VON CLAUDIA MARINKA

Wer nicht will, der muss nicht: Seit dem 1. April ist es ein Kinderspiel, dem Militärdienst zu entkommen. Neu gilt das vereinfachte Verfahren des «Tatbeweises», um zum Zivildienst zugelassen zu werden. Das heisst: Männer, die statt Militär- lieber Zivildienst leisten möchten, müssen ihren Willen nicht mehr begründen.

Das grosse Interesse am Zivildienst hat jetzt Konsequenzen beim Angebot: «Wir werden 18 Feststellen neu schaffen und besetzen. Die Zahl der aktuell 2000 Einsatzbetriebe mit 6300 Einsatzplätzen soll verdoppelt werden», sagt Samuel Werenfels von der Zivildienstvollzugsstelle beim Bund. Die 18 neuen Arbeitsplätze seien vorläufig bis Ende 2010 befristet.

«Massgeblich für unsere Handlungsfähigkeit ist nicht die Zahl der Einsatzbetriebe, sondern die Zahl der Einsatzplätze. Die Suche nach neuen Einsatzmöglichkeiten muss Rücksicht nehmen auf das bisherige Portfolio der anerkannten Einsatzbetriebe», sagt Werenfels.

Insgesamt wollten von Januar bis Ende August 4312 Personen statt Militärdienst Zivildienst absolvieren – im Vergleich zum Vorjahr (1344 Gesuche bis Ende August) sind dies mehr als dreimal so viel. Allein im Juli gingen 797 Gesuche ein, im August waren es 508. An Spitzentagen verzeichnete die Zivildienstvollzugsstelle in diesen beiden Monaten bis zu 59 Gesuche.

Die noch unveröffentlichte Auswertung der Zivildienstvollzugsstelle zeigt: Die Armee hat ein riesiges Problem beim Nachwuchs. 9 Prozent der Gesuche werden bereits vor der Aushebung eingereicht. Die übrigen 91 Prozent der Gesuchseinreichungen gehen nach der Stellungspflicht ein – und teilen sich wie folgt auf:

25 Prozent der Rekruten stellten das Zulassungsgesuch vor der RS, umgerechnet sind das 981 junge Männer.

18 Prozent haben während der RS ein Gesuch für den Zivildienst eingereicht, das sind 706 Rekruten.

48 Prozent stellten den Antrag nach der RS. Darin sind alle Jahrgänge enthalten.

Demzufolge betreffen total 43 Prozent der 2009 eingereichten Gesuche junge Männer, die erst gar nicht in die RS einrücken wollen – oder solche, die während der RS in den Zivildienst wechseln wollen. «Im Juli war RS-Beginn.

Die Zunahme der Gesuche gegenüber Juni ist im Wesentlichen durch Gesuche aus den Rekrutenschulen zu erklären», sagt Werenfels. Das überdurchschnittlich grosse Interesse schlägt sich auch in der Beratungsstelle für Militärverweigerung und Zivildienst nieder. Leiter Piet Dörflinger: «Wir haben 200 Anfragen pro Monat für den Zivildienst.»

Das VBS hat an der Abwanderung der wehrdiensttauglichen Soldaten keine Freude. «Der Chef der Armee zeigt sich über die starke Zunahme von eingereichten Gesuchen zum Zivildienst insofern besorgt, als einzelne Armeeangehörige die neue Formalität des Zulassungsverfahrens während des Wehrdiensts nutzen, um aus unhaltbaren Gründen den Militärdienst zu quittieren.

Die Armee verliert dadurch zu viele Soldaten. Die politische Stimme spricht aber auch hier das letzte Wort», sagt VBS-Sprecher Christian Burri.

SVP-Nationalrat Thomas Hurter hat einen Vorstoss eingereicht, der die Wiedereinführung der Gewissensprüfung fordert. Die Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrats wird an seiner nächsten Kommissionssitzung im November darüber beraten.