Direkt nach den aufwendig inszenierten Polit-Shows der US-Republikaner und -Demokraten einen Parteitag abzuhalten, ist natürlich undankbar. Statt Bildschirmwände und Ballone der nüchterne Beton des Kongresshauses in Lugano, statt rhetorischer Feuerwerke beflissenes Abhaken von Traktanden, statt Scarlett Johansson Ruth Dreifuss. Zumindest einige leere Stühle, zu denen Clint Eastwood hätte reden können, wären vorhanden gewesen.

SP-Chef Christian Levrat wandte sich stattdessen an die rund 600 anwesenden Delegierten und rief sie dazu auf, die Debatte zur Migrationspolitik nicht vorzeitig abzuwürgen: «Die Diskussion ist heikel, aber notwendig.» Levrat erntete in seiner 25-minütigen Ansprache einen Lacher und sechsmal Applaus. Seine Rede war so trocken wie die Luft im Saal. Nein, er ist kein Bill Clinton.

Die Showeinlagen lieferte das Führungspersonal der SP bereits im Vorfeld des Parteitags ab. SP-Nationalrat Cédric Wermuth warf Levrat via «Blick» vor, in der Migrationspolitik kusche er vor den Rechten. Levrat konterte, Wermuth sei «naiv» – ein Vorwurf, den die Delegierten mit grosser Mehrheit stützten: Sie versenkten die Anträge, gar nicht erst auf die Migrationsdebatte einzusteigen oder das Papier zurückzuweisen, und bewahrten ihren Präsidenten damit vor einem Gesichtsverlust. Levrat hatte die Parteilinke um Wermuth überhaupt erst gegen sich aufgebracht, nachdem er vergangene Woche in der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» ungewohnt harte Töne in der Asylpolitik anschlug und neben Zentren für kriminelle Ausländer auch Rayonverbote und Zwangsausschaffungen forderte.

Ohne die Rede von Bundesrätin Simonetta Sommaruga wäre am Parteitag wie auch schon im Vorfeld die zentrale Kritik der SP an der Migrationspolitik im Getöse um die härtere Gangart in der Asylpolitik untergegangen. «Die Schweiz hat es nicht nötig, Firmen mit Steuerdumping ins Land zu holen», rief sie unter grossem Applaus in den Saal. Noch grösserer Applaus, als sie die mangelnde Integration internationaler Kaderleute anprangerte: «Ich finde es ziemlich arrogant, wenn ich im Schweizer Fernsehen Bankenvertreter sehe, die nur auf Englisch zum Publikum reden. Wer eine globale Bank führt, sollte einige Worte in einer Landessprache sprechen.» Nie schlug am gestrigen Samstag das sozialdemokratische Herz höher als in diesem Moment.

Einen kleinen Sieg errang die Parteilinke ganz zu Beginn des Parteitags, indem sie vertiefende Ausführungen ins Parteiprogramm hieven konnte, wie die SP den Kapitalismus überwinden will, während der Marketing-Flügel um den Berner Nationalrat Matthias Aebischer eine A4-Version des Parteiprogramms oppositionslos durchbrachte.

Die Delegierten pflügten sich in der Folge stundenlang durch den ersten Teil von insgesamt 139 Anträgen, die zum umstrittenen Migrationspapier eingereicht worden sind. Dabei ging es vor allem um flankierende Massnahmen gegen Lohndumping, Schwarzarbeit, Sozialmissbrauch und steigende Mietkosten. Mehrheitlich folgten die Delegierten der Geschäftsleitung. Den Juso gelang es einzig, die Integrationsvereinbarungen aus dem Migrationspapier zu kippen, die von Zuwanderern zwingend Massnahmen zur Integration forderten. Die Migrationsdebatte wird heute Sonntag weitergeführt.

Und während drinnen im Saal die SP mit grossen Worten an der Rettung der Welt arbeitet, scheitert draussen im Foyer diese Rettung schon im Kleinen. Die Delegierten müssen Penne oder Rindsvoressen mit Plastikbesteck aus Plastiktellern essen, den Kaffee aus Pappbechern trinken. Kein Wunder überquollen bei der Anti-Raucher-Partei bereits am frühen Nachmittag nicht nur die Aschenbecher, sondern auch die Abfallsäcke.

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