Da stand er nun, der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, und sagte einen Satz, der in der Schweiz einem Sakrileg gleichkommt: Die direkte Demokratie berge auch Gefahren, nämlich dann, wenn Bürger über hochkomplexe Geschäfte zu entscheiden hätten. Die Empörung war so gross wie berechenbar. Ein ausländisches Staatsoberhaupt, das auf Staatsbesuch das politische System des Gastlands kritisiert: Das ist zumindest ungeschickt.

Keine zwei Tage später zeigte sich allerdings, dass sich tatsächlich Schatten über das Schweizer Staatswesen gelegt haben. Nur sind es ganz andere, als Gauck gemeint hatte. Die Analyse der Volksabstimmungen vom 9. Februar, die am Donnerstag veröffentlicht wurde, brachte Verstörendes ans Licht: Gerade einmal 17 Prozent der unter 30-Jährigen gingen stimmen – und das, obwohl es sich bei der Masseneinwanderungsinitiative um eine der wichtigsten Abstimmungen der letzten Jahre handelte.

Der faktische Boykott wirft die Frage auf, wie gesund ein politisches System ist, aus dem sich eine ganze Bevölkerungsgruppe verabschiedet hat. Erstaunen sollte die tiefe Beteiligung aber nicht. Seit Jahren nimmt der Anteil der stimmabstinenten 18- bis 30-Jährigen zu, wie eine Auswertung des Instituts GfS Bern zeigt. Noch 1992 gingen 73 Prozent dieser Altersgruppe an die Urne, als es um den EWR-Beitritt ging. Seither ist die Beteiligung dramatisch erodiert.

Den Tiefpunkt erreichte sie mit 9 Prozent bei der Abstimmung vom September 2012. Die Themen damals: Passivrauchen, Wohnen im Alter und Jugendmusikförderung. 10 Prozent der Jungen rafften sich auf, um am 8. Februar 2009 über die Personenfreizügigkeit abzustimmen. 10 Prozent waren es auch bei der Abstimmung über die Abzocker-Initiative. Besonders augenfällig ist das schwindende Interesse an europapolitischen Themen. «Das Generationenprojekt Europa ist nicht mehr», schreibt der Politologe Claude Longchamp.

Wer nach Gründen für das Desinteresse der Jungen sucht, hört viele Allgemeinplätze und Floskeln. «Wohlstandsmüdigkeit», stellen die einen fest, «Verunsicherung» die anderen. Und immer wieder lautet die Erklärung: Das politische Interesse nehme bei der U-30-Generation allgemein ab. Doch stimmt das wirklich? Vieles deutet darauf hin, dass sich vielmehr die Art und Weise verändert, wie junge Menschen Politik verfolgen: Sie machen es getrieben von der Aktualität und Ereignissen, und sie machen es so sprunghaft, wie heute auch die Politberichterstattung der Medien daherkommt.

Nirgends zeigt sich dieser neue Umgang mit Politik deutlicher als in den sozialen Medien. Junge Schweizerinnen und Schweizer verfolgen über ihre Facebook-Freunde mit Entsetzen, wie die Polizei in Istanbul Gummigeschosse und Tränengas in die Menge im Gezi-Park feuert. Sie teilen Links mit Videoclips, die demonstrierende Studenten auf dem Maidan-Platz in Kiew zeigen. Sie verbreiten und kommentieren Artikel, in denen sich Abzocker-Schreck Thomas Minder für die Masseneinwanderungsinitiative ausspricht. Doch am Abstimmungssonntag bleiben sie lieber zu Hause.

Verändert hat sich auch die Einstellung zu Protesten und Demonstrationen. «Die junge Generation sieht darin heute mehrheitlich eine legitime Form der politischen Partizipation», schrieben vor wenigen Jahren die Autoren der Eidgenössischen Jugendbefragungen. Und tatsächlich musste man schon ziemlich gut weghören, um die politische Botschaft der Jugendlichen zu ignorieren, die sich im Juni 2012 zur «Tanz dich frei»-Demo trafen. Was sich an jenem Wochenende in der Stadt Bern entlud, war der Frust über immer mehr Vorschriften, Reglemente, Bewilligungspflichten – nicht nur im Nachtleben, sondern im Leben überhaupt. Sieht so Politikverdrossenheit aus?

Auf der Strecke bleibt bei einer episodischen Beschäftigung mit Politik das langfristige Engagement für das öffentliche Leben. Dies bedroht das Schweizer Milizsystem im Kern. Schon heute stehen die Gemeinden vor der Situation, dass sie Zehntausende Ämter besetzen müssen, vom Schul- bis zum Gemeinderat. Mit Sorge stellen Politiker fest, dass besonders die 30- bis 45-Jährigen in der Gemeindepolitik zunehmend fehlen. «Wir sind daran, unsere besten Jahrgänge zu verlieren», sagt der Aargauer SP-Regierungsrat Urs Hofmann.

An diesem Punkt will Pierre Maudet ansetzen. Das Milizsystem sei schon lange unter Druck, sagt der Genfer FDP-Regierungsrat und Präsident der Eidgenössischen Jugendkommission. Um es zu retten, sollten junge Politiker gezielt gefördert werden – mit speziellen Ausbildungsgängen an den Universitäten. «Wir müssen mehr Junge dazu bringen, eine politische Karriere einzuschlagen.»

Auf der Suche nach Lösungsvorschlägen überwiegt jedoch bei vielen Politikern und Parteien die Hilflosigkeit. Das zeigen die Vorschläge, die diese Woche ventiliert wurden. Ein Stimmzwang, wie ihn die Jungsozialisten fordern? Das würde all jene Jugendlichen bestätigen, für welche die Beschäftigung mit Politik ohnehin mehr Frust als Lust ist. Ein flächendeckendes E-Voting, das mittelfristig ohnehin eingeführt wird? Es hätte nur dann einen Nutzen, wenn man davon ausgeht, dass es der Akt der Stimmabgabe per Brief oder an der Urne ist, der die Jugendlichen vom Stimmen abhält – und nicht das fehlende Interesse.

Vielversprechender scheint da schon eine verstärkte politische Bildung, wie sie die Jungfreisinnigen in mehreren Kantonen fordern. «Es braucht mehr Staatskunde an den Schulen, am besten als eigenes Schulfach», sagt Yatin Shah, Präsident der Aargauer Jungfreisinnigen. «Wenn niemand den Jugendlichen die Grundzüge des politischen Systems erklärt, zählt der Stimmzettel für viele zur Kategorie Werbung und Altpapier.»

Unterstützt wird die Forderung vom Präsidenten der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz, Christian Amsler. Niemand werde als Demokrat geboren, sagt der Freisinnige. «Auch die Schule muss ihren Beitrag zur Verbesserung der Situation leisten und Demokratie und Staatsverständnis unbedingt wieder mehr in den Unterricht einfliessen lassen.» Welchen Stellenwert die Staatskunde im neuen Lehrplan 21 erhält, wird nächste Woche bekannt, wenn die Erziehungsdirektoren die überarbeitete Fassung vorstellen.

Nötig sei aber ein Engagement über die Schule hinaus, sagt Aline Trede, Nationalrätin der Grünen – etwa mit neuen Formen von Jungbürgerfeiern, in denen das Stimmen und Wählen praxisnah erklärt werde. Diese sollten verpflichtend sein: «Man könnte den Besuch eines solchen Anlasses an den Erhalt des Lernfahrausweises knüpfen.»

Es wird nicht der letzte Vorschlag sein. Die Bemühungen der Politik um die Jungen, das hat sich immer wieder gezeigt, sind so episodisch wie das politische Interesse der Jungen selbst.

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