Herr Blocher, die Ostertage liegen hinter uns: Denken Sie oft an die eigene Vergänglichkeit?
Christoph Blocher: Natürlich. Der Tod gehört zum Leben, es gibt kein Leben ohne Tod. Was kommt danach? Da antworte ich mit einem meiner Lebensgrundsätze: Das Leben ist gegeben, also ist auch der Tod gegeben – darauf muss ich mich nicht besonders vorbereiten. Die Bilder von Albert Anker zeigen eindrücklich: Siehe, die Welt ist nicht verdammt! Es ist alles gegeben! Wir alle können ja nichts dafür, dass wir geboren sind.

Sie haben keine Angst vor dem Tod?
Wie heisst es in der Bibel? «In der Welt habt ihr Angst, aber ich habe den Tod überwunden.» In der Welt habe auch ich Angst. Aber letztlich sind die Menschen erlöst. Ich erinnere mich an eine Magd, die – unabhängig vom Kalendertag – jedem, der getröstet werden musste, mitgab: «Keine Angst, es geht auf Ostern!»

Die meisten Menschen haben Angst, etwa vor qualvollen Krankheiten am Ende des Lebens.
Eben weil wir in der Welt Angst haben! Nun komme ich auf einen zweiten Lebensgrundsatz: Es wird uns nie mehr auferlegt, als wir tragen können. Mein Vater ging noch weiter und sagte: «Seid verantwortungsvoll und mutig, mehr als das Leben können sie Euch nicht nehmen.» Dieser Gedanke half mir oft, denn ich kam immer wieder an meine Grenzen, etwa beim EWR-Kampf, beim Putsch im Bundesrat, und ich fürchtete auch, dass man mein Unternehmen kaputt macht.

Wir haben den Eindruck, dass Sie Angst vor dem Loslassen haben.
Schon als Unternehmer hörte ich diesen Vorwurf. Aber als es Zeit war, habe ich alle Unternehmen abgegeben. Die Kinder haben übernommen, ich habe losgelassen. Das wird eines Tages auch für die Politik gelten. Jetzt kann ich mich von meinen Lasten als Strategieverantwortlicher der SVP entbinden. Ich habe keine Lust am Tragen von Last, ich bin kein Masochist. Aber ich nehme es in Kauf.

In der SVP bleiben Sie die dominierende Figur –- egal, ob Sie Strategiechef sind oder nicht. Das zeigte sich auch in der Nationalbank-Affäre.
Toni Brunner ist Präsident, Adrian Amstutz Fraktionspräsident, ich vielleicht einer von sieben Vizepräsidenten. Ich bin gebeten worden, das zu tun. Ich werde mich für die Schweiz so oder so einsetzen. Das sehen Sie im Fall Nationalbank. Als sich der Verdacht verdichtete, dass die Spitze der Nationalbank, welche die Währung beeinflusst, selber mit Währungen spekuliert, musste ich handeln. Ich wusste, dass dies eine undankbare Sache sein würde. Doch nun ist das Ziel erreicht: Diese Interessenskonflikte wurden abgestellt, die Kontrolle verschärft, die Nationalbank ist wieder glaubwürdig. Was soll da all das Geschwätz über Ämtchen, Alter und dergleichen?

Trotzdem: Sie sind 71. Haben Sie den Eindruck, Sie seien noch gleich fit und schlagfertig wie vor zehn Jahren?
Vorläufig habe ich das Temperament und die Kraft, auch Ausserordentliches zu leisten. Das sagt mir zumindest mein Umfeld. Jeder, der sich selber beurteilt, muss aufpassen: Es gibt Leute, die älter werden und nicht merken, dass sie langsam gaga werden (lacht).

So lange Sie aktiv sind, kann sich in der SVP keine Führungskraft entfalten.
Soll ich denn Selbstmord machen?

Wie bitte?
Selbstmord! Weil alle sagen: Es nützt nichts, wenn du überall zurücktrittst. Solange du da bist, geht es nur um dich. Also bleibt nur der Selbstmord (lacht lange). Wo sind denn all die fähigen, jungen, nach politischer Verantwortung lechzenden Figuren? Allen stehen die Türen offen. Adolf Ogi meint zwar, man müsste zuerst verschwinden …

… er forderte Sie aber nicht gerade zum Suizid auf.
Nein, das dann doch nicht. Aber ich verstehe Adolf Ogi. So gut ich ihn mag, wir haben grosse Differenzen in der EU-Frage – immer gehabt. Er sehnt sich nach jungen Kräften – hoffentlich nicht nach solchen, die die schweizerische Unabhängigkeit preisgeben wollen. Auch ich warte darauf, dass ich nicht mehr nötig bin. Dann kann ich gehen.

Das kann sich Ihre Partei gar nicht leisten: Sie braucht Ihr Geld.
Wieder eine Fehlbeurteilung. Wenn die Parteien etwas brauchen, dann die politische Verlässlichkeit der Politiker. Wenn etwas unsere politischen Gegner stört, dann ist es meine politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit, die ich voll zugunsten unseres Landes nutze. Was ist denn der Vorwurf, den man mir macht? Ich sei zu stark! Zu dominant! Ja und?

Sie können sich durch Ihre Unabhängigkeit und Ihr Vermögen Dinge erlauben, die jeden anderen zu Fall brächten. Zum Beispiel haben Sie gelogen, als es um die Besitzverhältnisse bei der «Basler Zeitung» ging.
(Energisch) Nicht gelogen. Ich habe nichts Falsches gesagt, aber nicht die volle Transparenz gewährt. Das ist übrigens bei allen Verlagen so. Wenn Sie diese Transparenz für alle Verlage vorschreiben wollen, bitte tun Sie das.

Sie sagten, Sie seien bei der BaZ weder direkt noch indirekt finanziell beteiligt. Dabei war es Ihre Tochter. Also indirekt Sie!
Ich war weder direkt noch indirekt finanziell beteiligt. Meine Tochter hat den Verlag für eine Zwischenzeit erworben. Sie ist eine selbstständige Unternehmerin mit ihrem eigenen Vermögen. Warum war diese Konstellation nötig? Es ging und geht auch in Zukunft darum, der ungeheuren Medienkonzentration entgegenzuwirken, denn diese ist für eine Demokratie gefährlich. Heute sind die Verhältnisse auch für die «Basler Zeitung» klar, und die Medienvielfalt hat sich ein klein wenig verbessert. Ich bedaure, dass solche Umwege nötig waren.

Sie wenden bei anderen strengere Massstäbe an als bei sich selbst. Bei Philipp Hildebrand verlangten Sie volle Transparenz. Sie aber dürfen im Hintergrund tun, was Sie wollen.
Wieder eine Unterschiebung! Herr Hildebrand war oberster Chef der Notenbank, die für die Währungs- und Geldpolitik zuständig ist und damit die Währungen beeinflusst. Wenn einer nicht spekulieren darf, dann er. Dass dies noch von der Politik gedeckt wurde, ist geradezu korrupt! Hier ist Transparenz dringend notwendig – zum Wohl des Landes.

Auch als Bundesrat haben Sie sich Rechte herausgenommen, die Sie niemandem zugestehen würden: 2007 haben Sie als Regierungsmitglied den SVP-Wahlkampf orchestriert, laut «NZZ am Sonntag» wurden Millionenbeträge bar verschoben.
Warum glauben Sie als kritische Journalisten diesen Stumpfsinn? Ich habe den Wahlkampf nicht orchestriert. Eine Mitwirkung gibt es bei allen Bundesräten. Dagegen habe ich nichts. Dass ein Wahlkampf Geld kostet, ist selbstverständlich. Auch Barzahlungen sind der SVP willkommen.

Es stimmt also, dass riesige Geldsummen bar geflossen sind?
Ich sage nicht, woher wir unser Geld haben, das geht niemanden etwas an. Sie und alle Gegner möchten, dass die SVP diese Spender bekannt gibt, weil Sie wissen, dass es dann weniger Spenden gibt. Das gilt für alle Parteien. Darum hat das Parlament die Offenlegung ausdrücklich abgelehnt.

All diese leicht luschen Dinge schaden der SVP. Das kostet Wählerstimmen, ebenso wie Ihre Rolle im Fall Hildebrand. Das zeigen die kantonalen Wahlen.
Die SVP macht keine luschen Dinge! Wenn im Fall Hildebrand jemand lusche Dinge tat, waren er es selbst und die Aufsicht. Aber ich freue mich, dass Sie so besorgt sind, wenn die SVP nach 20 Jahren ununterbrochenem Erfolg etwas zurückfällt. Was ist schlimm daran, wenn wir ein bisschen verlieren? Eines zählt: Die Schweiz ist heute nicht in der EU. Ohne SVP wäre die Schweiz Mitglied. Ohne die SVP hätten wir die Schweizerische Nationalbank in den Händen von Währungsspekulanten.

Toni Brunner hat angekündigt, die SVP wolle wieder vermehrt politische Verbündete suchen. Wird die Zusammenarbeit mit der FDP einfacher, wenn Philipp Müller Präsident ist?
Ich hoffe es. Die Frage ist stets, wo und wie viel darf man nachgeben. In den grossen Fragen – wie der Unabhängigkeit, dem EU-Beitritt, den Ausländerfragen – konnten wir keine Verbündete finden. Vielleicht wird das jetzt eher möglich, wo doch das Debakel in der EU sowie in der Ausländer- und Asylpolitik offensichtlich ist.

Was halten Sie vom Steuerabkommen mit Deutschland?
Wir haben die Analyse noch nicht abgeschlossen, aber es zeigt sich immer mehr: Diesen Vertrag muss man ablehnen. Es ist himmeltraurig, dass tröpfchenweise immer neue Details aus diesem Vertrag zum Vorschein kommen und der Bundesrat nicht offen informiert. Man gibt überall leichtfertig und unterwürfig nach. Das Bankkundengeheimnis ist ein Bestandteil unseres Rechtsstaats. Ich wehre mich gegen Abkommen, die deutschen Staatsbeamten das Recht geben, Schweizer Banken in der Schweiz zu kontrollieren.

Wird die SVP im Parlament dagegen stimmen?
Das kann ich noch nicht sagen. Wir waren ursprünglich für eine Abgeltungssteuer, analog unserer Verrechnungssteuer im Inland. Aber vielleicht sind wir damit schon zu weit gegangen. Vielleicht hat Oswald Grübel doch recht gehabt, als er sagte: «Über so etwas verhandelt man gar nicht.» Dass ein Deutscher korrekt Steuern bezahlt, dafür sind der deutsche Steuerzahler und der deutsche Staat verantwortlich – und nicht die Schweiz. Und wir in der Schweiz müssen dafür sorgen, dass sich unsere Banken an die Rechtsordnung halten.

Das haben sie eben nicht immer getan.
Dann müssen sie dafür gerade stehen. Um all dies zu verhindern, geben wir doch nicht unseren Rechtsstaat und unsere Souveränität preis.

Die Realität ist aber so: Banker wollen ihre Haut retten und dafür ihre Kunden ans Messer liefern - und der Staat soll ihnen dabei helfen.
Darum braucht es jetzt unabhängige Politiker. Es gilt, die Souveränität der Schweiz und den Finanzplatz Schweiz zu retten – absurderweise gegen den Widerstand der Banken.

Unterstützen Sie die Referendumsdrohung der Auns gegen das Steuerabkommen?
Die Auns prüft das offenbar. Ein Referendum ankündigen ist das eine, man muss es aber auch durchstehen können. Gewisse Banken würden wohl für den Abstimmungskampf Millionen aufwerfen. Aber für mich ist klar: Wenn es ergriffen wird, bin ich bei den Vertragsgegnern.

Der Bundesrat sagt, das Abkommen sei wichtig, um den automatischen Informationsaustausch abzuwenden.
Ach was! Der Informationsaustausch kommt nicht, wenn wir ihn nicht wollen. Es heisst immer: «Es gibt nichts anderes» und die Schweiz stehe unter Druck. Leider sind die Verantwortlichen nicht mehr fähig, dem Druck zu widerstehen. Sie geben schnell nach. Das Problem ist, dass es der Schweiz im Vergleich zu den anderen gut geht. Dann wirds gefährlich. «Es ist nichts schwerer zu ertragen als eine Reihe guter Tage» – das hat ein Gescheiterer gesagt als ich, nämlich Goethe.

Wir wehren uns zu wenig, weil wir wohlstandsverwahrlost sind?
Verwahrlosung ist vielleicht etwas zu stark, aber wir haben dekadente Erscheinungen vor allem in der Politik. Standhaftigkeit ist nicht ihre Stärke. Im Wohlstand gibt es eben keinen Zwang mehr, eine unangenehme Situation auszuhalten. So entstehen keine starken Persönlichkeiten. Als in der vergangenen Woche in einer Kommission des Europarates die Abschaffung des Bankkundengeheimnisses und die Steuerharmonisierung in ganz Europa verlangt wurde und man darum auf die Schweiz eingeprügelt habe, soll CVP-Fraktionschef Schwaller nachher gejammert haben, er hätte sich als Schweizer schon sehr einsam gefühlt. Der arme Kerl! Warum hat er diesen Europäern nicht gesagt, dass sich die Schweiz unter all den europäischen Pleitestaaten und Steuerwüsten als Steueroase nicht zu schämen braucht?

Christoph Blocher, geboren am 11. Oktober 1940, wuchs als siebtes von elf Kindern in einer Pfarrfamilie in Laufen ZH auf. Er ist verheiratet mit Silvia Blocher und hat drei Töchter und einen Sohn. Ihnen hat er seine Unternehmen, darunter die Ems-Gruppe, verkauft, als er 2003 in den Bundesrat gewählt wurde. 2007 wurde er wieder abgewählt, seit den Wahlen im vergangenen Herbst sitzt er im Nationalrat. Blocher stieg 1974 in die Politik ein – damals wurde er Gemeinderat in Meilen ZH. Kurz darauf wurde er Kantonsrat, von 1979 bis 2003 war er Nationalrat. Blocher machte die SVP zur wählerstärksten Partei und verhinderte 1992 den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Zuletzt sorgte Blocher für Schlagzeilen, weil er den Fall Hildebrand ins Rollen brachte.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!