VON CLAUDIA MARINKA UND FLORENCE VUICHARD

Seine Verfehlung bezüglich der selbst ausgefüllten Wahlzettel hat für Ricardo Lumengo nun erste Konsequenzen: «Ich habe über 100 rassistische Mails erhalten und an die 10 Anrufe. Die meisten Mails lösche ich gerade wieder. Ich will das gar nicht lesen.» Für den aus Angola stammenden Politiker sind solche rassistischen Reaktionen kein Novum. «Jedes Mal, wenn ich in der Presse bin, erhalte ich rassistische Zuschriften. Ich habe mich daran gewöhnt», sagt er. Aber mit einer solchen Flut von Hasstiraden hat er nicht gerechnet. Er räumt ein: «Diesmal sind es schon sehr viele.»

Der Bieler SP-Nationalrat soll bei National- und Grossratswahlen bis zu 100 Wahlzettel selbst ausgefüllt haben. Der «Blick» machte die Vorwürfe vorgestern publik. Lumengo muss nun wegen des Verdachts auf Wahlfälschung bei den Grossratswahlen von 2006 im Kanton Bern vor einen Strafeinzelrichter.

Der Politiker bestreitet, Wahlfälschung begangen zu haben, akzeptiert aber den Verdacht auf Stimmenfang. «Zu den Nationalratswahlen 2007 gab es ein ähnliches Verfahren. Es ging um insgesamt 47 Stimmzettel, die mit derselben Handschrift ausgefüllt worden sind. Der Verdacht fiel auch auf mich, da ich einer der Kandidierenden war, deren Name auf den fraglichen Stimmzetteln stand», sagt Lumengo.

Dieses Verfahren des Untersuchungsrichters wurde gemäss Lumengo Anfang 2009 eingestellt. «Ein grafologisches Gutachten belegte, dass die Handschrift auf den fraglichen Wahlzetteln nicht meine ist.»

Der einstige Asylbewerber ist 2007 als erster Schwarzer ins nationale Parlament eingezogen. Das hat vor ihm keiner geschafft: auch nicht Andrew Katumba 2003, heute SP-Gemeinderat der Stadt Zürich. «Wenn jemand nur schon durch seine Hautfarbe auffällt, nimmt man ihn besonders wahr. Man muss vorsichtiger sein und braucht eine reinere Weste als manch andere gestandene Politiker», sagt Andrew Katumba. Lumengo solle nach seinen politischen Taten beurteilt werden und nicht nach seinen Verfehlungen, auch wenn er «sicher nicht geschickt» gehandelt habe.

Aber jetzt müsse man zuerst die Untersuchungen abwarten und ihm eine Chance geben. Katumba: «Falls sich herausstellen sollte, dass es sich um eine beträchtliche Anzahl manipulierter Stimmen gehandelt hat, also um eine gröbere Verfehlung, sollte Herr Lumengo die Konsequenzen ziehen, um nicht seiner Mutterpartei zu schaden.» Zumindest eine Rücktrittsforderung wird jetzt schon laut: Alt-Nationalrat und ehemaliger Bieler Polizeidirektor Jürg Scherrer kritisiert: «Herr Lumengo betreibt eine Tränendrüsenpolitik. Wenn er nur ein wenig Charakter hätte, würde er die Konsequenzen ziehen und zurücktreten.»

An Rücktritt denkt der gebürtige Angolaner im Moment jedoch nicht. Ob er 2011 wieder für den Nationalrat kandidieren wird, will Lumengo heute nicht beantworten: «Das hängt von verschiedenen Elementen ab.» Unterstützung erhält er von Niklaus Baltzer, SP-Stadtrat von Biel, der ihm gelegentlich bei Übersetzungen helfe: «Das mit den Unterschriften ist natürlich nicht gut. Aber ich habe das Gefühl, er übersteht diese Verfehlung politisch unbeschadet.»

Was bleibt ist sicher ein erstmal ramponierter Ruf. Lumengo: «Mein Image hat gelitten. Ich hoffe, dass die Leute akzeptieren können, dass ich einfach einen Fehler gemacht habe. Es war keine Trickserei, das ist ein viel zu hartes Urteil. Ich wollte einfach helfen.»

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