Es waren gehässige Szenen, die sich diese Woche im Ratssaal von Delsberg abspielten, dem Hauptort des kleinen Kantons Jura. 44 neue Beamte wollte die jurassische Regierung nächstes Jahr einstellen, auf 6 Millionen Franken sollte dafür das Defizit im Budget steigen. Doch das bürgerlich dominierte Parlament, das den Voranschlag absegnen sollte, verweigerte der Regierung, die Stellen zu erhöhen. Die Sozialdemokraten verliessen darauf unter Protest den Saal.

Der Kanton Jura ist eine Ausnahme. In der ganzen Schweiz vergrössern die öffentlichen Verwaltungen ihre Personalbestände mit dem Segen der Parlamente. Um mehr als 1500 Vollzeitstellen wachsen 2013 allein die kantonalen Behörden, wie eine Auswertung der Budgets für das nächste Jahr zeigt. Am stärksten ist der Zuwachs in Zürich, Genf und Waadt, aber auch mittelgrosse Kantone stellen Beamte im zweistelligen Bereich an.

Das Stellenwachstum beim Staat erfolgt, obwohl die Mehrheit der Kantone 2013 rote Zahlen schreibt. Die schwache Konjunktur der vergangenen Jahre erklärt die Defizite nur zum Teil. In fast der Hälfte aller Kantone sind inzwischen Sparprogramme vorgesehen, die von Personalverbänden und Gewerkschaften erbittert bekämpft werden. Mancherorts werden zwar die Löhne eingefroren oder gar gekürzt. Vor einer Verkleinerung der Verwaltung schrecken die Kantone aber bisher zurück – auch, weil wie in St. Gallen oder im Tessin, in den vergangenen Wochen Tausende Staatsangestellte auf die Strasse gingen.

Die neuen Jobs fallen zu einem grossen Teil in der Bildung an, einem der wichtigsten Aufgabenbereiche der Kantone. Beispiel Waadt: 118 der 236 zusätzlichen Vollzeitstellen entstehen dort in den Schulen. Aber auch die Stadt Zürich schafft mehr als die Hälfte von 255 Jobs im Schulbereich, in Kinderhorten und Sonderschulen.

Zweiter grosser Posten ist die Sicherheit: Zahlreiche Kantone verstärken nächstes Jahr ihre Polizeikorps oder stellen zusätzliches Personal in den Gefängnissen an. Mehr Beamte gibt allerdings auch für klassische Verwaltungsaufgaben, etwa im Kanton Zug, der 23 von 56 neuen Vollzeitstellen in der Kernverwaltung schafft.

Auch die Bundesverwaltung wächst nächstes Jahr weiter: Im Budget 2013, das National- und Ständerat diese Woche bewilligten, sind 300 neue Stellen vorgesehen. Rund 30 fallen für die Umsetzung der diversen Steuerabkommen an. Die mit dem Atomausstieg verbundene neue Energiestrategie des Bundes erfordert 13 zusätzliche Stellen. Grösseren Personalbedarf hat zudem aufgrund der gestiegenen Asylzahlen das Bundesamt für Migration.

Die Kantone begründen das Personalwachstum mit grösseren Trends: «Die Mehrausgaben für Bildung und Sicherheit gehen zurück auf das Bevölkerungswachstum und die dichtere Besiedelung», sagt der Luzerner Finanzdirektor Marcel Schwerzmann. Und der Präsident der kantonalen Finanzdirektoren, Christian Wanner, verweist auf neue Bundesgesetze wie die Reform des Vormundschaftsrechts, mit der die Kinder- und Erwachsenschutzbehörden professionalisiert und kantonalisiert würden. «Dies kann zu mehr Stellen auf Kantonsebene führen, denen kein entsprechender Wegfall von Stellen gegenübersteht, da diese Aufgaben auch milizmässig in den Gemeinden wahrgenommen worden sind», sagt Wanner.

Die Präsidentin des Verbands des Personals öffentlicher Dienste (VPOD), Katharina Prelicz-Huber, will nicht von einem grossen Ausbau sprechen. «Die Bevölkerung will einen starken Service public. Es werden zwar neue Stellen im öffentlichen Dienst geschaffen, doch angesichts der Aufgaben, die wir alle vom Staat erwarten, sind es zu wenige.» Der Druck auf die Angestellten sei gerade im Bildungs- und Gesundheitswesen riesig. «Dass unsere Lehrpersonen heute Schulklassen mit bis zu 30 Kindern unterrichten müssen, war vor einigen Jahren noch undenkbar», sagt Prelicz-Huber.

Das anhaltende Wachstum bei den Behörden überrasche ihn nicht, sagt Reto Steiner, Experte für öffentliche Verwaltungen an der Universität Bern. «Die grosse Mehrheit der Studien seit den 1950er-Jahren auf diesem Gebiet zeigt, dass öffentliche Verwaltungen weltweit kaum je schrumpfen, sondern sich stetig ausdehnen.» Auch Spanien und Griechenland sparten nicht freiwillig, sondern nur unter grösstem internationalen Druck. Zwar hätten die meisten Kantone in den vergangenen zehn Jahren Sparprogramme aufgesetzt, doch die ursprünglichen Sparziele seien nur selten erfüllt worden. Das sei nicht nur die Schuld der Politiker: «Auch Stimmberechtigte, die im Grundsatz für Sparen sind, tolerieren den konkreten Leistungsabbau dann trotzdem nicht.»

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