Als der neue Innenminister Alain Berset das Bundesamt für Gesundheit (BAG) besuchte, staunte er nicht schlecht. «Es ist schön, wieder einen Bundesrat hier begrüssen zu dürfen», sagte Direktor Pascal Strupler. «Wir haben lange keinen mehr gesehen.» Die 600 BAG-Angestellten quittierten Struplers offene Worte mit Lachern.

Wen Strupler damit meinte, war allen klar, auch wenn der Name nicht fiel: Bersets Vorgänger Didier Burkhalter. Mehrere Quellen bestätigen, dass dieser seine Bundesämter nicht oder kaum besuchte. «Es fand keine politische Steuerung statt», sagt ein Insider.

In den Chefetagen verschiedener Ämter des EDI herrschte Erleichterung, als Burkhalter Ende letzten Jahres ins Aussenministerium wechselte. In der SP macht man ihn nun auch für das Debakel um die Managed-Care-Vorlage verantwortlich. «Managed Care war ein Murks», sagt SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr (ZH). Je länger der Prozess gedauert habe, desto dominanter seien die Anliegen der Krankenkassen geworden. Gleichzeitig seien falsche Erwartungen geweckt worden. Fehr: «So entstand eine übertriebene Allerheil-Zauberstab-Erwartungshaltung.» Burkhalter habe sich «zu wenig ins Zeug gelegt für eine ausgewogene Vorlage und nur mit den Bürgerlichen eine Lösung gesucht». In der Sozial- und Gesundheitspolitik führe der Weg zum Erfolg aber über die SP. «Er legte Alain Berset mit Managed Care ein Ei. Diese Vorlage war nicht zu gewinnen.» Fehrs Fazit: «Die Burkhalter-Jahre im EDI waren verlorene Jahre für die Gesundheits- und Sozialpolitik.»

Das Debakel um Managed Care hat das an sich gute Verhältnis der beiden Bundesräte stark getrübt. Hinter den Kulissen sind gegenseitige Vorwürfe zu hören. Berset selbst fühlte sich gemäss Insidern von Burkhalter im Abstimmungskampf im Stich gelassen. Dass dieser eine Interview-Anfrage einer Deutschschweizer Zeitung zu Managed Care ablehnte, sorgte für Verärgerung.

Aus dem freisinnigen Burkhalter-Lager hingegen werden hinter vorgehaltener Hand Vorwürfe gegen Berset laut. Dieser habe nicht «aus Überzeugung» für Managed Care gekämpft, wie er selbst nach aussen betont hatte. Er habe lediglich eine minimale Kampagne geführt. Zudem habe er einen entscheidenden strategischen Fehler gemacht: «Er hätte die Hausärzte als Gegenpol zu den Spezialisten in sein Boot holen müssen.»

Dass Berset in der Tat nicht «aus Überzeugung» für Managed Care eintrat, bestätigen Kenner Bersets. Als neuer SP-Bundesrat habe er in erster Linie die Regierung davon überzeugen wollen, dass er ein loyaler und kollegialer Bundesrats-Kollege sei, der nicht ausschere.

Die Umfelder beider Bundesräte reagieren zurzeit sehr nervös auf Kritik aus dem anderen Lager. Das könnte laut Insidern mit einem überraschenden Punkt zusammenhängen: Nach dem Rücktritt der populären Micheline Calmy-Rey geht es darum, welcher Bundesrat ihre Nachfolge als populärster Westschweizer Bundesrat übernimmt.

Er sei zwar nicht mehr EDI-Chef, sagt Burkhalter selbst gegenüber dem «Sonntag», angesprochen auf die Kritik, er habe zu wenig für den Abstimmungskampf getan. «Dennoch habe ich Managed Care in der Radio-Abstimmungs-Empfehlung vertreten. Und auch vor der FDP.» Sie habe Ja gesagt, und das sei «nicht leicht» gewesen. «Es war von Beginn an klar, dass es nicht einfach ist, diese Vorlage durchzubringen», betont er. «Deshalb brauchte es einen Konsens aller. Doch plötzlich sprangen verschiedene ab.» Dazu komme, dass ein Bundesrat in einem neuen Departement «sofort sehr stark gefordert» sei.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!