Sie sind sich selten einig, die Meinungsmacher der tendenziell linken Hauptstadtzeitung «Washington Post» und des rechten Wirtschaftsblattes «Wall Street Journal». Am Samstag publizierten beide Blätter aber Kommentare, die mit derselben Botschaft schlossen: Der russische Präsident Wladimir Putin tanzt dem westlichen Verteidigungsbündnis Nato auf der Nase herum. «Eine schlechte Woche für das freie Europa», titelte das «Wall Street Journal» über eine kommentierende Zusammenfassung der Ergebnisse des Nato-Gipfeltreffens in Wales. Und die «Post» urteilte: «Herr Putin greift auf Gewalt zurück, um seine Ziele in der Ukraine zu erreichen – auch wenn dies der Westen anders sieht.»

Tatsächlich gab US-Präsident Barack Obama – dank der schieren Feuerkraft der US-Streitkräfte immer noch uneingeschränkt Anführer der Nato – in der vorigen Woche eine durchzogene Vorstellung. Selbst Kritiker räumten ein, dass der Präsident während seines Kurzbesuchs in Estland ein starkes Bekenntnis zur gegenseitigen Beistandspflicht der westlichen Militärallianz abgelegt habe. «Wir werden unsere Nato-Alliierten verteidigen. Das schliesst sämtliche Alliierte ein», hatte Obama am Mittwoch in Tallinn verkündet. Und weiter: «In dieser Allianz gibt es keine alten Mitglieder oder neuen Mitglieder, keine Juniorpartner und keine Seniorpartner – es gibt schlicht und einfach nur Alliierte.» Solch klare Worte stiessen nicht nur im Nato-Mitglied Estland, exponiert wegen der Nähe zu Russland und angespannter bilateraler Beziehungen, auf Applaus. Auch im restlichen Baltikum und in Polen setzte es hörbaren Applaus ab. Dann kam, zwei Tage später, die kalte Dusche. An der Abschlusspressekonferenz in Wales lehnte es Obama ab, die Vorgänge in der Ost-Ukraine als Invasion russischer Truppen zu bezeichnen.

Der Präsident gab sich zwar skeptisch über den am Freitag verkündeten Waffenstillstand, in den die ukrainische Staatsführung nicht ganz freiwillig eingewilligt hatte, und sprach Präsident Putin ins Gewissen. Letztlich blieb eine klare Antwort Amerikas auf die neuerlichen militärischen Provokationen des Kremls in einem Nicht-Mitgliedsland am östlichen Rand der Nato aber aus.

Dieses zögerliche Vorgehen kontrastierte augenfällig mit dem beflissenen Treiben der Regierung Obama, eine «Koalition der Willigen» zur Bekämpfung der IS-Rebellen in Syrien und im Irak auf die Beine zu stellen. Am Freitag gab Obama bekannt, dass er die selbst ernannten Gotteskrieger bald «zerstören» werde und Washington dabei auf die Hilfe der Nato-Mitglieder Grossbritannien, Frankreich, Deutschland, Kanada, Türkei, Italien, Polen und Dänemark zählen könne. In einem nächsten Schritt werden nun US-Aussenminister John Kerry und Verteidigungsminister Chuck Hagel nach Verbündeten im Nahen Osten suchen. Ergebnisse sollen Mitte September vorliegen, wenn sich Staats- und Regierungschefs zum jährlichen Stelldichein am Hauptsitz der UNO in New York versammeln.

In Washington wächst der Druck auf Obama, aussenpolitisch entschiedener aufzutreten. Zwei führende Aussenpolitiker im Senat – der Demokrat Robert Menendez und der Republikaner Bob Corker – wollen die Sanktionen gegen Russland verschärfen und die Streitkräfte der Ukraine mit westlichen Waffen beliefern. Menendez sagte diese Woche: Die Antworten des Westens auf den Vormarsch des Kremls in der Ukraine «waren nicht stark genug. Schwäche lädt zu Provokationen ein. Stärke stoppt sie.»

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