Nachruf von Gerhard Pfister*

Alphons Egli gehört für mich zur Generation der Politiker, die in der Schweiz gestalteten, als ich mich politisch zu interessieren begann. Ich kannte ihn nicht persönlich, nahm aber sein politisches Wirken als Bundesrat wahr. Ich erlebte als Nationalrat die Rede von alt Ständeratspräsident Carlo Schmid an Eglis 80. Geburtstag, anlässlich des Fraktionsweihnachtsessens vor 11 Jahren. Aus dieser Rede stammt manches in diesem Nachruf. Die Stationen des bundespolitischen Lebens von Egli sind schnell erzählt: 1975 als Vertreter des Standes Luzern gewählt, 1979 Präsident der ständerätlichen Fraktionsgruppe, am 8. Dezember 1982 im ersten Wahlgang in den Bundesrat gewählt, am 31. Dezember 1986, nach nur vier Jahren, aus dem Bundesrat ausgetreten.

Egli verfügte bereits als Ständerat über mehr Weitsicht als andere. Er reichte in seiner ganzen Amtszeit nur zwei Vorstösse ein. Beide reichte er 1978 ein, und beide waren von enormer Bedeutung. Im ersten Vorstoss fragte Ständerat Egli den Bundesrat, welche Entwicklungen die (damalige) Europäische Gemeinschaft (EG) einschlage, wenn sie immer mehr Integration anstrebe, allenfalls einmal sogar eine gemeinsame Währung einführe. Ob es für die Schweiz da nicht sinnvoll sei, rechtzeitig die Verhältnisse mit der EG zu regeln, um auch unabhängig bleiben zu können? Hätte unsere Regierung schon damals eine echte europäische Politik zur Wahrung der Souveränität der Schweiz eingeschlagen, wie sie Egli forderte, wäre uns viel erspart geblieben. Ebenso sein zweiter Vorstoss: Er schlug vor, auf das Kernkraftwerk Kaiseraugst zu verzichten. Obwohl Egli Befürworter der Kernkraft war, erkannte er früh, dass ein Kernkraftwerk Kaiseraugst keine Mehrheit mehr finden würde. Erst 12 Jahre später, nach viel Unfrieden, gehässigen Auseinandersetzungen, bekam er recht.

Die Linken bekämpften Egli als Bundesratskandidaten heftig. Sie nannten ihn einen «Kulturkämpfer», behaupteten, mit diesem Katholisch-Konservativen drohe die grosse Rückständigkeit in der Regierung. Er sollte als Bundesrat diese Klischees erfolgreich widerlegen, ohne seine Gesinnung aufzugeben. Als Vorsteher des Departements des Innern war er in seiner Amtszeit mit enormen Herausforderungen konfrontiert. Die Debatte um das sogenannte «Waldsterben» entflammte. Aus heutiger Sicht kann man das Hysterische daran kritisieren. Für Egli war es aber das Zeichen, dass Umweltthemen auch für bürgerliche Politiker wichtig sein sollten und auch bürgerliche Antworten brauchen. Egli gab sie. Aus seiner christdemokratischen, konservativen Haltung war für ihn die Bewahrung der Schöpfung zentral.

Die Katastrophen von Tschernobyl und Schweizerhalle fielen in Eglis letztes Amtsjahr. Er reagierte auf beide Ereignisse offen, selbstkritisch und souverän. Er war überzeugt, dass die Schweiz bezüglich Katastrophenschutz und -prävention mehr tun müsse. Auch das gehört zu seinem Vermächtnis.

Bundesrat Egli war ein wertkonservativer CVP-Politiker der «alten», aber auch besten Schule: Bewahrend und offen für Neues, allen Ideologien abgeneigt, den Menschen und Werte im Zentrum, aber gleichzeitig ein tiefes Verständnis für die Begrenztheit allen menschlichen Tuns. Mühe hatte er mit der Mediatisierung der Politik, der Personalisierung, auch der Banalisierung. Damit schien er sich nicht abfinden zu wollen. Er hatte sich vermutlich das Amt des Bundesrats anders, vernünftiger vorgestellt.

In seiner Abschiedsrede vor dem Parlament, die, wohl einmalig, drei Mal im Protokoll «Heiterkeit» vermerkt (Egli verfügte über viel Humor – eine seltene Qualität in der Politik), lässt er etwas von dem durchblicken, was ihn umtrieb: «Wohlfahrt ist mehr als nur Wohlstand. Sie umfasst auch das seelische und geistige Wohlbefinden. In unserer technisierten und rationalen Welt kann man sich allerdings fragen, ob hier noch Platz ist für Geist und Seele. Es wäre verfehlt, vom Staat ein Surrogat für Geist und Seele zu erwarten; es gibt Dinge, die auch der bestorganisierte Staat und auch der sozialste Staat nicht geben kann. Und gerade an dieser Tatsache zerbrechen heute viele Menschen, auch Politiker.»

Ob er damit auch andeutete, warum er zurücktrat? Möglich. Alphons Egli machte auch nach seiner Bundesratszeit kein Aufhebens um seine Person. Er gehörte nicht zu den ehemaligen Bundesräten, die mit ihren Kommentaren zur Politik nur deutlich machen, dass ihnen das Rampenlicht fehlt. Egli war bescheiden. Zur Zukunft der CVP, der politischen Mitte, meldete er sich gelegentlich zu Wort: immer so, dass seine Beiträge auch wichtige Diskussionen auslösten. Auch hier hatte er mehr Weitsicht als andere. Aber Egli suchte das Rampenlicht nie, sondern er versuchte als Bundesrat, das ins Rampenlicht zu stellen, was ihm wichtig war: das Wohl von Land und Volk. Das Beste, was ein Politiker tun kann. Vor allem das, was einen Staatsmann ausmacht.

*Gerhard Pfister ist Nationalrat des Kantons Zug und Präsident der CVP Schweiz.

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