Es ist paradox: Mehr als ein Drittel der Wohnbevölkerung im Alter von über 15 Jahren hat das, was man etwas holprig einen Migrationshintergrund nennt. Das ist so viel wie in kaum einem anderen europäischen Land. Fast 900 000 Personen mit ausländischen Wurzeln haben den Schweizer Pass. Und obwohl diese Gruppe ständig wächst (jedes Jahr werden 35 000 Ausländer eingebürgert), gibt es kaum gesicherte Daten darüber, wie sie politisch ticken.

Nun liegt erstmals eine detaillierte Untersuchung des Wahlverhaltens der neuen Schweizer vor. Erarbeitet hat sie der Schweizer Politologe Oliver Strijbis, der am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialverhalten forscht. Seine Studie, die in der kommenden Ausgabe der «Swiss Political Science Review» erscheint, zeigt: Schweizer mit ausländischen Wurzeln wählen vermehrt links. Doch es gibt Unterschiede. Je nach Herkunft und Sozialisierung der Migranten profitieren auch bürgerliche Parteien.

Stärkste Partei bei den neuen Schweizern ist die SP, die in den vergangenen Nationalratswahlen 24 Prozent der Stimmen aus dieser Gruppe gewann. Das ist deutlich mehr als ihr realer Wähleranteil von 18,7 Prozent – und es ist auch mehr als die 17 Prozent, welche die SP bei Schweizern ohne Migrationshintergrund erzielte. Tendenziell besser schneiden bei den neuen Schweizern auch die Grünen sowie die Grünliberalen ab. Die zweitbeliebteste Partei ist aber die SVP, die 22 Prozent der Stimmen erhielt. Von den Schweizern ohne Migrationshintergrund wählten 28 Prozent die Volkspartei; ihr realer Wähleranteil betrug 26,6 Prozent.

Untersucht hat Strijbis Migranten der ersten und der zweiten Generation. Er unterscheidet drei Gruppen:
> Angehörige von sogenannten Outgroups, also Leuten, die sich diskriminiert fühlen oder Ziel von ausländerfeindlichen Kampagnen werden. Dazu zählen Personen mit Wurzeln in der Türkei, den Staaten des ehemaligen Jugoslawien und in muslimischen Ländern. Sie wählen überproportional häufig SP, weil sie darin die Partei sehen, welche die Rechte und Interessen der Einwanderer verteidigt.

> Gastarbeiter aus Südeuropa, also vor allem aus Italien, Spanien und Portugal sowie ihre Kinder. Auch sie wählen vermehrt links, allerdings in geringerem Ausmass. Obwohl besonders die Italiener in ihrer Heimat oft christlichdemokratisch sozialisiert wurden, profitiert die CVP davon nicht.

> Einwanderer aus Staaten des ehemaligen Ostblocks, also Tschechien, Slowakei, Ungarn oder Polen. Sie haben oft einen Abwehrreflex gegenüber linken Parteien, der sie bürgerlich wählen lässt.

Hartnäckig hält sich die Vermutung, dass Eingebürgerte rechter wählen als Schweizer, um sich gegenüber anderen Ausländern abzugrenzen. «Das ist ein Mythos», sagt nun Studienautor Strijbis. «Das Gegenteil ist wahr: Viele Migranten werden eher linker, weil sie sich zu einer Outgroup zählen.»

Insgesamt wählen die Schweizer mit Migrationshintergrund jedoch weniger links als in anderen europäischen Ländern. «Die hohen Hürden bei den Einbürgerungen führen zu einer Selektion», sagt Strijbis: «Den Pass erhalten jene, die sich kulturell wenig von den Schweizern ohne Migrationshintergrund unterscheiden. Sie wählen entsprechend auch ähnlich.»

So jung die Forschung zu diesem Thema ist, so schwer tut sich die Politik mit den neuen Schweizern. Dabei haben Parteien in anderen Ländern das Potenzial längst erkannt. In Deutschland sind besonders Türkischstämmige eine begehrte Zielgruppe. Bereits 2002 trugen sie dazu bei, dass die SPD und die Grünen nach einer äusserst knappen Wahl noch den Sieg holten. Die türkische Zeitung «Hürriyet» rief Gerhard Schröder anschliessend zum «Kanzler von Kreuzberg» aus, nach dem Berliner Ortsteil, in dem viele Türken zu Hause sind.

Von der SPD lernen wollen nun die Schweizer Sozialdemokraten. Sie richten ihren Wahlkampf auf die Migranten aus. Doch warum ist gerade die SP in dieser Gruppe derart beliebt? Ein Grund liegt wohl darin, dass sie sich früh und vehement gegen die SVP gestellt hat, die ihren Aufstieg auch den Kampagnen gegen kriminelle Ausländer und übermässige Einwanderung verdankt. Das führt dazu, dass sie sogar Einwanderer anzieht, die nicht unbedingt links stehen.

Mustafa Atici ist türkischer Abstammung und sitzt seit 2005 für die SP im Grossen Rat des Kantons Basel-Stadt. Die Basler SP fördert seit Jahren Kandidaten mit Migrationshintergrund. «Es gibt unter den Migranten viele Kleinunternehmer und Leute, die in ihrer Heimat konservativ wählten», sagt Atici. «Sie sind vielleicht mit manchen Dingen in der SP nicht einverstanden, aber sie kommen trotzdem zu uns, weil keine andere Partei so offen ist für Migranten.»

FDP-Nationalrat Fathi Derder, Sohn eines Algeriers und einer Walliserin. Er könne nachvollziehen, dass sich viele Einwanderer reflexartig als Teil einer Minderheit fühlten, die Schutz brauche: «Die SP nutzt das durch geschicktes Marketing aus.» Es seien aber liberale Werte, die das Schweizer Modell ausmachten, sagt Derder – und meint damit offene Grenzen, eine liberale Wirtschaft und Gesellschaft. Sozialdemokratische Politik biete dabei nicht das, was sich viele Migranten wünschten: «Ein Maximum an Freiheit.»

Fest steht, dass Schweizer mit ausländischen Wurzeln bisher deutlich seltener wählen gingen als solche ohne Migrationshintergrund. Wenn allerdings die Parteien ihre Bemühungen um eine Mobilisierung dieser Gruppe intensivieren, dürften nächsten Herbst so viele von ihnen wählen wie nie zuvor – mit leichtem Vorteil für die SP.

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