studentinnen der Hochschule für Technik lernen, wie sie ein Spiel oder die Steuertechnik eines Roboters selber programmieren. Dem männlichen Image der Technik kann mit weiblichen Vorbildern begegnet werden.

Warum sind Sie Informatikerin geworden?
Das war Zufall. Ich arbeitete in einem interdisziplinären Medizinalteam in Houston, Texas, wo der Computerhersteller Compaq damals zu Hause war. Es entstand ein gemeinsames Projekt, und ich wechselte die Seiten.

Mehr Frauen in technischen Berufen könnten den Fachkräftemangel entschärfen. Was tut die Hochschule für Technik in Sachen Frauenförderung konkret?
Vieles, etwa mehr Dozentinnen anstellen. Als Vorbilder sollten beide Geschlechter ausgeglichen vertreten sein – ähnlich, wie es in der Primarschule mehr männliche Lehrpersonen braucht. Wir haben das Marketing für die Zielgruppe weibliche Studierende und Quereinsteiger/-innen intensiviert. Wir bieten flexible Studienmodelle an, berufsbegleitend und Teilzeit. Wir vermitteln in unseren Studiengängen ein modernes, kreatives Bild der Technik. Ein Beispiel ist die Informatik-Profilierung iCompetence, wo auch Design und Management gelehrt wird – der Frauenanteil beträgt einen Drittel. Wir unterstützen Studentinnen in ihrer Laufbahnplanung und helfen beim Networking: Unsere Hochschule ist Fördermitglied der Schweizerischen Vereinigung der Ingenieurinnen.

Der einsame Tüftler oder die interdisziplinäre Teamplayerin: Welcher Typ ist in technischen Fächern eher gefragt?
Weder noch, es braucht beide. Und grundsätzlich passen Frauen überall gleich gut hin, vor allem als Teamplayerinnen.
(FHNW)

MINT-Sommercamp: Eine Lagerwoche für kleine Erfinder

Die Hochschule für Technik FHNW führt verschiedene Nachwuchsförderungsprojekte durch, oft in Zusammenarbeit mit Unternehmen oder nationalen Partnerorganisationen. Als Nächstes steht das MINT-Sommercamp an. Es ist Teil der Strategischen Initiative EduNaT, eines Forschungsprogramms der FHNW, das Erkenntnisse darüber liefern soll, wie man das Interesse an naturwissenschaftlich-technischen Fächern steigern könnte. EduNaT soll helfen, den Fachkräftemangel im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu beheben.
Zwei Dutzend Kinder im Alter von acht bis elf Jahren können auf dem FHNW- Campus Brugg-Windisch Campus Brugg- Windisch im August eine Woche lang nach Lust und Laune experimentieren. Zum Beispiel bauen und programmieren sie einen Lego-Roboter und lösen mit ihm verschiedene Aufgaben. Die Workshops werden von Dozierenden der Hochschule für Technik FHNW und der Pädagogischen Hochschule FHNW entwickelt und zusammen mit Studierenden durchgeführt. Für die Betreuung der Kinder stossen Studierende der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW hinzu. So fördert die FHNW nicht nur das MINT-Interesse, sie geht auch punkto Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit gutem Beispiel voran. Das erste Sommercamp 2016 war ein Erfolg. «Das Feedback war sehr positiv», sagt Marla Landolt, an der Hochschule für Technik FHNW für Nachwuchsförderung zuständig. Im nächsten Camp vom 7. bis 10. August sind noch wenige Plätze frei, Anfragen nimmt Landolt bis Ende Juni per Mail an marla.landolt@fhnw.ch entgegen.
FHNW