Für SP-Präsident Christian Levrat, der das Schachspiel liebt, ist das Bundeshaus ein grosses Schachbrett. «Niemand im Parlament kann ihm strategisch annähernd das Wasser reichen», sagen Parteifreunde wie -feinde. Doch jetzt ist der gewiefte Stratege in der Defensive. Im Kanton Freiburg greift die SVP im zweiten Ständeratswahlgang seinen Sitz mit Jean-François Rime an. Verpasst Levrat die Wiederwahl, ist er schachmatt – und fliegt jäh aus dem Parlament.

Dort steht Levrat mit seiner Partei unabhängig von den persönlichen Sorgen vor einem Scherbenhaufen. Landauf, landab trommelte Levrat im Wahlkampf gegen den drohenden Rechtsrutsch im Parlament und warnte vor einer rechtsbürgerlichen Bundesratsmehrheit. Es ist gekommen, wie Levrat befürchtet hat – nur noch schlimmer.

Wie schlimm, das zeigt zum Beispiel ein Blick auf die Zusammensetzung der Aussenpolitischen Kommission (APK) des Nationalrats. Dort braucht die SVP in der kommenden Legislatur nur zwei zusätzliche Stimmen aus dem bürgerlichen Lager, um sich die Mehrheit zu sichern. «Die geschwächte Linke wird im Nationalrat kaum noch etwas bewegen können», fürchtet Juso-Chef und SP-Vizepräsident Fabian Molina. Der Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth spricht von einem «eingetroffenen Worst-Case-Szenario». Der Rücktritt von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf hat die SP-Wahlschlappe definitiv besiegelt. Nicht nur kostet der Einbruch der neuen Mitte Levrat entscheidende Bauern auf seinem Polit-Schachbrett, die ihm als Mehrheitsbeschaffer dienten. Mit Widmer-Schlumpf verliert er auch die stärkste und beweglichste Figur beim Schachspiel: die Dame.

Mit dem vorzeitigen Ende des Machtpokers um den zweiten Bundesratssitz der Mitte setzt bei der SP die Aufarbeitung der Wahlniederlage ein – befeuert von Aussagen des im ersten Wahlgang brillant gewählten Zürcher SP-Ständerats Daniel Jositsch. «Die SP ist zu einseitig links positioniert. Links von uns ist das Wählerreservoir verschwindend klein. Wir müssen rechts wachsen»», sagte er in der «SonntagsZeitung». Der Berner SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini reagierte via «Blick» sofort: «Jositsch irrt.» Auch Nationalrätin und SP-Vizepräsidentin Barbara Gysi (SG), die auf den Posten des abgewählten SP-Fraktionschefs Andy Tschümperlin aspiriert, sagt: «Ich bin gegen einen Mittekurs».

Parteistrategen halten Auseinandersetzungen um die Links-Rechts-Positionierung allerdings nicht für zielführend, um den anhaltenden SP-Kriechgang zu erklären. Vielmehr zeigen Auswertungen von Kanton zu Kanton: Je breiter die SP aufgestellt ist, desto besser das Resultat. Beispiel Luzern: Konsumentenschützerin Prisca Birrer-Heimo deckte den rechten Flügel ab, der frühere Juso-Chef David Roth den linken Flügel. Beispiel Zürich: Dort holte Ex-Botschafter Tim Guldimann bis ins bürgerliche Lager hinein Stimmen, während die ebenfalls gewählte Mathea Meyer links abräumte. Wo dieses Zusammenspiel nicht funktionierte, hat die SP verloren. Als Beispiele werden Baselland oder der Aargau genannt.

Co-Generalsekretärin Flavia Wasserfallen führt die wenigen SP-Erfolge mit Verweis auf die «Hoffnungsschimmer» Kanton Zürich und Luzern (je 2,1% Wählerzuwachs und Sitzgewinne) auf die Telefonmarketing-Kampagne der Partei zurück: «Dort, wo unsere Mitglieder überdurchschnittlich viele Wählerinnen und Wähler am Telefon erreicht haben, legten wir zu.» Ausgerechnet ihr Kanton ist ein Gegenbeispiel, das den tatsächlichen Trend besser abbildet: Zwar legte die SP auch in Bern 0,35% zu. Das überdeckt jedoch die krachende Niederlage der Berner SP in historischem Ausmass: Ohne die Städte hätte die SP im Kanton Bern über 7 Prozent verloren. «Bei der Mobilisierung auf dem Land haben wir noch Potenzial», sagt Wasserfallen. Sorgen macht ihr neben dem Stadt-Land-Graben vor allem der Einbruch bei den Jungen: «Wir haben erstmals bei den Erstwählern weniger Stimmen gemacht als die SVP. Das muss uns zu denken geben».

Einig sind sich parteiinterne Analytiker, dass die aktive Vermeidung des Asyl- und Flüchtlingsthemas im Wahlkampf ein Fehler war. «Mit Schweigen hat noch niemand Wahlen gewonnen», sagt Wermuth. Diese Kritik an der Wahlkampfstrategie ist verbreitet. Trotzdem wagt niemand, Präsident Levrat infrage zu stellen. «Für die nächsten zwei, drei Jahre sollte er Präsident bleiben, weil wir in der Führung Vakanzen haben.», sagt der Genfer SP-Nationalrat Carlo Sommaruga.

Auch die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran ist mit dem «inhaltlich eher lahmen SP-Wahlkampf» unzufrieden. In der «WOZ» kritisierte sie, die Linke beschränke sich in Migrationsfragen auf platte Appelle an die Solidarität: «Dabei kann ein Teil der Wählerschaft längst nicht mehr nachvollziehen, weshalb sie diese leisten soll.» Doch statt nur Kritik zu äussern, will Badran künftig in der Partei mehr Verantwortung übernehmen: «Ich denke ernsthaft über eine Kandidatur für das SP-Vizepräsidium nach», bestätigt sie Recherchen der «Schweiz am Sonntag».

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