VON OTHMAR VON MATT UND CHRISTOF MOSER

Die Entstehungsgeschichte des Berichts: ein Krimi für sich. Die Anhörungen fanden abwechselnd an verschiedenen Orten in Bern statt, die benötigte Infrastruktur dafür wurde extra aus den Sitzungsräumen des Bundeshauses in die Hinterzimmer der besten Berner Hotels geschafft. Inklusive mobiler Mikrofone. Ziel der aufwändigen Übung: Niemand sollte zu sehen bekommen, wer wann wo zur heikelsten Fragestunde der jüngeren Schweizer Polit- und Wirtschaftsgeschichte antraben musste.

Unter grösstmöglicher Geheimhaltung haben zwölf ausgewählte Parlamentarier der Geschäftsprüfungskommission (GPK) in den letzten Monaten Akteure befragt, die sich an der Finanzmarktkrise mitschuldig gemacht oder gegen den drohenden Kollaps des Finanzsystems angekämpft haben. Es ging um Fragen wie: Wer hat wann wie gehandelt? Wer machte welche Fehler? Herausgekommen ist ein über 300-seitiger Bericht, der es in sich haben soll und morgen Montag veröffentlicht wird.

Allein schon die Liste der Befragten ist beeindruckend, wie der «Sonntag» weiss:
> von der UBS wurden das gesamte ehemalige Management sowie die heutigen Verantwortlichen befragt (Marcel Ospel, Peter Kurer, Marcel Rohner, Peter Wuffli und Oswald Grübel sowie der Leiter des UBS-Rechtsdienstes);

seitens der Regierung alle sieben Bundesräte (Pascal Couchepin anstelle von Didier Burkhalter, der im entscheidenden Zeitraum noch Ständerat war);
Bundeskanzlerin Corina Casanova;
Urs Ziswiler, Schweizer Botschafter in Washington;
Jean-Pierre Roth, damaliger Präsident der Nationalbank;
Nationalrat Bruno Zuppiger (SVP) als Präsident der Finanzdelegation;
drei Vertreter der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma, darunter Direktor Eugen Haltiner.

Die Anhörungen dauerten gemäss Recherchen des «Sonntags» zwischen einer und drei Stunden und wurden jeweils von der gesamten GPK-Subkommission vorgenommen. Der Ablauf war standardisiert: Präsident Pierre-François Veillon (SVP-Nationalrat) stellte die Fragen, die übrigen GPK-Mitglieder konnten Zusatzfragen stellen.

«Es waren harte Befragungen, die Atmosphäre war äusserst ernst», sagt ein GPK-Mitglied. Vorgeladen wurden die Akteure einzeln, wobei jeder theoretisch auch Unterstützung hätte mitbringen dürfen. Davon machte jedoch niemand Gebrauch. Um unnötiges Datenmaterial zu verhindern, wurden die Anhörungen nicht auf Tonband aufgenommen, sondern protokolliert.

Das Material, das so zusammengekommen ist, «ermöglicht einen extrem fundierten Bericht», so ein GPK-Mitglied. Erst vorgestern Freitag konnten die Mitglieder der Untersuchungskommission im Zimmer 287 im Bundeshaus unter Aufsicht erstmals ihre persönlich nummerierten Entwürfe des Berichts lesen. Den Bericht durften sie nicht aus dem Zimmer nehmen. Und viele Seiten waren noch weiss, vor allem jene Teile mit den Empfehlungen.

Die GPK wollte unter allen Umständen Indiskretionen in den Sonntagsmedien verhindern.
Das war auch der Grund, weshalb die GPK-Mitglieder zu Sonntags-Arbeit verknurrt wurden – was bei vielen Verärgerung auslöste. Bereits um 8.30 Uhr treffen sie sich heute wieder in Bern. Am morgen haben sie Zeit, den Bericht zu Ende zu lesen. Viele Mitglieder schafften gestern nur zwischen 200 bis 240 Seiten. Am Nachmittag wird dann – open end – die Endfassung diskutiert.

Doch bereits in der Rohfassung, so ein GPK-Mitglied zum «Sonntag», lese sich der Untersuchungsbericht «spannend wie ein Krimi». Ein anderes GPK-Mitglied sagt: «Mir lief es kalt den Rücken herunter.» Mehrere Parlamentarier, die den Bericht gelesen haben, äussern sich überrascht von der «Dimension des Geschehens». Und ein Mitglied sagt: «Das ist ein Zeitdokument, das ins Archiv gehört.»

Inhaltlich noch zu klären ist heute laut mehreren GPK-Mitgliedern die Frage, wie stark der Bundesrat als Ganzes in die Verantwortung genommen werden soll. Kritisiert werden vor allem die fehlende Teamarbeit und die mangelnde Geschlossenheit der Regierung. Einer der Hauptvorwürfe ist aber auch, dass sie sich zu wenig intensiv und vor allem viel zu spät um die Krise gekümmert hat.

Es wird aber erwartet, dass sich vor allem die Mitglieder des Krisen-Ausschusses (Hans-Rudolf Merz, Eveline Widmer-Schlumpf und Micheline Calmy-Rey) auf Kritik gefasst machen müssen. Dass dabei insbesondere Finanzminister Merz für die schlechte und späte Information gerügt wird, ist für mehrere GPK-Mitglieder eine «klare Sache». Gleichzeitig will die GPK aber auch würdigen, wie gut die Schweiz letztlich die Krise überstand.

Besser aus der Affäre ziehen konnten sich die UBS-Manager. Sie haben sich offenbar mit Erfolg hinter der bekannten Verteidigungslinie verschanzt: Sie hätten von den kriminellen Machenschaften ihrer Bank in den USA nichts gewusst. «Diese Verteidigungslinie hat die GPK nicht durchbrechen können, dafür bräuchte es eine PUK», sagt ein GPK-Mitglied. Und ein Mitglied hält fest: «Die UBS bleibt ein Buch mit sieben Siegeln.»

Am Montagmorgen um 9 Uhr ist es so weit: Der mit Spannung erwartete Bericht geht mit Sperrfrist an Medien und Parteien. Diese haben generalstabsmässige Übungen vorbereitet. Wie etwa bei der FDP: Auf deren Generalsekretariat sollen zehn Personen je 30 Seiten des Berichts in einer halben Stunde lesen. Damit die FDP in einer Stunde für ihr Communiqué bereit ist.

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