Von Pirmin Meier*

Das Jahr 1964 war für mich als politisch interessierter Gymnasiast denkwürdig. Unterwegs an die Expo nach Lausanne kaufte ich am Bahnhofkiosk Turgi das Buch «Mein Name sei Gantenbein» von Max Frisch. Es herrschte Kalter Krieg. Beim US-Wahlkampf 1964 galten meine Sympathien nicht dem Kennedy-Nachfolger Johnson, sondern dem rechtskonservativen Republikaner Barry Goldwater.

Einer der schärfsten Kalten Krieger in der Schweiz von damals war James Schwarzenbach. Für uns Jungrechte war er eine Orientierungsgrösse. Zusammen mit dem kritischen Historiker Marcel Beck lud ich ihn zu einem Referat ins Benediktinerkollegium Sarnen ein, was einigen meiner Lehrer in den falschen Hals geriet.

Im privaten Gespräch diskutierte James Schwarzenbach lieber über Literatur und Philosophie als über Ausländerpolitik. Ärgerlich war es für ihn, dass er die später nach ihm benannte zweite Überfremdungsinitiative nicht selber formuliert hatte, sondern sie vom rechtsnationalen Scharfmacher Fritz Meier übernommen hatte. Was Schwarzenbach antrieb, war eine nicht geringe Abneigung, ja Hass auf das Zürcher Establishment, vom Freisinn bis zur «Neuen Zürcher Zeitung». Zu Gastarbeitern entwickelte er nie ein emotionales Verhältnis, also auch keinen Fremdenhass.

Mit dem Ausländerthema, das er anwaltschaftlich übernahm, nie mit fanatischem Tonfall, konnte er eine aus seiner Sicht nötige Unruhe in die Schweizer Politik bringen. «Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer», sagte er einmal, und gegenüber diesen anderen war er misstrauisch. In der Regel sprach er ihnen das nötige Format ab. Schwarzenbach, der mir gegenüber einen «gesunden Nationalismus» mehrfach verteidigte, hielt von ökologischem Denken nicht viel. Valentin Oehen hingegen erörterte die «Übervölkerung» der Schweiz als ökologische Zeitbombe – also auf dem Argumentationsniveau der heutigen Ecopop-Bewegung.

«Überfremdung» im demografischen Sinn wurde als Wort erstmals vom Zürcher Armensekretär Alfred Schmid 1900 gebraucht. Werner Minder, Grossvater von Ständerat (und Ecopop-Befürworter) Thomas Minder, war der Vorsitzende der volkswirtschaftlichen Kommission der Neuen Helvetischen Gesellschaft. Er verstand unter «Überfremdung» noch vorwiegend – wie heute SP-Nationalrätin Jacqueline Badran – wirtschaftliche Überfremdung durch ausländisches Kapital, im Sinne der Bekämpfung des «Ausverkaufs der Heimat». «Schweizer Ware unterm Weihnachtsbaum» (1917) war für die Neue Helvetische Gesellschaft wichtiger als Appelle gegen zu viele Ausländer in der Schweiz.

Die Schwarzenbach-Initiative von 1970 und die Masseneinwanderungsinitiative von 2014 sind eher psychologisch als politisch vergleichbar. Kein anderes Thema polarisierte vergleichbar. Zahlreiche Junge trugen gelbe Protestknöpfe «Schwarzenbach ab», auch solche, die 2014 dann Ja stimmten, wie der als Kommunist fichierte Gastarbeiter Sergio Giovannelli, Schwager von Christoph Blocher. Gewichtiger als Schwarzenbachs «Ja zur Schweiz» war 1970 für den hohen JaStimmen-Anteil die St. Galler Kneschaurek-Prognose von 10 Millionen Einwohnern in der Schweiz, «wovon die Mehrheit lateinische Sprachen sprechen».

Das zog Kreise. Die Ortsplanung von Wettingen faselte von einem «Endausbau» der Gemeinde von 80 000 Einwohnern (heute hat sie 20 000). Das war damals z. B. auch für den SP-Gewerkschafter Adolf Holzherr zu viel, der sich prompt Schwarzenbach anschloss.

Viel zitiert ist Max Frischs Satz aus jener Zeit: «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.» Frisch hatte wie sein Jahrgänger Schwarzenbach in den Dreissigerjahren Abneigung gegen deutsche Emigranten – und beiden fehlte um 1970 der Einblick in die Schweizer Arbeitswelt. Ganz im Gegensatz zum linken Aargauer Schriftsteller Karl Kloter (1911–2002), der als Arbeiter bei Siemens-Albis konkrete Erfahrungen mit italienischen Gastarbeitern machte. Er legte sie im Roman «Salvatrice» nieder, 1969 im Schweizer Verlagshaus erschienen.

Kloter beschreibt die Situation in den frühen Fünfzigerjahren, als es noch wenige Gastarbeiter gab, so: «Wir waren noch unter uns. Aber dann begann man, immer mehr nach ihnen zu rufen. Und immer lauter auch. Natürlich folgten sie diesem Ruf bereitwillig. Wie Heuschreckenschwärme überfluteten sie unser Land in kurzer Zeit; in der Industrie, im Gewerbe, in der Landwirtschaft, in der Hotellerie und in den Spitälern waren sie zu finden. Mit ihren riesigen Koffern auf den Schultern, von denen sie beinahe zu Boden gedrückt wurde, krochen sie zu Tausenden aus den Zügen, … durch die überfüllten Bahnhöfe, durch unsere Strassen, hinein in unsere Häuser, aus einer anderen Welt kommend in unser Land.»

Dies also die Sicht des bedeutendsten Schweizer Arbeiterschriftstellers seit Jakob Bührer. Obwohl es damals noch kein Rassismus-Gesetz gab, musste Kloter für den Heuschreckenvergleich bei politisch korrekten Kritikern büssen. Ein kritischer Lektor hätte dem Autor diese Wortwahl weggestrichen. Dass sie stehen blieb, behält für die Geschichte der Arbeiterschaft in der Schweiz Quellenwert. Kloter bezeichnete in seinem Roman «Salvatrice» viereinhalb Millionen als die Einwohnerzahl der Schweiz, welche für die Harmonie von Mensch und Natur noch am besten wäre.

46 Prozent stimmten 1970 Ja zur Überfremdungsinitiative. Schwarzenbach selber war mit dem Resultat hochzufrieden; zeigte sich über die Zahl der Zustimmenden beinahe erschrocken. Christoph Blocher war 1970 ein Gegner von Schwarzenbach, so wie er heute auch ein Gegner der Ecopop-Initiative ist.

Wie erbittert heute die Diskussion um Ecopop geführt wird, fiel mir als Beobachter einer privaten Diskussion im Bundeshauskaffee zwischen Geri Müller und seinem grünen Aargauer Parteikollegen Andreas Thommen auf. Dass Müller und Thommen einander siezten, sprach Bände. Das Jahrhundertproblem spaltet nicht nur Schweizer Familien; gegenwärtig auch Parteien wie die SVP und die Grünen. Für die CVP, der ich die meiste Zeit meines Lebens nahe gestanden bin, ist typisch, dass wichtige Fragen mit der Ausrede, man gehöre zur Mitte, selten ausdiskutiert werden. Dass FDP-Präsident Philipp Müller andererseits ohne das Thema «Ausländer» gar nie in die Politik gekommen wäre, passt mit in ein politisches Porträt der Schweiz im Jahre 2014.

*Pirmin Meier (67), historischer Autor («Ich Bruder Klaus von Flüe») war anfänglich ein Weggefährte von Ex-Nationalrat James Schwarzenbach. 1973 verliess er dessen Republikanische Bewegung . Sein damals publiziertes 14-seitiges Memorandum gegen Schwarzenbach wurde schweizweit bekannt.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper