Frau Bundespräsidentin, Sie wollten einst Journalistin werden.
Eveline Widmer-Schlumpf: Das ist so.

Sie sollten sich die erste Frage gleich selbst stellen.
(Überlegt) Weshalb bin ich zufrieden mit der Situation, obwohl ich etwas anderes erwartete?

Sie sprechen die Bundesratswahl an?
Ja. Man sah es mir wahrscheinlich an: Ich benötigte zwei Tage, bis mir wirklich bewusst war, dass es weitergeht. Das war ein Schlüsselerlebnis. Innerlich hatte ich mich darauf eingestellt, ab Januar wieder in Felsberg zu sein.

Und Sie hatten Ihr Leben als Alt-Bundesrätin genau geplant?
Für mich war das wichtig. Ich plane in der Tat auch Dinge, die neu sein könnten. Ich wollte nicht plötzlich im luftleeren Raum stehen und mich fragen: Wie geht es weiter? Sondern gleich eine neue Aufgabe haben, die spannend ist und mich fordert. Welche, will ich nicht sagen.

Man beschrieb Sie eher als strategisch sehr geschickt und machtbewusst, um Bundesrätin zu bleiben.
Als machtbewusste Strategin würde ich mich nicht bezeichnen. Ich habe mich noch nie an etwas festgeklammert.

Ist Ihre Familie sogar ein wenig traurig?
Mein Sohn und eine meiner Töchter empfinden so. Sie sagten immer, sie wünschten sich, dass ich wieder mehr zu Hause sei. Mir eilt ja der Ruf voraus, ich sei reine Berufsfrau und Politikerin. Das ist nicht der Fall. Ich habe ein sehr intensives Familienleben.

Sie ziehen ja neben drei eigenen Kindern auch zwei Nichten auf.
Ich habe mich einige Jahre auch um einen Neffen und eine Nichte gekümmert. Jetzt lebt eine Nichte bei uns.

Im Buch «Die Unbeirrbare» von Esther Girsberger und auch in Ihren Reden zeigte sich: Es war offenbar sehr schwer für Sie, mit den Dauerattacken der SVP zurechtzukommen.
Die Situation war belastend. Ohne meine starke und stabile Familie im Hintergrund hätte ich diese Zeit nicht durchgestanden. Ich musste auch einen Lernprozess durchmachen: dem Positiven mehr Gewicht zu geben als dem Negativen. Damit bekam ich die Situation in den Griff.

Können Sie, gerade als Bundespräsidentin, auf die SVP wieder einen Schritt zu gehen? Oder ist das für Sie unmöglich?
Ich hielt mit einzelnen SVP-Vertretern immer Kontakt in den letzten vier Jahren. Einige behandelten mich immer sehr korrekt und fair. Die SVP von heute ist aber nicht mehr dieselbe SVP wie vor 20 Jahren. Die SVP sollte wieder zur Partei werden, die konstruktiv mitarbeitet. Ich bin überzeugt, dass sie diesen Weg wieder gehen wird.

Mit einem SVP-Vertreter kommen Sie auf der persönlichen Ebene gut zurecht: mit Ihrem Bundesratskollegen Ueli Maurer.
Ich kann mit ihm gut diskutieren und arbeite mit ihm konstruktiv zusammen.

Im Buch «Die Unbeirrbare» sagen Sie, der Bundesrat rede in den Pausen auch über Eishockey. Sie wohl über den HC Davos und Maurer über Ambri-Piotta?
Ich bin natürlich HCD-Fan und war auch in der HCD-Stiftung für die Juniorenförderung. Eishockey-Fan bin ich noch immer. Nur ist es nicht mehr so spannend, sich als Bundesrätin ein Spiel anzusehen wie als Regierungsrätin. Damals konnte ich mit meinem Sohn noch in der Fankurve stehen.

Das können Sie nicht mehr?
Man will mich nicht mehr in die Fankurve lassen. Ich versuchte es vor drei Jahren. In der Fankurve ist die Atmosphäre halt ganz anders als auf der Tribüne. Der damalige HCD-Präsident Tarzisius Caviezel fand das aber nicht gut.

Sport und Musik sind zwei Ihrer Leidenschaften.
Vor allem Musik. Damit wuchs ich auf. Wir hatten eine Familienkapelle. Das führte ich mit meiner Familie weiter. Musik bedeutete mir immer sehr viel. Ich spiele aber inzwischen zu wenig gut, um mit meinen Kindern mitzuhalten. Das ist mein Pech. Immerhin erhalte ich von meinem Sohn, der Musik studiert, Spezialunterricht, damit ich nicht ganz abfalle. (Lacht)

Welche Instrumente sind in der Familienkapelle vertreten?
Unterschiedlichste. Völlig unorthodox. Klavier, elektronische Orgel, Handorgel, Klarinette, Trompete, Cornett, Gitarre, vorübergehend auch einmal eine Trommel. Wir spielten verschiedene Stilrichtungen, von Unterhaltungsmusik über Volkstümliches.

Der Bundesrat erhielt selbst von CS-Chef Brady Dougan sehr gute Noten. Die Zusammensetzung stimmt?
Ich denke ja. Das ist sicher auch ein Resultat von Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey, die sich sehr darum bemühte, dass unsere Diskussionen zu Resultaten führten, zu denen mehr oder weniger alle stehen konnten. Es waren Lösungen des Gesamtbundesrates. Nach der UBS-Geschichte und dem Libyen-Konflikt war der Bundesrat stark kritisiert worden. Daraufhin gaben wir uns neue Regeln.

Welche?
Einerseits bildeten wir Ausschüsse, die bestimmte schwergewichtige Fragen vorbereiten. Wir versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden und gehen dann damit in den Gesamtbundesrat. Wichtig ist: Wir kommunizieren und diskutieren, anders als früher, offen über wichtige Fragen, die sich in den einzelnen Departementen stellen. Andererseits spricht nur noch Vizekanzler André Simonazzi für die Bundesratsgeschäfte, und nicht mehr die einzelnen Departemente. Das trug viel zu einer geschlosseneren Regierung bei.

Welche Herausforderungen kommen 2012 auf die Schweiz zu?
Ganz stark beschäftigen wird uns die wirtschaftliche Entwicklung in Europa, die Entwicklung des Euro, die Stabilisierung des Euro. Je nach den Auswirkungen auf die Schweiz müssen wir Stabilisierungs- oder Konjunkturmassnahmen diskutieren. Wir gehen davon aus, dass wir in eine schwache Rezession geraten könnten. Das ist aber kein Grund, die Situation zu dramatisieren. Wir haben die Möglichkeiten, eine schwierige Zeit durchzustehen. Das taten wir schon in früheren Jahren. Wir werden es auch dieses Mal schaffen.

Das heisst: Die Regierung arbeitet an einem zweiten Massnahmenpaket?
Wir sind daran, Massnahmen vorzubereiten, die umgesetzt werden könnten, sollten wir uns in einer Situation befinden wie 2008 und 2009.

Die Regierung will wieder schrittweise Massnahmenpakete einführen?
Man muss bei solchen Massnahmen aufpassen, dass man nicht überreagiert. 2008 und 2009 setzte der Bundesrat Schritt für Schritt um, was gerade nötig war, häufte nicht Staatsschulden an, die er nicht mehr bewältigen kann. Das vom EVD in Zusammenarbeit mit dem EFD erarbeitete neue Programm sieht wieder Lösungen vor, die schrittweise umgesetzt werden können. Je nach Entwicklung werden wir in der Frühlingssession entsprechende Vorschläge unterbreiten.

Welche anderen Herausforderungen sehen Sie?
Eine zweite grosse Herausforderung ist der schrittweise Ausstieg aus der Kernenergie. Wir müssen jetzt eine offene politische Diskussion über die nötigen Massnahmen und auch über die Finanzierungsmöglichkeiten führen, wie dieser Ausstieg aus der Kernenergie verwirklicht werden kann. Ein dritter wichtiger Bereich ist der Sozial- und Gesundheitsbereich.

Die international schwierige Situation der Schweiz beurteilen Sie nicht als dramatisch?
Die Situation ist schwierig. Es gilt, einige wichtige Fragen zu klären. In Bezug auf die Diskussionen zwischen der EU und ihren verschiedenen Mitgliedstaaten haben wir nur wenige Möglichkeiten, direkt auf Lösungen einzuwirken. Im Falle der USA können wir aber selber einiges zu einer Lösung beitragen. Wir wollen die Situation mit den USA bereinigen. Der Finanz- und Werkplatz Schweiz muss berechenbar und sicher sein.

Wie beurteilen Sie die Chancen, den Konflikt mit den USA schnell zu lösen?
Die USA haben genauso ein Interesse an einer Lösung wie wir. Ich gehe davon aus, dass wir 2012 eine Lösung finden werden.

An der Bundespräsidentenfeier in Felsberg liessen Sie deutlich durchblicken, dass Sie nur noch vier Jahre im Bundesrat bleiben . . .
Das sagte ich so nicht. Was ich sagte war: In vier Jahren müsse Graubünden keine Feier vorbereiten. Graubünden organisierte dieses Jahr eine Feier, weil ich zur Bundespräsidentin gewählt wurde, und vor vier Jahren, weil ich neu in den Bundesrat gewählt wurde. Es würde mindestens fünf oder sechs Jahre dauern, bis ich wieder als Bundespräsidentin an der Reihe wäre.

Entscheidend wird in den nächsten vier Jahren die aussenpolitische Zusammenarbeit in der Regierung sein?
Sie ist sehr entscheidend. In den letzten zwei Jahren wurden verschiedene Geschäfte vom EDA und vom EFD gemeinsam betreut. Diese interdepartementale Zusammenarbeit funktionierte sehr gut. Ich bin überzeugt, dass dies auch so bleibt.

Dafür haben Sie selbst gesorgt. Auch Sie wollten Didier Burkhalter als Aussenminister.
Das ist so nicht korrekt. Ich sagte öffentlich, das sei eine gute Lösung. Er sei bei den intensiven Diskussionen der letzten zwei Jahre zum Beispiel um die institutionellen Fragen mit der EU dabei gewesen. Wir hatten Workshops und Klausurtagungen. Herr Burkhalter hat also die ganze Entwicklung miterlebt und kennt die wichtigen Fragestellungen.

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