Noch vor den Sommerferien brodelte die Gerüchteküche. Viele glaubten, Micheline Calmy-Rey werde am 17.August ihren Rücktritt bekannt geben, an der ersten Bundesratssitzung nach den Ferien. Eine Aussage von SP-Präsident Christian Levrat in der «NZZ am Sonntag» schien das zu bestärken: «Calmy-Rey wird ihren Entscheid im Sommer fällen.»

Das wird kaum geschehen. Fast alle Indizien deuten inzwischen auf ein völlig neues Szenario hin: Calmy-Rey fällt den Entscheid, ob sie zurücktritt oder nicht, erst am 24. oder 25.Oktober. Unmittelbar nach den Nationalratswahlen.

«Es gibt keinen Grund, einen Rücktritt schnell anzukündigen», sagt SP-Nationalrat Carlo Sommaruga. «Das wäre, gerade auch in dieser wirtschaftlichen Krise, ein enormer Fehler.» Sommarugas Worte haben Gewicht. Der Genfer gilt als enger Vertrauter der Genferin Calmy-Rey. Insider erzählen, Calmy-Rey greife sonntags oft unvermittelt zum Handy und rufe Sommaruga an.

«Meine persönliche Analyse ergibt, dass es für die Partei am besten wäre, wenn sie ihren Entscheid erst unmittelbar nach den Nationalratswahlen vom 23. Oktober fällt», so Sommaruga. Für ihn hat dieses Szenario zwei Vorteile: Erstens weiss die SP dann, wie sich die Ausgangslage für die Bundesratswahlen vom Dezember präsentiert. Sommaruga: «Man weiss viel mehr. Ob die Grünen zugelegt haben, wie sich die FDP entwickelt hat.» Zweitens sei ein Entscheid nach den Wahlen auch für die Wahl-Kampagne besser. «Die SP könnte ihren Wählern ihr Programm deutlich besser kommunizieren.»

Der Druck auf Calmy-Rey, mit ihrem Entscheid zuzuwarten, wächst aber in der Partei generell. Mit einer Rücktritts-Ankündigung im August würde sich der Wahlkampf medial stark auf die Westschweizer Kandidatenkür fokussieren. Darauf haben in der Deutschschweiz nur wenige Lust. Vor allem die Frauen nicht. «Ein Macho-Wahlkampf mit Pierre-Yves Maillard, Alain Berset und Jean Studer stinkt uns», heisst es. «Damit wird die Schweiz auf die Westschweiz reduziert, wir spielen keine Rolle mehr.» Eine Argumentation, die selbst in der Westschweiz zu hören ist. Junge SP-Westschweizerinnen sollen Calmy-Rey gar schriftlich gebeten haben, ihren Entscheid erst nach den Wahlen zu fällen.

Anders als bei Moritz Leuenberger, als selbst die engste Parteispitze erst spätabends vom Rücktritts-Auftritt am nächsten Tag erfuhr, pflegt Calmy-Rey einen engen Kontakt. «Sie spielt mit», sagt ein Insider. «Und sie wird sich diesen Argumenten nicht verschliessen.»

Lange hatte ein Rücktritt im August aus einem Grund im Vordergrund gestanden: Nach dem katastrophalen Wahlergebnis, mit dem Calmy-Rey im Dezember zur Bundespräsidentin gekürt worden war, glaubte man in der SP, sie werde für die Partei im Wahljahr zum Handicap. Das hätte man mit einer Kandidatenkür verhindern können.

Doch das Blatt hat sich komplett gewendet. Calmy-Rey erhält für ihr Präsidialjahr Lob von allen Seiten. «Der Bundesrat als Gremium funktioniert. Anders als letztes Jahr», sagt Generalsekretär Thomas Christen. Und für die Partei sei eine Bundespräsidentin «Aushängeschild und deshalb zentral».

Immer unklarer ist, ob Calmy-Rey Ende Jahr überhaupt abtritt. «Ich spüre bei ihr eine unglaubliche Vitalität», sagt Jean Ziegler, Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates. «Sie ist überhaupt nicht müde. Und sie hat in der multilateralen Diplomatie eine Reihe kluger und wichtiger Projekte vor.» Der SP kommt das gelegen. Ihre Angst, einen Bundesrats-Sitz zu verlieren, ist spürbar. «Der Druck auf den zweiten Sitz ist relativ gross», sagt Christen. «Das weiss Frau Calmy-Rey.»

Ihr Vertrauter Sommaruga bringt aber noch ein ganz anderes Argument ins Spiel. «Vielleicht ist es plötzlich von nationalem Interesse, dass sie weitermacht», sagt er – und führt die unsicher gewordenen Zeiten an als Beleg. «Das könnte wichtig sein für die Stabilität in der Politik, der Wirtschaft und der Personalpolitik.» Die Schweiz stehe vor wichtigen Verhandlungen mit der EU. Diese werde weiter Druck aufsetzen. Sommaruga: «Da ist Frau Calmy-Reys Netzwerk von grosser Bedeutung.»

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