Noch am Samstagabend um 23 Uhr glaubte Christian Levrat: «Ich schaffe es nicht.» Das war seine spontane Antwort auf einen Anruf von Nationalrat Cédric Wermuth (AG), der wissen wollte, was im Kanton Freiburg in Bezug auf die Ständeratswahlen zu erwarten ist.

Levrat täuschte sich. Bereits im ersten Wahlgang erreichte er am letzten Sonntag das absolute Mehr gegen den FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois. Die SVP enthielt sich zwar der Stimme. Dennoch siegte Levrat faktisch gegen die bürgerliche Mehrheit von FDP, CVP und SVP.

Der Siegeszug des Ex-Gewerkschafters im katholisch und ländlich geprägten Kanton Freiburg ist Ausdruck für den Zustand seiner Partei. Fast unbemerkt von Öffentlichkeit und Medien ist die SP wieder zum Machtfaktor geworden. Sie gewinnt kantonale Wahlen, wie in Uri, St.Gallen und der Waadt. Das Zentrum für Demokratie Aarau errechnete, dass die SP dort mit 1,4 Prozent Wählerwachstum zu den Gewinnern gehörte.

Die SP hat auch so viele Ständeräte wie noch nie. Und sie gibt neuerdings in entscheidenden Dossiers den Weg vor: Vom Atomausstieg bis zur Weissgeldstrategie. Wer etwas bewegen will, kommt an der SP nicht mehr vorbei. Die Folge: «Wir erhalten von überall her Gesprächsangebote», sagt Levrat. «Auch von der Wirtschaft und von den Banken.»

Es ist kein Zufall, dass die Raiffeisen und die CS ausgerechnet jetzt der SP Spendengelder anbieten. Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre das undenkbar gewesen. Die SP verlor Wahl um Wahl, galt als unverlässlicher Partner, sagte zu fast jeder Reform Nein. «Dieses Imageproblem, das uns seit Beginn der 2000er-Jahre prägte, haben wir gelöst», betont Levrat. «Niemand behauptet heute noch, wir seien eine konservative Partei.»

In der Frühlingssession feierte die SP Siege wie seit langem nicht mehr: Mehr Konsumentenschutz, Bonus-Steuer für Abzocker, Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare – und das Versprechen von Eveline Widmer-Schlumpf, von ausländischen Bankkunden eine Selbstdeklaration zu verlangen. Dass die Sozialdemokraten Mehrheiten finden, liegt auch an der neuen Zusammensetzung des Parlaments, an der verbreiteten und zersplitterten Mitte. «Diese Kräfteverschiebung gibt uns eine viel wichtigere Rolle», räumt Levrat ein. «Wir sind die grösste Partei im Mitte-Links-Spektrum. Und haben in den meisten Bereichen die besten Leute.»

Der Weg zurück zum Erfolg war für die SP hart. Nach der Wahlschlappe 2007 folgten in regelmässigen Abständen weitere Wahlverluste aus den Kantonen. «Das war eine schwierige Zeit», sagt Levrat heute. Aufatmen konnte er erstmals bei den Wahlen in den Städten Zürich und Winterthur im März 2010. «Wir haben damals zwar noch verloren, aber die Wende war erreicht», sagt Levrat.

Die Städte waren schon immer ein gutes Terrain für die Linke, aber für Levrat nicht zentral. «Ich habe stets dagegen gekämpft, dass wir uns auf die grossen Agglomerationen und die Romandie zurückziehen», sagt er dezidiert. «Ich wollte immer, dass die SP eine breite Partei bleibt.» Die Kampfzone ist für ihn deshalb die Ostschweiz. «Sie ist das Machtzentrum der SVP und deshalb matchentscheidend für die politische Grosswetterlage. Dort hat die SVP alle anderen Parteien derart an den Rand gedrängt, dass man den Eindruck erhielt, sie sei nicht mehr zu bremsen.»

Die Wahlen in St.Gallen vom letzten Wochenende zeigen, dass der Eindruck falsch war: Die SVP musste 6 Sitze abgeben, die SP konnte 4 gewinnen. Levrat: «St.Gallen hat eine grosse Ausstrahlung auf den Rest der Schweiz.» Es sei sehr wichtig, dass es jetzt bei den kantonalen Wahlen aufwärtsgehe. «Das prägt die Stimmung vor Ort, das Engagement der Leute. Erfolg bringt Erfolg.»

Und davon braucht Levrat noch ein paar, wenn er die SVP übertrumpfen und sein Ziel erreichen will: «Wir wollen nach den Wahlen 2015 die stärkste Fraktion im Bundeshaus sein.» Von den Wähleranteilen her ein ambitioniertes Ziel, zählt doch die SVP mit 26,6 Prozent noch immer deutlich höhere Wähleranteile als die SP mit 18,7 Prozent. Doch ganz unrealistisch ist es nicht: Denn die SP-Fraktion ist – dank Ständeratssitzen und Proporzglück – mit 57 Mitgliedern bereits heute der SVP dicht auf den Fersen. Diese hat – ohne die beiden Lega-Politiker und ohne den parteilosen Thomas Minder – noch 59 Sitze.

Während Toni Brunner als SVP-Präsident den Einzug ins Stöckli verpasste, ist der SP-Chef mehrheitsfähig. «Ständeratswahlen sind Persönlichkeitswahlen – und wir haben gutes Personal», sagt Levrat. «Die zentrale Frage ist aber: Vertreten die Kandidaten konkrete Anliegen?» Wer diese Frage glaubwürdig mit «Ja» beantworten könne, habe Chancen – auch als Linker in einem konservativen Kanton. Das beweist exemplarisch die Wahl des obersten Gewerkschafters der Schweiz, Paul Rechsteiner, als St.Galler Ständerat. Er hatte drei klare Botschaften: «Gute Löhne, gute Renten! Und Menschenrechte für alle!»

Ein Slogan, der in Zeiten von wiederholten Angriffen auf die Sozialwerke verstanden wurde.
Levrat will die Sozialpolitik noch stärker ins Zentrum rücken, umso mehr als die Partei mit seinem Freund Alain Berset den Sozialminister stellt. «Das war ein Weihnachtsgeschenk», sagt Levrat. Einfach wird die Aufgabe nicht.

Die SP muss nun beweisen, dass sie nicht nur erfolgreiche Abwehrkämpfe gegen Abbaupläne führen kann, sondern stark genug ist, Reform- und Sanierungsvorschläge vorzuweisen, welche die Renten sichern.

Noch schwieriger wird die Aufgabe für die SP in der Asyl- und Ausländerpolitik. Um die Probleme in den Griff zu bekommen schlagen SP-Exekutivpolitiker – allen voran Justizministerin Simonetta Sommaruga sowie mehrere Regierungsräte – härtere Töne an. Und ernten prompt die Kritik aus den eigenen Reihen. Unvergessen ist der Parteitag von Lausanne im Herbst 2010, als die frisch gewählte Bundesrätin Sommaruga von ihren eigenen Leuten ausgepfiffen wurde. Nur weil sie sich stark gemacht hatte für den Gegenvorschlag zur Ausschaffungsinitiative der SVP.

Unvergessen sind auch die harten Auseinandersetzungen 2008 um das Sicherheitspapier, das Levrat nach gewonnener Schlacht subito in die Schublade verstaute.

Heute sucht Levrat politische Auseinandersetzungen in der eigenen Partei bewusst: Die SP soll zur Diskussion-Plattform der Schweiz werden.

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