Seit dem «Pisa-Schock» im Jahr 2000 hat der internationale Schülervergleich nicht mehr so hohe Wellen geschlagen wie diese Woche. In Bern traten Erziehungsdirektoren, Bildungsexperten und Lehrer mit finsterer Miene vor die Presse. Mit «grosser Sorge» würden sie die «desolate Situation» beobachten. Dabei geht es nicht um die Leistung der Schüler, es geht um den Pisa-Test selbst. Weil die Daten neu mit dem Computer erhoben werden, seien keine Vergleiche zu früheren Leistungen mehr zulässig. Der oberste Pisa-Verantwortliche, der Deutsche Andreas Schleicher, weist die Kritik von sich. Ans Rumpelstilzchen erinnere ihn der eine oder andere in der Schweiz, sagte er der «Nordwestschweiz». Nun nimmt er erstmals ausführlich Stellung zur Kritik und erklärt, warum Singapur in allen Rankings führt. Nein, mit Drill habe das nichts zu tun.

Herr Schleicher, die Schweizer Erziehungsdirektoren kritisieren in einem Brief an die OECD die Verlässlichkeit der neusten Pisa-Daten. Welche Fehler haben Sie begangen?
Andreas Schleicher: Die Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Die Studie wurde gemeinsam mit allen OECD-Ländern konzipiert und durchgeführt. Wir haben mit der jüngsten, computerbasierten Erhebung den digitalen Übergang vollendet. Das war unerlässlich. Die Welt hat sich dramatisch verändert. Die Schweizer Erziehungsdirektoren pochen darauf, die Tests identisch zu halten, damit alles vergleichbar bleibt. Aber wenn wir das tun, werden die Ergebnisse irrelevant. Die Jugend liest heute auf dem Tablet, nicht mehr in Büchern. Ausserdem haben wir methodisch dafür gesorgt, dass die Daten vergleichbar bleiben.

Dennoch gibt es Ungereimtheiten. Wie erklären Sie sich, dass einzelne Länder wie Korea oder die Türkei in Mathematik 30 bis 40 Punkte schlechter sind als vor drei Jahren? Das entspricht einem kompletten Schuljahr.
Die Pisa-Studien wechseln alle drei Jahre ihren Schwerpunkt. Dieses Mal standen die Naturwissenschaften im Fokus, wie zuletzt 2006. Die Unterschiede zu damals sind gering, die Daten hochkonsistent. Die Erhebungen zum Lesen und zur Mathematik muss man vorsichtig interpretieren. Ich habe andere Bedenken: Das Problem ist vielmehr, dass die Daten so konsistent sind. Die Pisa-Studie weist für die Schweiz fast die gleichen Resultate aus wie 2006. Und das in einer komplett anderen Welt. Es braucht mehr Dynamik im System.

Der Lehrplan 21 soll nun alle Lernziele harmonisieren. Welchen Einfluss kann der Wechsel haben?
Potenziell einen sehr grossen. Es muss jeder Schule, jedem Lehrer, jedem Schüler klar sein, was eine gute Leistung ist. Da helfen verbindliche Bildungsziele. Lehrpläne sind aber nur der erste Schritt. Die Frage ist immer: Wie werden die Vorgaben in den Klassenzimmern umgesetzt?

Das scheint in der Mathematik gut zu funktionieren. Wir sind europaweit die Besten.
Darin sind die Schweizer Schüler traditionell sehr gut, das ist erfreulich, weil es ein bedeutendes Grundlagenfach ist. Sie lernen nicht nur Theorie und Formeln, sondern können mathematisch denken und komplexe Probleme kreativ lösen.

Beim Lesen sind unsere Schüler biederer Durchschnitt. Warum gelingt der Schweiz hier kein Sprung nach vorne?
Wenn man die Unterrichtszeit im Verhältnis zu den Ergebnissen anschaut, sind die Leistungen ganz gut. Aber mit dieser Frage kommen wir wieder auf die digitalen Veränderungen und die Kritik zurück. Vor 10 Jahren gab es keine iPhones, kaum soziale Medien oder Big Data. Damals konnte man von solchen Entwicklungen nur träumen. Dieser Veränderung tragt ihr zu wenig Rechnung. Da erwarte ich deutlich mehr vom Schweizer Bildungssystem.

Welche Rolle spielt die digitale Revolution in der Entwicklung?
Darüber sagt die Pisa-Studie weniger aus. Bleiben wir beim Beispiel des Lesens: Die Quantität des Lesens nimmt zu, allerdings sind die Strukturen, die wir lesen, heute anders. 140 Zeichen auf Twitter haben nichts mit einem komplexen Text zu tun. Wie die sozialen Medien die Leseleistungen beeinflussen, darüber streiten sich die Experten. Umso wichtiger ist der internationale Vergleich, um zu sehen, welche Bildungssysteme erfolgreich sind und welche nicht.

Welche Hinweise gibt Pisa 2015 an die Schweizer Bildungspolitik?
Was in der Schweiz auffällt, ist der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die Leistung. Die Schweiz hat ein Problem mit der Chancengleichheit. Kinder aus ärmeren Verhältnissen haben oft mehr Mühe in den Klassen. Den Schulen gelingt es nicht, diesen Nachteil auszugleichen.

Wer ist uns da voraus?
Die nordischen Staaten Europas, die meisten asiatischen Bildungssysteme, aber auch Grossbritannien schaffen es, leistungsschwache Schüler frühzeitig zu fördern. Da sind vor allem die Lehrer gefragt, die Leistungsdefizite frühzeitig diagnostizieren und dann eingreifen müssen.

Welche weiteren Schweizer Eigenheiten sind Ihnen aufgefallen?
Nur ein kleiner Teil der Schweizer Schüler sieht seine Zukunft in den Naturwissenschaften. Das ist überraschend und in der heutigen Zeit ein Problem. Die Naturwissenschaften gewinnen an Bedeutung, das gilt für den Alltag, aber auch für die Berufswelt.

Besonders Mädchen zeigen wenig Interesse. Wie lässt sich das ändern?
Es geht darum, Begeisterung zu schaffen. Der naturwissenschaftliche Unterricht muss kein trockenes, theoretisches Fach bleiben. Hier sind nicht nur Lehrer, sondern auch die Eltern gefragt.

Singapur sticht in der neusten Erhebung hervor, steht in allen drei Kategorien auf Platz 1. Warum?
Das Resultat ist umso beeindruckender, weil nicht nur die Leistung top ist, sondern – anders als in der Schweiz – auch die Begeisterung der Schüler für die Naturwissenschaften sehr gross ist. In Singapur sind Politik und Praxis stark verzahnt. Es ist ein professionalisiertes System, in dem Lehrer entscheidend am Design des Unterrichts beteiligt sind. Sie werden nicht bloss als Personen gesehen, die den Lehrplan umsetzen müssen. In Singapur hat jeder Lehrer etwa 100 Stunden Weiterbildung pro Jahr. Jede Schule unterhält professionelle Arbeitsgruppen, in denen sie ihren Unterricht gemeinsam vor- und nachbereiten. Davon können sich auch Schweizer Lehrkräfte etwas abschauen.

Sind die guten Resultate nicht auch darauf zurückzuführen, dass im asiatischen Raum die Kinder stark von den Schulen und ihren Eltern gedrillt werden?
Naja, das sind stereotype Vorstellungen, mit denen wir vorsichtig umgehen müssen. Wenn es nur Drill wäre, wären sie zwar im Fachwissen grossartig, aber nicht im Methodenwissen und im Lösen anspruchsvoller Probleme. Sie können komplexes Wissen besser auf andere Themen übertragen als Schweizer Schüler. Das ist mit Drill nicht zu erreichen.

Zum Schluss nochmals zu unseren Lehrern: Sie sprechen wegen der neuen Pisa-Methode von einer «desolaten Situation» und stellen die Teilnahme am Test infrage. Wie reagieren Sie darauf?
Das ist die Entscheidung jedes Landes. Jährlich wird unsere Teilnehmerzahl grösser, aussteigen will keiner.

Haben sich andere Länder über die Daten 2015 beschwert?
Bis heute habe ich nur Post aus der Schweiz erhalten.

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