Den «Russefrynd» nennen sie ihn am Gotthard. In der Dorfmetzgerei von Ferdinand Muheim im Zentrum von Andermatt ist Moskau nicht weit. Zwischen seinem Meisterdiplom und einem Fuchsfell hängen die Orden, die Muheim schon erhalten hat. Den Orden der Freundschaft, vulgo: Putin-Orden (überreicht von Aussenminister Lawrow). Den Lenin-Orden. Den Orden des Patriarchen von Moskau («als erster Schweizer!»).

Als Muheim noch Gemeindepräsident war, beging Andermatt das Jubiläum «200 Jahre Feldzug des russischen Generals Suworow gegen Napoleons Franzosen». Damals knüpfte Muheim zu Russland Kontakte, die immer enger wurden. Inzwischen hat der 63-Jährige sogar den orthodoxen Glauben angenommen, auf dem Armaturenbrett seines Mercedes kleben drei russische Ikonen. Am 9. Mai reist Muheim wieder nach Moskau zur jährlichen Siegesparade auf dem Roten Platz.

Zuerst kümmert sich der Metzger aber um den russischen Besuch, der an diesem Freitag in Andermatt ankommt. Während sich der Konflikt in der Ostukraine täglich zuspitzt und die dortige Regierung vor einem «dritten Weltkrieg» warnt, empfangen Schweizer Politiker eine hochrangige Delegation aus Moskau, angeführt vom Vizepräsidenten des russischen Oberhauses, Yuri Vorobiew. Mit dabei sind ehemalige Weltstars der russischen Eishockey-Nationalmannschaft, die tags darauf in Bellinzona ein Freundschaftsspiel gegen Veteranen des HC Ambri-Piotta austragen.

Die Rückkehr des Kalten Kriegs? Nicht hier oben in Andermatt.

Am Suworow-Denkmal in der Schöllenenschlucht, in der 1799 Hunderte Soldaten den Tod fanden, versammeln sich die Gäste, um einen Kranz niederzulegen. Der Feldherr des Zaren galt den russischen Revolutionären als Symbol eines autoritären Regimes, wird aber seit Stalins Zeiten wieder stark verehrt – und das nicht nur von Russen. «Die Franzosen waren unsere Besetzer», ruft der Urner Landammann Josef Dittli der Delegation zu. «Ihr Russen habt uns befreit! Suworow ist auch unser Held.»

Kurz zuvor, in einer Lounge des Luxushotels Chedi. Gipfeltreffen der russischen Parlamentarier mit dem Mann, der die Reise eingefädelt hat: Filippo Lombardi. Der Tessiner CVP-Ständerat und Ambri-Piotta-Präsident sitzt vor den Flaggen beider Länder und sagt, die Spannungen in der Ukraine belasteten die Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland nicht. «Es kann nicht sein, dass wir politische Brücken abreissen, sobald eine Krise da ist.»

Aussenpolitik in Konfliktzeiten ist für einen neutralen Staat ein heikles Gelände. Jede Einladung, jede Äusserung hat das Potenzial, als Positionsbezug gewertet zu werden. Ist es unsensibel, sich mit einem derartigen Empfang einer Konfliktpartei zu exponieren? Ist die Diplomatie nicht Domäne der Regierung? «Nein», sagt Lombardi. «Das Parlament sollte noch viel aktiver werden. Als Volksvertreter haben wir die Aufgabe, das Verständnis zwischen den Völkern zu fördern.» Auch die Urner Regierung sieht im Empfang der Russen kein Problem. «Wir machen keine Aussenpolitik in Uri», sagt Landammann Dittli. «Wir ehren die traditionell engen Bande Russlands zu unserem Kanton.»

Lange war allerdings unsicher gewesen, ob die Treffen überhaupt stattfinden würden. Erst nach dem Genfer Abkommen vor Ostern, das eine Deeskalation der Lage zum Ziel hatte, wurde die Reise der Delegation bestätigt. Umgesetzt wurde das Abkommen, das neben dem Gewaltverzicht die Entwaffnung aller illegalen Kräfte festhält, bis heute nicht. «Der Schlüssel für die Umsetzung der Genfer Beschlüsse liegt in Kiew», sagt dazu Vorobiew, der Vizepräsident des Oberhauses.

Der zweite hochrangige Parlamentarier, den Lombardi in die Schweiz gebracht hat, will Sport und Politik verbinden. Wjatscheslaw Fetissow galt einst als der härteste Eishockey-Verteidiger überhaupt, nach seinem Rücktritt machte ihn Putin zum Sportminister. In der Lounge des Chedi gibt sich Fetissow milde: Er freue sich auf das Freundschaftsspiel in Bellinzona, an dem Parlamentarier aus Russland und der Schweiz mit Vertretern der Ukraine zusammenkommen. «Hockey-Diplomatie war schon früher wichtig. Jetzt ist die Zeit erneut da.»

Auch Metzger Muheim nimmt am anschliessenden Abendessen in Andermatt teil. Seit Beginn des Konflikts in der Ukraine werde er von Leuten angegangen, die ihm sagten: «Ferdi! Tu was! Sprich mit Putin!» So gross ist indes nicht einmal Muheims Beziehungsnetz. Auch ihm mache die Krise Sorgen, aber klar sei: Je mehr Druck der Westen aufsetze, desto gefährlicher werde die Lage. Von seinen regelmässigen Besuchen wisse er: «In Russland ist Putin beliebt wie nie.»

Zumindest Muheim kann man Einseitigkeit nicht vorwerfen: Er mag alle Russen. Vor einigen Monaten war Garri Kasparow hier, der frühere Schachweltmeister und heutige Oppositionelle, den die russischen Behörden wiederholt in Haft gesetzt haben. Muheim ass mit ihm zu Mittag: «Ein sehr netter Mann.»

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